13er Wallfahrt mit dem Präsidenten der Katholischen Aktion Marc Germeshausen
Am Sonntag, dem 13. September konnten zahlreiche Wallfahrerinnen und Wallfahrer im Rahmen der 13er Wallfahrt den Präsidenten der Katholischen Aktion Marc Germeshausen als Festprediger willkommen heißen.
Pfarrer Ulrich Kogler feierte diesmal die 13er Messe und Luca Fian stand als Beichtpriester zur Verfügung. Der Gottesdienst wurde vom Chor "Herztöne" unter der Leitung von Apostolos Kalos in eindrucksvoller Weise musikalisch gestaltet.
Da derzeit aufgrund der Innenrenovierung die große Orgel nicht gespielt werden kann, entschloss sich Organist Nicklas Dovjak kurzerhand ein Klavier in die Kirche zu bringen und darauf zu spielen.
Die Ansprache von Marc Germeshausen zum Nachlesen:
Liebe Schwestern und Brüder,
liebe Wallfahrerinnen und Wallfahrer!
„Mit Franziskus und Maria Nachfolge leben – Armut als Weg zur inneren Freiheit.“
Ein anspruchsvolles Thema steht über dieser 13er Wallfahrt hier in Maria Rain. Vielleicht sogar eines, das zunächst ein wenig unbequem klingt.
Denn wer von uns möchte schon arm sein?
Wir leben in einer Gesellschaft, in der uns vieles in eine andere Richtung weist. Wir sollen etwas erreichen. Wir sollen besitzen. Wir sollen uns absichern. Wir sollen erfolgreich sein. Wir sollen uns darstellen und möglichst unabhängig sein.
Und mitten hinein in diese Welt hören wir heute den Satz des Apostels Paulus:
„Keiner von uns lebt sich selber.“
Und vielleicht ist das der Schlüssel für das, was christliche Armut eigentlich bedeutet.
Armut im christlichen Sinn bedeutet nicht, Not zu verklären. Es bedeutet nicht, dass Besitz grundsätzlich schlecht wäre. Und es bedeutet schon gar nicht, dass wir uns mit der Armut anderer Menschen abfinden dürften.
Christliche Armut beginnt vielmehr mit einer Frage:
Woran hängt mein Herz?
Was brauche ich, um mich sicher zu fühlen?
Was brauche ich, um mich wichtig zu fühlen?
Was kann ich nicht loslassen?
Mein Geld?
Meine Stellung?
Meine Vorstellungen?
Meine Gewohnheiten?
Vielleicht sogar meinen Ärger, meine Verletzungen und meinen Stolz?
Denn man kann wenig besitzen und trotzdem unfrei sein. Und man kann Verantwortung für vieles tragen und dennoch innerlich frei sein.
Maria: die Freiheit, sich Gott anzuvertrauen
Wenn wir hier in Maria Rain auf Maria schauen, begegnen wir einer Frau, deren Größe gerade nicht darin besteht, sich selbst großzumachen.
Maria sagt: Ich stelle mich zur Verfügung.
Sie hat nicht alles unter Kontrolle. Sie kennt nicht den ganzen Weg, der vor ihr liegt. Aber sie vertraut.
Das ist eine Form von Armut.
Maria macht sich leer für Gott. Sie klammert sich nicht an den eigenen Lebensentwurf. Sie lässt sich rufen.
Und genau dadurch wird sie nicht kleiner, sondern größer.
Das ist eine bemerkenswerte Logik unseres Glaubens:
Wer sich selbst nicht zum Mittelpunkt machen muss, wird frei.
Franziskus: Frei werden für den Menschen
Und dann ist da Franziskus von Assisi.
Wenn wir an Franziskus denken, denken wir sofort an seine radikale Armut. Aber vielleicht wäre es zu wenig, diese Armut nur auf den Verzicht auf materiellen Besitz zu reduzieren.
Franziskus wollte frei werden.
Frei von Besitz, der ihn besitzen konnte.
Frei von gesellschaftlichem Ansehen.
Frei vom Zwang, jemand darstellen zu müssen.
Frei für Gott.
Und gerade deshalb: frei für die Menschen.
Das ist entscheidend.
Christliche Armut führt nicht aus der Welt hinaus. Sie führt tiefer in die Welt hinein.
Wer nicht ständig um sich selbst kreisen muss, bekommt die Hände frei.
Hände, die helfen können.
Ohren, die zuhören können.
Augen, die Menschen wahrnehmen können, die andere übersehen.
Und damit sind wir mitten bei Paulus:
„Keiner von uns lebt sich selber.“
Das ist nicht nur ein schöner spiritueller Satz.
Es ist ein Auftrag.
Und dann kommt das Evangelium
Jesus spricht heute über Vergebung.
Petrus möchte es genau wissen: Wie oft muss ich vergeben? Siebenmal?
Und Jesus antwortet sinngemäß: Hör auf zu zählen.
Nicht siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal.
Dann erzählt Jesus von einem Menschen, dem eine ungeheure Schuld erlassen wird. Kaum ist er selbst frei, trifft er einen anderen, der ihm viel weniger schuldet. Und plötzlich kennt er keine Barmherzigkeit mehr.
Vielleicht entdecken wir hier eine zweite Form der Armut.
Vergeben heißt nämlich auch loslassen.
Ich verzichte darauf, meine Verletzung immer wieder hervorzuholen.
Ich verzichte darauf, den anderen für immer auf seinen Fehler festzulegen.
Ich verzichte auf das vermeintliche Recht, eine alte Rechnung ewig offen zu halten.
Das ist schwer.
Und deshalb trifft die erste Lesung einen empfindlichen Punkt unseres Menschseins: Wer selbst Erbarmen sucht, kann nicht gleichzeitig dem anderen jedes Erbarmen verweigern.
Vielleicht besteht eine der schwierigsten Formen christlicher Armut darin, den eigenen Groll herzugeben.
Nicht weil das erlittene Unrecht plötzlich recht wäre.
Vergebung bedeutet nicht, Unrecht gutzuheißen.
Aber sie bedeutet:
Ich lasse nicht mehr zu, dass das, was ein anderer mir angetan hat, mein Leben bestimmt.
Und genau darin kann Vergebung tatsächlich ein Weg zur inneren Freiheit werden.
Eine Kirche, die nicht um sich selbst kreist
Und an dieser Stelle möchte ich den Blick auf unsere Kirche richten.
Ich stehe heute hier nicht nur als einzelner Christ, sondern auch als Präsident der Katholischen Aktion.
Und gerade wir als Laienorganisation müssen uns fragen:
Was bedeutet Nachfolge für uns heute?
Katholische Aktion kann nicht bedeuten, dass wir uns nur innerhalb unserer kirchlichen Strukturen bewegen.
Unsere Aufgabe als Laien ist gerade die Welt.
Unsere Familien.
Unsere Arbeitsplätze.
Unsere Gemeinden.
Unsere Vereine.
Unsere Schulen und Universitäten.
Unsere Wirtschaft.
Unsere Kultur.
Unsere Politik.
Unsere Gesellschaft.
Dort entscheidet sich, ob das Evangelium tatsächlich gelebt wird.
Vielleicht brauchen wir deshalb auch als Kirche eine neue Form von Armut.
Die Bereitschaft, nicht immer zuerst zu fragen:
Was nützt uns?
Wie sichern wir unsere Strukturen?
Wie bewahren wir unseren Einfluss?
Sondern:
Wo werden wir gebraucht?
Wo ist jemand einsam?
Wo wird jemand ausgegrenzt?
Wo braucht es Versöhnung?
Wo wird die Würde eines Menschen verletzt?
Wo braucht es eine christliche Stimme?
Wo braucht es jemanden, der nicht nur redet, sondern handelt?
Denn eine Kirche, die Franziskus ernst nimmt, darf keine Kirche sein, die um sich selbst kreist.
Und eine Kirche, die Maria ernst nimmt, muss immer wieder sagen können:
Hier bin ich. Ich bin bereit.
Gerade die Laien sind gerufen
Das Zweite Vatikanische Konzil hat sehr deutlich gemacht, dass die Sendung der Kirche nicht allein Sache von Priestern, Bischöfen oder Ordensleuten ist.
Durch Taufe und Firmung sind wir alle gerufen.
Und vielleicht müssen wir Laien uns das selbst wieder stärker bewusst machen.
Wir sind nicht Zuschauerinnen und Zuschauer der Kirche.
Wir sind Kirche.
Christsein bedeutet deshalb nicht nur, am Sonntag hier zu sitzen.
Es bedeutet, am Montag anders zu handeln.
In einer Besprechung.
In einem Konflikt.
In einer politischen Diskussion.
Im Umgang mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern.
Mit Menschen, die anders denken.
Mit Menschen, die uns vielleicht sogar verletzt haben.
Dort beginnt Nachfolge.
Was müssen wir loslassen?
Und deshalb möchte ich heute eine Frage mitgeben.
Nicht: Was besitze ich?
Sondern:
Was besitzt mich?
Vielleicht ist es tatsächlich Geld oder Besitz.
Vielleicht ist es aber etwas ganz anderes.
Mein Bedürfnis nach Anerkennung.
Meine Angst.
Mein Stolz.
Mein Wunsch, immer recht zu behalten.
Mein Ärger auf einen bestimmten Menschen.
Ein Konflikt, den ich seit Jahren mit mir herumtrage.
Ein Bild davon, wie Kirche sein müsste.
Oder die Überzeugung, dass ohnehin die anderen anfangen müssten, etwas zu verändern.
Franziskus würde uns wahrscheinlich sagen:
Lass los.
Maria würde vielleicht sagen:
Vertrau.
Paulus sagt heute:
Du lebst nicht für dich selbst.
Und Jesus sagt:
Vergib.
Vier kurze Worte.
Loslassen.
Vertrauen.
Dienen.
Vergeben.
Vielleicht ist das christliche Armut.
Und vielleicht beginnt genau dort jene Freiheit, nach der wir uns so sehr sehnen.
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Liebe Schwestern und Brüder!
Wir sind heute als Wallfahrer unterwegs.
Eine Wallfahrt bedeutet immer: Ich breche auf. Ich lasse etwas zurück. Ich trage nicht alles mit mir. Und ich gehe einem Ziel entgegen.
Vielleicht sollten wir deshalb heute Abend nicht nur mit unseren Füßen Wallfahrer sein.
Vielleicht können wir Gott fragen:
Was soll ich zurücklassen?
Welche Last?
Welchen Groll?
Welche Angst?
Welchen Anspruch?
Welche Sicherheit, an die ich mich klammere?
Und vielleicht können wir Maria bitten, uns jene Freiheit zu schenken, die aus Vertrauen wächst.
Franziskus jene Freiheit, die aus Einfachheit wächst.
Und Christus jene Freiheit, die aus der Barmherzigkeit wächst.
Denn am Ende geht es nicht darum, möglichst wenig zu besitzen.
Es geht darum, von möglichst wenig besessen zu sein.
Damit unsere Hände frei werden.
Frei für Gott.
Frei für den Nächsten.
Frei für unsere Verantwortung in Kirche und Gesellschaft.
Denn:
Keiner von uns lebt sich selber.
Und genau darin liegt vielleicht das Geheimnis christlicher Freiheit.
Amen.