Care-Arbeit ist Arbeit.
Offener Brief an Bundeskanzler Christian Stocker
Sehr geehrter Herr Bundeskanzler,
Ihre Aussage „Kinderbetreuung ist für mich keine unbezahlte Arbeit, weil Kinderbetreuung würde ich nicht als Arbeit sehen“ hat mich als Frau, Mutter, Pädagogin, Arbeitnehmerin und Vizepräsidentin der Katholischen Aktion Kärnten tief betroffen gemacht.
Sie haben sich inzwischen für diese Aussage entschuldigt. Das ist richtig und notwendig. Dennoch sollte die Debatte damit nicht beendet sein. Denn hinter dieser Aussage steht eine grundsätzliche gesellschaftspolitische Frage: Welchen Wert geben wir jener Arbeit, die täglich in Familien und Gesellschaft geleistet wird, aber auf keinem Lohnzettel aufscheint?
Kinder zu betreuen und zu erziehen ist Arbeit. Angehörige zu pflegen ist Arbeit. Einen Familienalltag zu organisieren, Termine zu koordinieren, zu kochen, zu begleiten, zu trösten und Verantwortung für andere Menschen zu tragen, ist Arbeit. Diese Arbeit wird vielfach unbezahlt geleistet und ist dennoch unverzichtbar.
Noch immer wird ein großer Teil der Care-Arbeit von Frauen geleistet – von der Kindererziehung über die Betreuung pflegebedürftiger Angehöriger bis hin zur Organisation des Familienalltags. Würde diese meist unbezahlte Arbeit wegfallen, könnten weder Familien noch Wirtschaft oder unser Gesundheits- und Pflegesystem in ihrer heutigen Form funktionieren.
Besonders hart ist die Lebensrealität vieler Alleinerzieherinnen. Manche arbeiten nicht nur in einem, sondern in zwei oder sogar drei Beschäftigungsverhältnissen gleichzeitig, um ihren Kindern ein gutes Leben ermöglichen und die laufenden Kosten bezahlen zu können. Oft bleibt ihnen kaum eine andere Wahl: Ein einzelnes Teilzeiteinkommen reicht nicht aus, eine Vollzeitbeschäftigung ist aufgrund der Betreuungszeiten aber vielfach nicht möglich. So wechseln sie zwischen Arbeitsplatz, Kinderbetreuung und Haushalt, und tragen gleichzeitig die gesamte Verantwortung für ihre Familie.
Auch die Pflege von Angehörigen wird überwiegend in den Familien und vielfach von Frauen übernommen. Weil Pflege und Betreuung oft sehr viel Zeit brauchen, reduzieren viele ihre Erwerbstätigkeit oder geben sie zeitweise ganz auf. Das bedeutet weniger Einkommen und später oft auch eine deutlich niedrigere Pension. Dabei sind diese Leistungen unverzichtbar für unsere Gesellschaft. Trotzdem erfahren sie oft nicht jene gesellschaftliche und politische Wertschätzung, die sie verdienen.
Sehr geehrter Herr Bundeskanzler, ich wünsche mir deshalb, dass aus der entstandenen Debatte mehr folgt als eine Entschuldigung.
Es braucht eine politische Diskussion darüber, wie unbezahlte Sorgearbeit endlich angemessen anerkannt und jene Menschen besser abgesichert werden können, die sie leisten. Dazu gehören leistbare und verlässliche Kinderbetreuung, bessere Rahmenbedingungen für Alleinerziehende, eine stärkere soziale Absicherung von Menschen mit Betreuungspflichten und eine faire Verteilung von Erwerbs- und Sorgearbeit zwischen Frauen und Männern.
Als gläubige Christin fühle ich mich der christlichen Soziallehre verpflichtet. Im Mittelpunkt stehen die Würde jedes Menschen, Solidarität und Verantwortung füreinander. Die Sorge für Kinder, ältere, kranke oder hilfsbedürftige Menschen ist deshalb kein privates Nebenthema und schon gar kein Hobby. Sie gehört zum Fundament einer solidarischen Gesellschaft.
Eine Gesellschaft lebt von Menschen, die Verantwortung füreinander übernehmen. Der Wert von Sorgearbeit für ein gutes Zusammenleben darf nicht verkannt werden.
Deshalb richte ich an Sie, Herr Bundeskanzler, eine klare Aufforderung: Nutzen Sie diese Debatte, um Care-Arbeit stärker ins Zentrum der österreichischen Familien-, Sozial- und Arbeitsmarktpolitik zu rücken. Sprechen Sie mit jenen Frauen und Männern, die diese Arbeit jeden Tag leisten. Hören Sie insbesondere Alleinerziehenden, pflegenden Angehörigen und Familien zu. Und lassen Sie Ihrer Entschuldigung konkrete politische Schritte folgen.
Kinder zu erziehen, Angehörige zu pflegen und Verantwortung für andere Menschen zu übernehmen, ist Arbeit – jeden Tag. Diese Arbeit verdient nicht nur schöne Worte und Anerkennung, sondern Rahmenbedingungen, die den Menschen, die sie leisten, ein gutes und selbstbestimmtes Leben ermöglichen.
Care-Arbeit ist Arbeit. Sie verdient Anerkennung – gesellschaftlich, finanziell und politisch.
Alexandra Praster, Vizepräsidentin der Katholischen Aktion Kärnten