Gefangenenchor mit Jailhouse Rock

Katholisches Bildungswerk Kärnten erhielt den Bildungspreis des Landes für Erwachsenenbildung

Brücken bauen zu jenen, die hinter Gefängnismauern sitzen. Ein Beispiel von vielen für das Leitbild der Diözese: „Mit Jesus Christus den Menschen nahe sein“. von Ingeborg Jakl

Probenraum in der Gefängniskapelle in der Klagenfurter Justizanstalt. Unter Leitung von Eduard Oraˇze wird hier geprobt und musiziert. (© Foto: K.K.)
Probenraum in der Gefängniskapelle in der Klagenfurter Justizanstalt. Unter Leitung von Eduard Oraˇze wird hier geprobt und musiziert. (© Foto: K.K.)

Die Kapelle: Auf den ersten Blick wuchtig mit hohen Wänden. Auf den zweiten Blick: Sprossen, die Gitter sind. Auf den dritten Blick: Glasscheiben, zu dick, um sie zu zerschlagen. Männer kommen herein. Junge, alte, große, kleine, weiße, farbige. Gesichter mit den unterschiedlichsten Lebenslinien. Eines ist allen gleich: Sie lächeln und strecken die Hand dem auf sie Wartenden entgegen. Es sind Betrüger, Drogendealer, Einbrecher. Aber: Gemeinsam sind sie der Gefangenenchor der Klagenfurter Justizanstalt. Ihr Probenraum die Kapelle der Justizanstalt.

An die Eingangstür gelehnt schaut Peter Bevs, Leiter der Justizanstalt, zu und sieht die herzliche Begrüßung per Handschlag mit Chorleiter Eduard Oraˇze. Seit über eineinhalb Jahren leitet er, im Hauptberuf Volksschuldirektor und leidenschaftlicher Musiker, einen Chor, der seinesgleichen sucht. „Wir vermitteln mit dem Chorprojekt nach außen hin einmal ein ganz anderes Bild von Vollzug“, erklärt Bevs. Quasi ein positives Beispiel dafür, wozu Gefangene auch noch fähig sind. „Die Motivation der Sänger ist unglaublich“, schwärmt Oraˇze. „Wir sind ein sehr leistungsfähiger Chor, durchaus noch ausbaufähig“, so sein Urteil.

Zeit sinnvoll nutzen
Was vor 18 Monaten als Pilotprojekt begann, entwickelte sich recht schnell zu einer verschworenen Gemeinschaft. Wenn Mitglieder ersetzt werden mussten, weil sie wieder in die Freiheit zurückkehren konnten, kamen schnell neue Kandidaten dazu, die sich wie selbstverständlich einfügten.
Möglich gemacht hat diese Initiative das Katholische Bildungswerk Kärnten. Mit dieser Bildungsarbeit in der Justizanstalt Klagenfurt versuchen die Verantwortlichen nämlich, einen wichtigen Kernpunkt zu bearbeiten, gewissermaßen als bildnerische Resozialisation. Bildungsreferentin Dolma Breunig: „Viele der Insassen nutzen die Zeit in der Haft, um zu lernen, wie sie mit sich selbst und ihren Emotionen besser umgehen und aus der Gewaltspirale aussteigen können.“ Wegsperren und Bestrafen sind keine adäquaten Mittel, denn alle diese Menschen kommen nach einiger Zeit wieder in ihre Familien und in die Gesellschaft zurück. „Daher muss die Möglichkeit zur Veränderung gegeben werden, wenn sich nicht alles wiederholen soll“, ist sie überzeugt.


Wertschätzung gegenüber Insassen
Auf diese Weise sind in den letzten Jahren verschiedenste Formen der Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen durch das Bildungswerk in der Justizanstalt angeboten worden, und zwar mit dem Ziel, die Kommunikation zur Ich-Stärkung zu forcieren. Als Einstiegshilfe gibt es ein wohldurchdachtes Kommunikations- und Konfliktlösungstraining. Koordinatorin Susanne Axmann, selbst Künstlerin und mit dieser Aufgabe seit Jahren vertraut, hat eine ganz Reihe von Weiterbildungsmöglichkeiten zusammengestellt. Durch ihr Engagement ist es auch gelungen, geeignete Lehrende für einen Unterricht der speziellen Art zu begeistern. Sie bieten den Insassen der Justizanstalt u. a. Malen, Keramikarbeit, Schreibwerkstätte, Englisch, Forum- und Interventionstheater sowie Computertechnik, „Jailhouse Rock“ und „Häfn Hiphop“.


„Die Erwachsenenbildner, die von draußen kommen, begegnen den Menschen in der Justizanstalt wie allen anderen Teilnehmern bei ihren Veranstaltungen offen, interessiert und wertschätzend“, erklärt dazu Axmann. Das fördere bei den Insassen ungeahnte Fähigkeiten. „Sie sind plötzlich in der Lage, über den Umweg Rap über sich und ihr Schicksal zu sprechen“, sagt einer der Lehrenden, Dieter Bucher. Der Musikpädagoge, Komponist und Texter steht auf dem Standpunkt: „Jeder Mensch hat künstlerisches Potenzial. Wir helfen nur beim Wecken und entwickeln es weiter.“ Über das gemeinsame Musizieren haben viele von den Teilnehmern erstmals das Funktionieren einer Gruppe erlebt“, gewichtet Chorleiter Oraˇze diesen begeisternden Aktionismus hinter den Mauern. Plötzlich haben seine Chormitglieder begonnen, aufeinander zu hören und in weiterer Folge Rücksicht zu nehmen. Der Gefangenenchor ist für einige das erste erfolgreiche Gruppenerlebnis seit der Volksschulzeit. „Ich habe mit neun Jahren mal ein Sommerfest mitgestaltet“, verrät einer der Insassen. Und weiter: „Hier muss man sich ständig Sprüche von den Leuten anhören wie: ‚He, du singst im Chor.‘ Dann tun die so, als ob sie ganz cool wären, dabei ist es gar nicht so einfach, hier zu singen. Die anderen trauen sich das nur nicht, aber sagen das nicht so, sondern lästern einfach: ‚Singen ist blöd.‘ „Die Mitglieder aus verschiedenen Nationen und unterschiedlichen Kulturen wachsen beim Singen zusammen und überwinden damit Barrieren“, stellt Axmann wiederholt fest.


Bildungspreis für Engagement
„Wir arbeiten im Gefängnis, begleiten Menschen, bauen Brücken und ermöglichen Freiräume, damit das Leben in Haft auch noch einen anderen Sinn bekommt“, so Breunig. Für diesen engagierten und beispielhaften Einsatz erhielt das Katholische Bildungswerk jetzt den Bildungspreis des Landes Kärnten 2012 für Erwachsenenbildung. Ein Ansporn, auch weiterhin dort tätig zu sein, wo nicht immer alle Augen hinblicken, weil es hier keine Seitenblickegesellschaft gibt. Nämlich hinter die Gefängnismauern. Dort sind Menschen, „die wir bestärken wollen in ihrem Bemühen, umzukehren. Schön wäre es, wenn sie danach ein Leben ohne weitere Straffälligkeit führen könnten“, wünscht sich Bildungsreferentin Dolma Breunig.