Wenn Täter und Opfer einander begegnen

Ehemaliger IRA-Kämpfer & Tochter des Bombenopfers waren zu Gast in Klagenfurt

100 Menschen im Raum und absolute Stille. Alle lauschen gebannt der Geschichte von Jo Berry und Patrick Magee. Zwei FriedensaktivistInnen, die etwas sehr Ernsthaftes, Trauriges, aber zugleich auch Wundervolles miteinander verbindet.
Denn Jo ist die Tochter des Bombenopfers. Und Pat hat die Bombe gelegt.
Seit 18 Jahren befinden sich die beiden auf einer Reise des Friedens und der Versöhnung. Wie es dazu gekommen ist, was sie seither erlebt und erfahren haben, erzählten sie auf Einladung des Katholischen Bildungswerkes Kärnten am 28.November 2018 auf der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt. Ins Deutsche übersetzte Marie-Luise Bach, durch den Abend führte Cindy Sablatnig.

Wir schreiben das Jahr 1984, die Irisch-Republikanische Armee befindet sich in gewaltsamer Auseinandersetzung mit den protestantischen Unionisten. Während des Konservativen Parteitags am 12. Oktober explodiert eine Bombe im Grand Hotel in Brighton. 5 Menschen werden getötet, mehr als 30 verletzt. Dafür verantwortlich: Patrick Magee, Mitglied der IRA.

Für Jo Berry, deren Vater bei diesem Anschlag sein Leben verliert, beginnt mit diesem Tag eine schwierige und zugleich unglaubliche Reise.

“I was 27 when my father was killed, and within two days of that it was important for me to find something positive out of it, to bring some meaning and to even understand those who killed him.” - Jo Berry

Währenddessen wird Patrick Magee zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Aufgrund des Karfreitagsabkommens wird er jedoch bereits nach 14 Jahren aus dem Gefängnis entlassen. Als Jo die Freilassung im Fernsehen sieht, fasst sie einen mutigen Entschluss. Sie will Pat persönlich treffen, mit ihm reden, ihn verstehen.

Am 24.11.2000 ist es dann soweit. Jo und Pat sitzen einander gegenüber, in ihnen beiden herrscht eine Zerrissenheit der Gefühle. Aus den ersten Worten wird ein dreistündiges Gespräch. Patrick erzählt, warum er damals die Bombe legte, er versucht, sich aus politischer Perspektive zu erklären. Und Jo?
Sie hört einfach nur zu. „So offen, ruhig und ohne jegliche Feindlichkeit“, wie er es zuvor noch nie erlebt hat. Wie er es sich von seinen Gegnern immer gewünscht hätte.

„I want to hear your anger, to hear your pain."

Plötzlich ist der Tod von Jo`s Vater nicht mehr nur Teil eines politischen Konflikts sondern die Geschichte und der Verlust eines individuellen Menschen.

Heute, 18 Jahre später, sitzen die beiden nebeneinander auf der Bühne, ruhig, offen und ohne jegliche Feindlichkeit.

„Today I´m able and happy to say that Pat is my friend“. – Jo

Erstaunen und Berührtheit im Publikum. Als die Fragerunde eröffnet wird, zeigt sich, wie sehr die Geschichte von Jo und Pat die ZuhörerInnen beschäftigt.

„Jo, was sagt deine Familie dazu, dass du mit dem Mann befreundet bist, der deinen Vater ums Leben brachte?“

„Wie geht es deiner Familie damit dass du für die IRA gekämpft hast?“

„Würdest du es heute wieder tun?“

„Vielen Dank, dass ihr eure Geschichte mit uns teilt, und nicht müde werdet, euch für Frieden und Versöhnung einzusetzen!“

Als die Moderatorin um 21.30 Uhr die Veranstaltung schließt, erklingt tosender Applaus.

Ihre gemeinsame Reise des Friedens und Versöhnung wird weiterhin andauern. Wir selbst haben jeden Tag die Chance uns ebenfalls für diesen Weg zu entscheiden und ihn mit Jo Berry und Patrick Magee gemeinsam zu gehen. Die zentralen Werte und Taten dafür liegen sehr nahe: einander zuhören, mit Empathie begegnen, den Mensch und seine Menschlichkeit sehen. So können wir es schaffen zwischen zwei gegenüberliegenden Positionen eine Brücke des Friedens zu bauen.

Foto: Florian Wolbank
Foto: Lukas Wolbank

Es gibt keinen Weg zum Frieden, denn Frieden ist der Weg. - Mahatma Gandhi