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25.10.2017

KAV-Studientag 2017

Prof. Jan-Heiner Tück referierte in Maria Saal über religiöse Suchbewegungen in der Gegenwartliteratur

Fotos: S. Schlager und KH Kronawetter

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Mittwoch

25.10.2017

Was fehlt, wenn Gott fehlt?

 
 
 

Veröffentlicht von:

Internetredaktion/KHK

KAV-Studientag mit Professor Jan-Heiner Tück über religiöse Motive in der Gegenwartsliteratur

Ein Bericht von Karl-Heinz Kronawetter

Univ.Prof. Dr. Jan-Heiner Tück referierte am 21. Oktober 2017 beim KAV-Studientag in Maria Saal, © Foto KH Kronawetter / Internetredaktion

Univ.Prof. Dr. Jan-Heiner Tück referierte am 21. Oktober 2017 beim KAV-Studientag in Maria Saal (© Foto: KH Kronawetter / Internetredaktion)

Einige markieren sie mit Leuchtstift, andere wiederum schreiben sie sorgfältig auf einen Zettel, die „schöne Stelle“, die inspirierende Zeile eines Gedichtes oder die beeindruckende Textpassage eines Romans. Belletristische Fundstücke können so auch Mittel der christlichen Verkündigung werden. Jan-Heiner Tück, Dogmatikprofessor an Theologischen Faktutät der Universität Wien und Initiator der Wiener Poetikvorlesungen, ist einer, der sich seit Jahren schon dem Dialog von Literatur und Theologie verschrieben hat. In seinen interdisziplinären wissenschaftlichen Arbeiten untersucht er anthropologische Grund- und Grenzerfahrungen in der Literatur. Sibylle Lewitscharoff sagt: „Wie Menschen beschaffen sind, wovon sie träumen, wie verkehrt sie oft genug in der Welt herumstehen oder herumeilen, das Lied von Bosheit und überraschender Güte wird auch in der Literatur gesungen.“ Was die Schriftstellerin hier feststellt, finden wir auch in der Pastoralkonstitution des 2. Vatikanischen Konzils. In Gaudium et Spes (Art. 62) wird die ästhetische Würdigung der Literatur (und der Kunst) mit ihrer anthropologischen Relevanz verknüpft: Denn Literatur und Kunst „bemühen sich um das Verständnis des eigentümlichen Wesens des Menschen, seiner Probleme und seiner Erfahrungen bei dem Versuch, sich selbst und die Welt zu erkennen und zu vollenden“.

Der dritte Studientag des Katholischen Akademikerverbandes Kärnten mit Jan-Heiner Tück, der am 21. Oktober 2017 in Maria Saal stattfand, war ein ernsthaftes Sich-Einlassen auf zeitgenössische Literatur. Dabei wurden in drei Einheiten Werke der Schriftsteller Martin Walser, Peter Handke und Thomas Hürlimann näher betrachtet.

Martin Walser: Strategien der Rechtfertigung

Der Schriftsteller Martin Walser betont bei vielen Gelegenheiten, dass er nicht glauben könne. Das Gespräch zwischen Glauben und Unglauben wird bei ihm zu einem „Selbstgespräch“. Tück zeigte in seinem ersten Vortrag, wie Walser einen Klassiker des theologischen Diskurses, nämlich die nicht erst seit Martin Luther virulente Frage nach der Rechtfertigung des Sünders, zu einem zentralen Thema seines literarischen Schaffens gemacht hat. In seiner Schrift „Rechtfertigung, eine Versuchung“ schreibt Walser auch den bekannten Satz: „Wer sagt, es gebe Gott nicht, und nicht dazusagen kann, dass Gott fehlt, und wie er fehlt, der hat keine Ahnung. Einer Ahnung allerdings bedarf es.“

Seit zweitausend Jahren werde gefragt, so Martin Walser, „ob wir zu rechtfertigen seien durch das, was wir tun, oder durch das, was wir glauben. Die Religion ist anspruchsvoller als jede andre Denk- und Ausdrucksbemühung.“ Jan-Heiner Tück legte anschaulich Argumentationslinien in den Schriften von Walser frei und zeigte, dass dort gerade das Thema von der „Erwählung der wenigen und der Verdammung der vielen“, das von Paulus über Augustinus, Luther, Calvin bis zum jungen Karl Barth virtuos variiert wurde - ein spannendes Romanprogramm darstelle. Aber Walser hat „seinen Barth“ nur zur Hälfte gelesen, betonte Tück in seiner kritischen Rückfrage an den Autor. Die heilsuniversalistische Wende in der Theologie des wohl bedeutendsten reformierten Theologen des 20. Jahrhunderts, der die doppelte Prädestinationslehre von Augustinus und Calvin in seinem Spätwerk hinter sich ließ, wurde auch vom Zweiten Vatikanischen Konzil positiv aufgenommen.

Peter Handke: Verwandeln allein durch Erzählen

Um zentrale Fragen der christlichen Liturgie ging es im zweiten Teil des Studientages. Jan-Heiner Tück konzentrierte sich dabei auf das Buch „Der Große Fall“, auf einen Roman von Peter Handke aus dem Jahr 2010. Darin zeigt sich auch die Wirkmächtigkeit von Sprache. Performante Worte, die Wirklichkeit schaffen, sind auch die Worte über Brot und Wein in der Liturgie. Im katholischen Ritus, so Handke in der Interpreation von Tück, reiche zur „Wandlung“ allein die Erzählung aus. Im Handke-Roman nimmt der nach Sinn hungernde Protagonist an einer heiligen Messe teil und gerät dadurch in eine gelassene Heiterkeit, die von der Eucharistiefeier ausgegangen war und dann auch anhielt. Diese große Freude vermag durch die „memoria passionis“ auch die dunklen Seiten des Menschseins zu umfassen. Sie muss das Leid der anderen nicht notwendigerweise verraten.

Thomas Hürlimann: Wie vom Tod eines anderen sprechen und schreiben?

Der dritte Akt des Studientages stellte den Schweizer Schriftsteller Thomas Hürlimann und seine frühe Erzählung „Die Tessinerin“ ins Scheinwerferlicht. Hürlimann, der auch schon an der Uni Wien eine viel beachtete Poetikvorlesung gehalten hat, sei als „Fremdprophet“ für den Dialog von Literatur und Theologie besonders zu schätzen, sagte Jan-Heiner Tück. In Hürlimanns Erzählung geht es um das Sterben einer Frau in einem Schweizer Bergdorf, und der Autor beschreibt dabei gleichzeitig den Untergang einer ganzen Welt. Das Dabeisein und das Warten am Kranken- und Sterbebettes seines Bruder, der mit 20 Jahren einem Krebsleiden erlegen ist, werden in dieser dichten Erzählung von Thomas Hürlimann „verarbeitet“ und meisterhaft in eine sprachliche Form gebracht. Tück spricht in seiner Interpretation sogar von einer „kleinen Phänomenologie des inneren Zeitbewusstseins im Angesicht des Sterbenden“, die der Autor in diesem Frühwerk offen legt.

Den am KAV-Studientag Teilnehmenden konnte Professor Tück auf beeindruckende Weise vermitteln, dass Dichtung und Literatur menschliche Grund- und Grenzerfahrungen in den Blick nimmt - mit und nicht selten auch ohne ausdrücklichen Rückgriff auf religiöse Sprache. „Glanz und Elend des Menschen, die radikale Fraglichkeit des Lebens, die gerade die Grenzsituationen aufbricht, aber auch das nüchterne Absehen von jeder transzendenten Deutungsperspektive wird zur Herausforderung für eine gläubige Weltinterpretation, welche die Suchbewegungen der Gegenwart solidarisch und kritisch zugleich vollzieht“, sagte Tück. - Diese Herausforderung muss angenommen werden.