Organisation

Referat für Tourismusseelsorge

Ein Spätsommertraum

Glitzernde Sonnenstrahlen im Wolfgangsee – einem Meer aus Sternen gleichend, der Duft von süßen Köstlichkeiten im Café Zauner, das leise Dahingleiten einer Plätte am Altausseer See mit fröhlich winkenden Frauen im schmucken Dirndl, die Wärme lodernder Flammen in der Feuerschale und gesungene Gebete, die ihren Weg durch den Äther zu unserem Schöpfer suchen. Lässt man die drei Tage im Salzkammergut Revue passieren, so gerät man allzu leicht ins Schwärmen! Doch es ist den 30 Teilnehmern wahrlich ein großes Geschenk zuteil geworden - das Unterwegssein in einer ausgesprochen harmonischen Gruppe, getragen von einer tiefen, zu Herzen gehenden und doch fröhlichen lebensbejahenden Spiritualität!

Der Wetterbericht versprach drei Tage lang spätsommerliches Schönwetter, welches uns einen wunderbaren Rahmen für alle Wanderungen bescherte. Der erste Tag war der alten kaiserlichen Sommerfrische Bad Ischl gewidmet, welche zwar mutig den Schritt in die Moderne tat, doch die Nostalgie der Kaiserzeit begegnet dem Besucher an allen Ecken und Enden. Wir hatten uns entschlossen, dem Kurort quasi „entgegenzugehen“, indem wir auf dem „Elisabeth-Weg“ vom Gasthaus Pfandl über die „Leschetizky-Höhe“ zur Kalvarienbergkirche von Bad Ischl wanderten. Der Aussichtspunkt, dem Komponisten und Musikpädagogen Theodor Leschetizky gewidmet, war der passende Rahmen, um die Gruppe beim gemeinsamen Lied „Schön dich zu sehn, mit dir ein Stück des Weges zu gehen“ aufeinander und die kommenden Tage einzustimmen. Über einen gut angelegten und beschaulichen Waldweg erreichten wir die Kalvarienbergkirche, in welcher wir – einem glücklichen Zufall ists geschuldet - durch das Ehepaar Oberpeilsteiner eine informative Kirchenführung erhielten. Kurz danach erreichten wir den Kurpark, von wo aus die Gruppe in Eigenregie durch Bad Ischl flanierte und so mancher kulinarische Wunsch seine Erfüllung fand – Zaunerstollen inklusive!

Beim nachmittäglichen Rundgang begaben wir uns auf Spurensuche zu fünf ausgewählten Villen des Kurortes und ließen die Geschichten und oft unsagbar tragischen Schicksale ihrer einstigen Bewohner wieder lebendig werden. Beginnend beim Richard Tauber-Steg über die Villa Max Tauber, die Lehar Villa, die Villa Wild-Kux, die Villa Gisela und – der wohl außergewöhnlichste Bau – die Villa Landauer spazierten wir zum Friedhof Bad Ischl. Diese unter Denkmalschutz stehende Begräbnisstätte, welchen die Schriftstellerin Hilde Spiel als „schönsten Friedhof der Welt“ titulierte, bot Gelegenheit, sich mit der Thematik „Tod und ewige Ruhe“ genauer zu beschäftigen. Martha Weisböck ließ uns teilhaben an den vielfältigsten Grabinschriften, welche am Ischler Friedhof zu finden sind. Humorvolles folgte auf tief Berührendes und letztendlich galt es die Frage zu stellen, welche Gedanken oder Worte man selbst für sein eigenes Grab, seine eigene Urne wählen würde. Als Erinnerung erhielten alle ein Lesezeichen mit der Grabinschrift Benjamin Franklins, einem der Gründerväter Amerikas: "Der Leib Benjamin Franklins, Druckers, gleicht dem Einband eines alten Buches, sein Inhalt herausgerissen und des Titels wie der Vergoldung beraubt, liegt hier, Speise für Würmer; doch soll das Werk nicht verloren sein, sondern es wird, wie er glaubte, noch einmal in einer neuen, schöneren Ausgabe erscheinen, berichtigt und ergänzt von seinem Schöpfer.“ Welch tröstliche Vorstellung und welch wunderbares Wortspiel – in einer schöneren Ausgabe wieder zu erscheinen! Nach der Ankunft im Aberseehof und einem guten Abendessen durften wir zum Abschluss noch mit Martha ein ganz besonderes spirituelles Dessert genießen – ein „Dessert für die Seele“. An der wärmenden Feuerschale beschlossen wir mit Liedern, Dankes- und Segensworten diesen eindrucksvollen Tag im Salzkammergut.

Der Samstag stand ganz im Zeichen einer Pilgerfahrt, genauer gesagt einer Wallfahrt an die Verehrungsstätte des hl. Wolfgang. Schon beim ersten Augenaufschlag blinzelte die Sonne durch die Fensterscheiben und liebkoste manch verschlafenes Antlitz. Mit einem Wort – Kaiserwetter – der „Weg der Wallfahrer“ über den Falkenstein war bereitet. Nach einem stärkenden Frühstück wanderten wir zunächst zur St. Konrad Kirche in Abersee, wo Martha eine erfrischende Morgenandacht hielt und uns das Leben des Kirchenpatrons, des heiligen Konrad von Parzham näherbrachte. Für viele von uns ein unbekannter Heiliger, doch dieser Konrad muss ein ganz besonderer Mensch gewesen sein. Im Jahre 1818 geboren und bereits als Kind von einer tiefen Frömmigkeit beseelt und noch zu Lebzeiten als „heiliger Bruder“ angesprochen. Was ihn für die heutige Zeit so beeindruckend macht, sind seine Einfachheit, das geduldige Hinhören und das Dasein für die Menschen in ihren vielfältigen Bedrängnissen. Obwohl erst 1984 gebaut, wurden in der Aberseer Kirche die Stilelemente vergangener Kirchenbauten nachgeahmt und so bilden die Holzverstrebungen eine Anlehnung an das gotische Netzrippengewölbe der Pfarr- und Wallfahrtskirche St. Wolfgang. Für unsere Gruppe aber sollte es nicht bei einer architektonischen Anknüpfung bleiben, sondern vor allem eine Wallfahrt des Herzens mit einer individuellen Bitte werden, welche jeder über den Falkenstein trug und an der Gedenkstätte des hl. Wolfgang niederlegte. Von der Aberseer Kirche brachte uns der Bus nach St. Gilgen, wo entlang der Uferpromenade über den Brunnwinkel und Fürberg wohl der beschaulichste Teil des Pilgerweges führte. Martha erzählte uns in spannend-lebendiger Art und Weise das Leben des heiligen Wolfgang, welcher als eifriger Reformer mit großer sozialer Gesinnung in die Geschichte einging.

Das Wasser des Wolfgangsees verzauberte uns mit unzähligen Farbnuancen – sei es grün, smaragdfarben oder blau und einzelne, gelb verfärbte Blätter ließen das Nahen des Herbstes erahnen. Nach einem kurzen, aber steilen Aufstieg gelangten wir zur Kapelle am Falkenstein, wo der Legende nach der hl. Wolfgang als Einsiedler in einer Felsennische gelebt haben soll und durch einen Axtwurf den Standort der Kirche von St. Wolfgang begründete. Die Legenden sind hier allgegenwärtig, ob im Häuschen mit der heiligen Quelle, oder beim Abdruck Wolfgangs im Stein, als er sich gegen die List des Teufels stemmte. Am „Vater unser- Stein“ (auch der „waxweiche“Stein genannt) sangen wir das „Vater unser“, ein Lobpreis auf unseren Herrn und Schöpfer. Nach kurzer Zeit traten wir aus dem kühlen Waldschatten und ein grandioses Panorama tat sich vor uns auf! Nun hieß es bei süßen Köstlichkeiten im Leopoldhof im St. Gilgener Ortsteil Ried zu rasten und zu genießen, bevor wir uns auf den Weg nach St. Wolfgang machten. Mit einer brennenden Kerze in Händen und dem Loblied „Laudates omnes gentes“ auf den Lippen schritten wir durch die Wallfahrtskirche zur Verehrungsstätte des Heiligen, um dort unsere Bitte, die wir über den Falkenstein mitgetragen hatten, abzulegen und anschließend in Stille im Chorbereich der Kirche zu verweilen. Welcher Anblick wäre für einen meditativen Abschluss besser geeignet als das künstlerische Meisterwerk Michael Pachers! Die Sonne tauchte die Silhouette von St. Wolfgang in ein mildes Abendlicht, als wir mit dem Fährboot nach St. Wolfgang übersetzten und nach dem wohlverdienten Abendessen noch ein „Dessert für die Seele“ genossen.

Am Sonntagmorgen hieß es bereits wieder Abschied nehmen von unserem „Wohlfühlhotel“ am Abersee und der Familie Gassner. Nach einem stimmig-humorvollen Morgenlob von Martha Weisböck führte uns der Weg ins Ausseerland. Schon vor zweihundert Jahren zog es mit dem Adel auch viele Schriftsteller, Musiker, Maler und Kunstschaffende in diese zauberhafte Landschaft. Erste literarische Zirkel der Biedermeier-Literatur entstanden, eng verbunden mit den Namen der Familien Zedlitz-Nimmersatt und Binzer. Im Dunstkreis adeliger Familien wie Hohenlohe-Schillingsfürst begann sich das dörfliche Leben zu verändern – die Ausseer Villen entstanden und um die Jahrhundertwende bildete sich der „Altausseer Kreis“ mit Vertretern wie Hugo von Hofmannsthal oder Jakob Wassermann, dessen Bücher Millionenauflagen erlebten. Zu den erst kürzlich verstorbenen Schriftstellern, welche untrennbar mit dem Ausseerland verbunden waren, zählen Barbara Frischmuth, in Altaussee geboren und nicht zu vergessen Alfred Komarek, genialer Krimi- und Sachbuchautor. Raoul Auernheimer, der 2026 seinen 150. Geburtstag feiert, hinterließ in seinem Buch „Das Wirtshaus zur verlorenen Zeit“ jenes Zitat, welchem man im Ausseerland oft begegnet und auch unser Lesezeichen ziert: „Es lag nahe, den schwarzen See mit einem riesigen Tintenfaß zu vergleichen, in das die im Kreise herumsitzenden Dichter ihre Federkiele tauchten.“

Nach einem literarischen Überblick galt es noch einmal die Geschichte und Kultur des Salzkammergutes bzw. des Ausseerlandes zu vertiefen. Im Kammerhofmuseum in Bad Aussee kamen wir in den Genuss einer erstklassigen Führung durch die Museumsleiterin Sieglinde Köberl und der Kulturvermittlerin Doris Bittmann. Wir erhielten Einblicke vom geologischen Aufbau, über archäologische Funde, die Salzgewinnung und -verarbeitung, Baukunde bis hin zum Brauchtum im Jahreskreis, den historischen Trachten und natürlich Erzherzog Johann, dem „steirischen Prinzen“, ein Kino mit zeitgenössischem Filmmaterial – um nur einiges zu nennen. Ein Museum, welches zum erneuten Besuch lädt, denn es gilt noch vieles zu entdecken, was diesmal unentdeckt bleiben musste.

Der Schriftsteller Friedrich Torberg kam bereits als 13jähriger das erste Mal nach Altaussee und die Landschaft nahm ihn augenblicklich gefangen. Unsere Schritte führten uns entlang der Seepromenade, welche uns rund um den See führte. Bilder entstanden vor unserem inneren Auge – Dichter, die ihre Federkiele in den See tauchten, Sonnenstrahlen, welche munter grüne Farbklekse in das Wasser malten. Vor uns die mächtige Trisselwand, der Blick zum Loser und plötzlich erklangen – dem herrlichen Zufall des „Aufsteirerns“ geschuldet – die Klänge echter Ausseer Volksmusik. Und nach und nach wurde so manchem bewusst – hat diese Landschaft auch uns gefangen genommen, sind auch wir dem Reiz des Salzkammergutes, des Ausseerlandes erlegen?

Eine dreitägige Reise ins Salzkammergut ging zu Ende, geprägt und getragen von Spiritualität, unterstützender Gemeinschaft und großartigen Eindrücken. An dieser Stelle gilt es den Dank auszusprechen an alle, die diese Tage zu drei unvergesslichen Tagen werden ließen – Martha Weisböck, Monika Suntinger und Manuela Maier und nicht zu vergessen unser umsichtiger Busfahrer Stefan. Doch neben großer Dankbarkeit ergreift mich noch ein anderes Gefühl – eine Sehnsucht nach Altaussee!

(Manuela Maier)