Über KI und die Grenzen des Verstehens
Philo-Café des Katholischen Akademikerverbandes Kärnten mit dem Literaturwissenschafter und Philosophen Artur R. Boelderl
Das Philo-Café des Katholischen Akademikerverbandes Kärnten (KAV) bietet eine Plattform für einen offenen, niederschwelligen philosophischen, kultur- und gesellschaftspolitischen Diskurs. Es verbindet die entspannte Atmosphäre eines Kaffeehausgesprächs mit der inhaltlichen Tiefe akademischer Auseinandersetzung.
Foto: KH-Kronawetter
Auftakt der Herbstserie: „Kränkt euch nicht!“ – LLMs und die Grenzen der KI
Am Freitag, dem 16. Oktober, startete das Philo-Café im neuen Ambiente der Hafenstadt Urban Area in Klagenfurt in die Herbstserie 2026. Der Klagenfurter Philosoph und Literaturwissenschaftler Dr. Artur R. Boelderl widmete sich dabei einem zentralen Thema unserer Zeit: den Möglichkeiten und Grenzen großer Sprachmodelle (Large Language Models, kurz LLMs) und deren Bedeutung für unser menschliches Selbstverständnis.
Von Freud bis Safranski: Die vierte Kränkung
Sigmund Freud beschrieb drei große wissenschaftliche Kränkungen des menschlichen Selbstbildes: die Erkenntnis, dass die Erde nicht im Zentrum des Universums steht (Kopernikus), die biologische Einordnung des Menschen als Teil der Tierwelt (Darwin) und die Einsicht, dass das Ich nicht uneingeschränkt Herr im eigenen Haus ist (Freud).
Der Philosoph Rüdiger Safranski erweitert diese Reihe um eine „vierte Kränkung“: die Künstliche Intelligenz, die den Menschen in vermeintlich einzigartigen geistigen Fähigkeiten wie Denken, Textproduktion und Mustererkennung herausfordert.
„Großsprecherei“ statt Weltverständnis
In seinem Impulsvortrag „Kränkt euch nicht! – Zur Großsprecherei der Großen Sprachmodelle“ hinterfragte Boelderl kritisch, was Sprachmodelle tatsächlich leisten. Sie berechnen Wahrscheinlichkeiten von Wortfolgen und erzeugen daraus neue Texte. Die prägnante Formel „Aus Schrift wird Schrift“ bringt dieses Prinzip auf den Punkt: Sprachliche Muster werden verarbeitet und neu kombiniert, ohne dass damit zwangsläufig ein eigenes Bewusstsein, subjektives Erleben oder ein tatsächliches Verständnis der Welt verbunden ist.
Eine passende theoretische Ergänzung bietet Martin Warnkes Buch Large Language Kabbala. Eine kleine Geschichte der Großen Sprachmodelle (2026). Darin zeichnet Warnke die Entwicklung der Sprachmodelle von der statistischen Sprachtheorie über die Sprachphilosophie bis zur jüdischen Kabbala nach. Er zeigt Parallelen zwischen der Verarbeitung sprachlicher Strukturen und der Auslegung von Texten auf und lenkt den Blick auf eine grundlegende Grenze heutiger KI: Sprache kann aus Sprache hervorgebracht werden, ohne dass daraus automatisch ein Bezug zur außersprachlichen Wirklichkeit entsteht.
Damit stellt sich eine zentrale philosophische Frage: Wo endet die überzeugende Erzeugung von Sprache, und wo beginnt tatsächliches Verstehen?
Lebhafte Diskussion und gemeinsame Reflexion
Im anschließenden Gespräch diskutierten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer über den Umgang mit Künstlicher Intelligenz in Kultur, Bildung und Alltag. Dabei ging es darum, weder in unbegründete Ängste noch in unkritische Bewunderung zu verfallen, sondern Möglichkeiten und Grenzen der neuen Technologien differenziert zu betrachten.
Der Abend machte deutlich, wie wichtig kritisches Nachfragen und philosophische Reflexion angesichts der rasanten KI-Entwicklung bleiben. Genau dafür bietet das Philo-Café einen offenen Raum.
Ausblick: Die nächsten Termine
Das Philo-Café wird in den kommenden Monaten fortgesetzt.
- Nächster Termin: Donnerstag, 12. November, 18:00–20:00 Uhr
Ort: Hafenstadt Klagenfurt
Veranstalter: Katholischer Akademikerverband Kärnten (KAV)
Eintritt: frei