Offener Brief zum ORF Sommergespräch vom 7.9.2026
Gotteslästerung oder Verantwortung? - eine christliche Klarstellung.
Das ORF-Sommergespräch mit Herbert Kickl am 7. September 2026 hat auch Fragen zum Klimawandel und zu dessen Bewertung aus christlicher Sicht aufgeworfen. Die dabei verwendeten Begriffe wie „Gotteslästerung“, „Hybris“, „Ablasshandel“ oder „goldenes Kalb“ können wir als kirchliche Umweltverantwortliche nicht unwidersprochen stehen lassen.
Der menschengemachte Klimawandel ist keine Glaubensfrage und keine Weltanschauung. Er ist zunächst eine Frage der Physik und der Klimawissenschaft. Dass die gegenwärtige Erderwärmung wesentlich durch menschliche Aktivitäten, insbesondere durch die Verbrennung fossiler Energieträger, verursacht wird, entspricht dem wissenschaftlichen Erkenntnisstand. Eine ernsthafte politische Debatte über Klimaschutz braucht deshalb eine gemeinsame Wirklichkeitsbasis.
Hybris bedeutet in der christlichen Tradition die Selbstüberschätzung des Menschen, der seine Grenzen vergisst. Ist es wirklich Hybris, wenn Menschen die Folgen ihres Handelns erkennen und versuchen, diese zu begrenzen? Oder liegt die größere Selbstüberschätzung nicht darin, die Grenzen unserer natürlichen Lebensgrundlagen zu kennen und sie dennoch zu ignorieren?
Klimaschutz ist keine Gotteslästerung. Die Welt ist nach christlichem Verständnis Schöpfung Gottes. Der Mensch ist nicht ihr Eigentümer, sondern Teil der Schöpfung und trägt Verantwortung für das ihm Anvertraute. Wer wissenschaftliche Erkenntnisse ernst nimmt und Verantwortung für die Folgen unseres Handelns fordert, handelt daher nicht gegen den christlichen Glauben.
Ebenso wenig ist Klimaschutz ein „Ablasshandel“. Über konkrete Maßnahmen muss selbstverständlich gestritten werden – über ihre Wirksamkeit, ihre Kosten und ihre soziale Gerechtigkeit. Aber über die richtigen Wege zu diskutieren, darf nicht dazu führen, die Wirklichkeit selbst zu bestreiten.
Und vielleicht lohnt die Frage: Was ist heute das „goldene Kalb“? Könnte es eine Gesellschaft sein, die wirtschaftliche und technische Leistungsfähigkeit absolut setzt und dabei die natürlichen Grenzen unserer Welt aus dem Blick verliert?
Wir behaupten nicht, dass jede Klimaschutzmaßnahme richtig oder jedes politische Klimaprogramm alternativlos ist. Darüber muss demokratisch und kontrovers diskutiert werden. Aber dieser Streit braucht eine gemeinsame Wirklichkeitsbasis.
Der Glaube ist keine Gegenwissenschaft. Die Wissenschaft beschreibt, was mit unserer Erde geschieht. Die Ethik fragt, was daraus folgt. Und der Glaube fragt zusätzlich, welche Verantwortung wir vor Gott und voreinander tragen.
Die Schöpfung ist uns anvertraut, nicht ausgeliefert. Ihre Bewahrung ist keine neue Religion, sondern kann Ausdruck christlicher Verantwortung sein.
Wer wissenschaftliche Erkenntnis ernst nimmt, betet kein goldenes Kalb an. Wer Verantwortung für die Schöpfung übernimmt, betreibt keinen Ablasshandel. Und wer die Grenzen menschlichen Handelns anerkennt, begeht keine Gotteslästerung.
Es gehört zum Kern christlicher Hoffnung, der Wirklichkeit ins Auge zu sehen – und darauf zu vertrauen, dass unser Handeln einen Unterschied machen kann.
Referat für Schöpfungsverantwortung, Katholische Kirche Kärnten
Umweltbeauftragte der Katholischen Kirche Steiermark
Umweltteam der Evangelischen Kirche A.B. Kärnten/Osttirol
Bischofsvikar für Schöpfungsverantwortung, interreligiösen Dialog und Migration, Katholische Kirche Kärnten
und weitere zahlreiche Organisationen aus dem Bereich der Katholischen Kirche Kärnten.