Psalm 8 - Der Mensch in Gottes Schöpfung
Ein Psalm für die Schöpfungszeit (1. September bis 4. Oktober)
Die christlichen Kirchen haben sich zusammengeschlossen, um in ökumenischer Verbundenheit die Zeit vom 1. September bis 4. Oktober als Schöpfungszeit zu begehen. Dieses Themas nimmt sich auch der Psalm 8 an. Er verbindet die Erzählung von der Erschaffung der Welt mit dem Motiv der Rettung Israels aus der Knechtschaft Ägyptens und macht deutlich, dass die Würde des Menschen nur im Zusammenhang mit der Schöpfung erfasst werden kann.
DER TEXT
Psalm 8: Was ist der Mensch?
HERR, unser Herr, /
wie gewaltig ist dein Name auf der ganzen Erde, *
der du deine Hoheit gebreitet hast über den Himmel.
Aus dem Mund der Kinder und Säuglinge hast du ein Bollwerk errichtet /
wegen deiner Gegner, *
um zum Einhalten zu bringen Feind und Rächer.
Seh ich deine Himmel, die Werke deiner Finger, *
Mond und Sterne, die du befestigt:
Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, *
des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?
Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott, *
du hast ihn gekrönt mit Pracht und Herrlichkeit.
Du hast ihn als Herrscher eingesetzt über die Werke deiner Hände, *
alles hast du gelegt unter seine Füße:
Schafe und Rinder, sie alle *
und auch die wilden Tiere,
die Vögel des Himmels und die Fische im Meer, *
was auf den Pfaden der Meere dahinzieht.
HERR, unser Herr, *
wie gewaltig ist dein Name auf der ganzen Erde.
Psalm 8: Kaj je človek?
GOSPOD, naš Gospod, /
kako čudovito je tvoje ime po vsej zemlji! *
Svoje veličastvo si povzdignil nad nebesa.
Iz ust otročičev in dojenčkov si postavil trdnjavo /
zaradi svojih nasprotnikov, *
da brzdaš sovražnika in maščevalca.
Ko gledam nebo, delo tvojih prstov, *
luno in zvezde, ki si jih utrdil:
Kaj je človek, da se ga spominjaš, *
sin človekov, da ga obiskuješ?
Naredil si ga malo nižjega od Boga, *
s slavo in častjo si ga ovenčal.
Dal si mu oblast nad deli svojih rok, *
vse si položil pod njegove noge:
vse ovce in govedo, *
in tudi živali na polju,
ptice neba in ribe morja, *
vse, kar se giblje po morskih stezah.
GOSPOD, naš Gospod, *
kako čudovito je tvoje ime po vsej zemlji!
Hier finden Sie den Text des Psalms im Postkartenformat, damit Sie ihn mittels Smartphone immer bei sich haben und wenn Sie möchten auch gemeinsam beten können.
DIE AUSLEGUNG
Hier finden Sie einige Gedanken zum Psalm von Klaus Einspieler, Bibelreferent der Diözese Gurk.
Eine Entgrenzung
Was ist der Mensch? – Oder müsste es nicht eher heißen: Was ist schon ein Mensch? Nicht nur der Glanz des gestirnten Himmels führt ihm seine Kleinheit vor Augen. Es sind vor allem die Armut und Ohnmacht zu vieler Menschen, die den Psalmisten so fragen lassen. Mit ihnen klagt er in Psalm 6,7: „Ich bin erschöpft vom Seufzen“, bedrängt Gott in Psalm 7, ihm Recht zu verschaffen und kündigt am Ende an: „Ich will singen und spielen dem Namen des HERRN, des Höchsten“ (Ps 7,18). Das Gotteslob von Psalm 8 erklingt also inmitten einer Welt, in der Unrecht und Unterdrückung zu oft das letzte Wort haben. Gleich zu Beginn bekennt der Beter, die Beterin: „HERR, unser Herr, wie gewaltig ist dein Name auf der ganzen Erde“ (Ps 8,2.10). So klingt der Psalm auch aus. Dieses staunende Bekenntnis bildet somit einen Rahmen um den gesamten Text. Nur hier wird der Name Gottes, den Gott Mose aus dem brennenden Dornbusch offenbart hat, genannt (siehe Ex 3,14). Er wird alter Überlieferung folgend nicht ausgesprochen und im deutschen Bibeltext mit dem Wort HERR, das in Kapitälchen gesetzt ist, wiedergegeben. Damit klingt die Erzählung von der Rettung unterdrückter Menschen aus dem Sklavenhaus Ägypten an. Damals wurde ein Herrschaftswechsel vollzogen. Die Israeliten sind vor einem tyrannischen Herrn, dem ägyptischen Pharao, errettet worden, um Gott als dem eigentlichen Herrn zu dienen. Nun bekennen ihre Nachkommen, wie gewaltig sein Name ist – jedoch nicht nur im Blick auf das Volk Israel, das damals seine rettende Macht erfahren hat, sondern auf der ganzen Erde. Im staunenden Lobpreis findet also eine Entgrenzung statt. Alle Menschen sollen an der Gotteserfahrung Israels teilhaben.
Hilfeschrei aus Kindermund
Die Betenden sind in diesem Psalm zwischen Himmel und Erde hin- und hergerissen. Sie bewundern die Hoheit, gemeint ist der Glanz der Gestirne, die Gott über den Himmel gebreitet hat und lenken anschließend den Blick sofort wieder auf die Erde, wo Gott aus dem Mund von Kindern und Säuglingen ein Bollwerk errichtet hat. Sie bedienen sich wichtiger Ausdrücke aus dem Buch Exodus und rufen so in Erinnerung, was damals geschehen ist: Wie Gott Mose, den Säugling, vor den Häschern des Pharao gerettet, seines Bundes gedacht und sich in höchster Not seines Volkes angenommen hat. Wie oft werden Kinder und Säuglinge Opfer von Gewalt und können sich am wenigsten dagegen wehren! Damals in Ägypten aber kam just aus ihrem Mund jener Hilfeschrei, der Gott bewog, den Feinden der Unmündigen und des ganzen Volkes, das ebenso ohnmächtig war, Einhalt zu gebieten.
Was ist der Mensch?
Im Mittelteil nimmt uns der Psalmist mit auf eine Reise unter den gestirnten Himmel. Im trockenen Klima des Orients breitet sich die Milchstraße wie ein dunkler, goldbestickter Teppich über ihm aus. Angesichts dieser Fülle und Weite wird er still und fragt: Was ist wohl ein einzelner Mensch angesichts all dieser Himmelspracht? Verwundert stellt er fest: Gott, der all das gemacht hat, nimmt sich jedes einzelnen an, mag er nach menschlichem Ermessen noch so unbedeutend sein. Denn jeder Mensch, ungeachtet seiner Herkunft und Stellung ist nach Gottes Bild gemacht. Er trägt wie ein König oder Gott selbst die Krone von Herrlichkeit und Pracht (Ps 8,6), um Gott in der Schöpfung zu repräsentieren und über sie zu herrschen. Vom Nachthimmel wendet sich dann der Blick unter die Füße des Menschen. Die nun folgende Aufzählung der Lebewesen stellt den Herrschaftsbereich des Menschen dar. Dass alle Geschöpfe unter die Füße des Menschen gelegt sind, bedeutet allerdings nicht, dass er nach ihnen treten darf. Im Hintergrund steht vielmehr das Bild eines fürsorglichen Hirten, der seinen Fuß auf ein hilfloses Tier setzt, um es wie sein Eigentum gegen ein Raubtier zu schützen. Herrschaft, die am „HERRN, unserem Herrn“ – wie Gott am Anfang und Ende des Psalms genannt wird – Maß nimmt, darf nie zu Ausbeutung und Eigennutz verkommen. Der Mensch als Ebenbild Gottes, des Herrn, trägt Verantwortung für alles, was Gott gemacht und ihm anvertraut hat.
DER VORTRAG AUF VIDEO
Hier finden Sie eine detaillierte Auslegung des Psalms in einer Videoaufnahme (Dauer etwa 65 Minuten). Vortragender ist Klaus Einspieler.
DER PSALM ZUM ANHÖREN ODER MITSINGEN
Statt selbst zu beten, können Sie sich den Psalm auch anhören oder ihn mitsingen. Die Aufnahmen entstanden unter der Leitung des diözesanen Kirchenmusikreferenten Christoph Mühlthaler.