Unterwegs in Oberwölz, wo Geschichte lebendig wird
Beim GEH.rede rund um Oberwölz in der Steiermark erlebten wir einen wunderbaren Altweibersommertag. Nach einem bereits recht kalten Morgen verhießen die ersten Sonnenstrahlen einen milden und sonnigen Herbsttag. Während die Temperaturen im Laufe des Vormittags angenehm anstiegen, zeigten sich auf den Gipfeln der Wölzer Tauern bereits die ersten Spuren des nahenden Winters – eine beeindruckende Kulisse, die den besonderen Reiz dieses Herbsttages noch unterstrich.
Wir starteten in Oberwölz nach einer allgemeinen Begrüßung mit einem kurzen spirituellen Impuls bei der Leitnerkapelle. Nach einem Anstieg zum hoch über dem Talboden liegenden Schloss Rothenfels erwartete uns im Garten-Café ein köstliches Frühstück, bei dem Schlossherr Philipp Steiner höchstpersönlich als Cafetier im Einsatz stand. Er war es dann auch, der uns durch sein "Reich" führte und neben vielen historischen Fakten zu Schloss und Stadt auch etliche familiäre Geschichten und Anekdoten zum Besten gab. Nach interessanten und spannenden eineinhalb Stunden verabschiedete er die Gruppe mit einem Gedicht des Schriftstellers Karl Gottfried Ritter von Leitner (* 18. November 1800 in Graz - † 20. Juni 1890 ebenda), der seine Jugendzeit teilweise auf Schloss Rothenfels verbracht und in einem wehmütigen Gedicht die dortige historische Linde verewigt hat, die bis heute existiert und unmittelbar vor dem Eingang des Schlosses steht.
Anschließend wanderten wir gemütlich, das herrliche Wetter mit jedem Atemzuge genießend, bis zur Pankratiuskirche im Ortsteil Hinterburg westlich von Oberwölz. Das kleine, inmitten einer Wiese stehende Gotteshaus wurde laut Inschrift um das Jahr 1490 errichtet und blickt somit auf eine lange Geschichte zurück. Eine Sage rankt sich um seine Entstehung: Während einer Türkenbelagerung soll eine Gräfin zur Flucht gezwungen gewesen sein und auf dem Bauernhof „Schuster im Moos“ Schutz gefunden haben. Aus Dankbarkeit für ihre Rettung habe sie die Kirche errichten lassen. Noch heute erinnert ein Halbmond am Kirchturm an diese Überlieferung und verbindet das Kirchlein auf besondere Weise mit der Legende aus der Türkenzeit. Neben ihrer ungewöhnlichen Bauform, die sofort auffällt, befindet sich an der östlichen Kirchenmauer außerdem eine volkskundliche Kuriosität: Hier sind Graffiti aus dem 16. Jahrhundert in Rötel erhalten geblieben, die wandernden Handwerkern jener Zeit zugeschrieben werden.
Wenig später wieder über das Hintereggertor im Zentrum von Oberwölz angekommen, besuchten wir noch die Stadtpfarrkirche, die bereits 1248 urkundlich erwähnt ist. Nach einem Brand im Jahr 1480 wurde die ursprünglich romanische Kirche wiederaufgebaut und um einen gotischen Chor sowie eine westliche Vorhalle erweitert. Heute prägen der mächtige Chorquadratturm und die spätromanisch-gotische Architektur ihr Erscheinungsbild.
Besonders sehenswert ist das Kircheninnere mit seinen barocken Fresken. Die illusionistische Wandgestaltung aus dem Jahr 1777 stammt von dem namhaften Kirchenmaler Joseph Adam von Mölck und zeigt unter anderem Szenen aus dem Leben des heiligen Martin, des Kirchenpatrons. Im Chor ist zudem eine historische Ansicht der Stadt Oberwölz dargestellt. Der Hochaltar aus dem Jahr 1845 ist in barocker Tradition gestaltet und zeigt den heiligen Martin sowie Maria Magdalena.
Nach so viel Kultur war es Zeit für eine Mittagspause. Wir ließen uns im Gasthof Alter Bräuer, der von der Familie Wohleser betrieben wird, verwöhnen und setzten nach dieser genussvollen Auszeit unseren Rundgang durch Oberwölz fort.
Zuerst warfen wir noch einen Blick in die neben dem Hinteregger Tor gelegene, 1360 erstmals erwähnte Spitalskirche hl. Sigismund. Der gotische Bau besteht aus einem zweijochigen Chor und einem gegen die Chorachse verschobenen, unregelmäßigen Hallenlanghaus mit Empore. Als Baumeister wird Hans Jersleben genannt, dessen Wappen und Bildnis in der Kirche erhalten sind. Besonders sehenswert sind die qualitätsvollen gotischen Steinmetzarbeiten, das spätgotische Fresko der thronenden Maria sowie der barocke Hochaltar mit einem überlebensgroßen Kruzifix aus dem frühen 16. Jahrhundert. Ergänzt wird die Ausstattung durch das spätgotische Zunftgestühl und eine barocke Orgel. Mehrere Brände und Restaurierungen prägten die Geschichte dieses Gotteshauses.
Es folgte ein abschließender Rundgang durch Oberwölz, entlang der Wehrmauern und durch die noch erhaltenen Tore dieser einst mit einer bemerkenswerten Verteidigungsanlage ausgestatteten mittelalterlichen Stadt. So verband dieser abwechslungsreiche Tag Natur, Kultur und Geschichte auf besondere Weise. Bei herrlichem Herbstwetter konnten wir gemeinsam einen geradezu perfekten Tag genießen, der keine Wünsche offen ließ.
Ein besonderer Dank gilt Manuela Maier, die die vielen historischen Fakten einmal mehr mit zahlreichen spannenden Hintergrundgeschichten bereichert und uns damit das frühere Leben in Oberwölz auf anschauliche Weise nähergebracht hat.
(Monika Gschwandner-Elkins)