Organisation

Referat für Bibel und Liturgie

Wie mit antisemitischer Kunst im Kirchenraum umgehen?

Gedanken zum Tag des Judentums

Ansicht auf die vier Fresken mit antisemitischen Inhalt (Gerhard Mischitz)
Ansicht auf die vier Fresken mit antisemitischem Inhalt (Foto: Gerhard Mischitz)

Die christlichen Kirchen in Österreich begehen den 17. Jänner als Tag des Judentums. Er soll, so der Ökumenische Rat der Kirchen Österreichs, die Verwurzelung des Christentums im Judentum und die Weggemeinschaft mit dem Judentum deutlich machen. Zudem soll an diesem Tag auch das Unrecht an jüdischen Menschen und ihrem Glauben in der Geschichte thematisiert werden. Im Direktorium der Diözese Gurk wird seine Bedeutung folgendermaßen erläutert: „… zum bußfertigen Gedenken an die jahrhundertelange Geschichte der Vorurteile und Feindseligkeiten zwischen Christen und Juden …“ Dieses Anliegen möchten wir aufgreifen, wenn wir uns mit antisemitischen Inhalten in der christlichen Kunst anhand eines konkreten Beispiels näher beschäftigen und danken der Pfarre Eberndorf, dass sie bereit gewesen ist, sich mit uns auf diesen Weg zu begeben.

Eine Kirchenführung als Impuls

Erste bedeutende Schritte in diese Richtung hat der mittlerweile verstorbene Mesner von Eberndorf, Franc Podrečnik, ein ausgezeichneter Kenner seiner Kirche, gemacht. Bei Kirchenführungen verwies er bewusst auch auf die gotischen Fresken im Chor, die aufgrund der Höhe der Decke und ihres Zustands nur schwer zu deuten sind. Auf einem Medaillon ist zum Beispiel zu sehen, wie ein Esel in Gegenwart eines Juden vor einer Hostie niederkniet. Der Mesner betonte, wie froh er darüber sei, dass man dieses Bild aufgrund seines Zustands kaum noch erkennen könne. Er bewies schon vor etlichen Jahren ein feines Gespür, wenn er danach fragte, ob man dies im Allerheiligsten des Kirchenraumes überhaupt darstellen dürfe.

Vier Medaillons

Durch Detailfotos, die von Pfarrgemeinderatsobmann DI Gerhard Mischitz zur Verfügung gestellt worden sind, wird die Botschaft der gotischen Deckenfresken aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts nahe des Hochaltars erst vollends erkennbar. Sie widmen sich dem Thema der Eucharistie. Anstatt das Mysterium im Bilde zu erschließen, verkommt die Theologie jedoch zur Ideologie, die sich gegen die Juden wendet. Die beiden Motive auf der rechten Seite entstammen Legenden über den Heiligen Antonius von Padua, die zu diesem Zweck antisemitisch umgedeutet worden sind, auf der linken Seite unterstellen die Bildnisse, Juden würden sich an Hostien zu schaffen machen und diese schänden. Sie würdigen also Juden herab, die durch das Gewand, den Gestus, die Kopfbedeckung und die Bärte klar als solche erkennbar sind. Wenden wir uns nun den einzelnen Darstellungen zu, die wir auf der Grundlage der Expertise der Diözesankonservatorin Dr. Rosmarie Schiestl folgendermaßen deuten können.

Umdeutung von zwei Legenden über den Heiligen Antonius

Die beiden Medaillons fußen auf Legenden über den Heiligen Antonius von Padua. Die erste berichtet von einer besonderen Begegnung des Heiligen mit Katharern, die damals als die Ketzer schlechthin angesehen wurden. Die erste Darstellung zeigt Antonius, der mehreren Männern eine Hostie zeigt und sie von der besonderen Wirkkraft der Eucharistie überzeugen möchte. Als diese ihm keinen Glauben schenken, kündigt der Heilige an, dass ein Esel, der drei Tage kein Futter erhalten hat, zuerst die Eucharistie verehren würde und erst dann das dargebotene Heu fressen werde. Das Angekündigte trifft ein: der Esel kniet vor der Hostie. Im Laufe der Zeit wurden – wie hier – die Katharer durch Juden ersetzt und damit als „Ungläubige“ gebrandmarkt. Ähnliches ist unter anderem auf einem Fresko von Johann Jakob Zeiller in der Klosterkirche St. Teodor und Alexander in Ottobeuern zu sehen.

Antonius mit knieenden Esel (Gerhard Mischitz)
Antonius mit Esel (Foto: Gerhard Mischitz)

Das zweite Medaillon zeigt Antonius mit einer Schatzkiste. Die Legende erzählt, dass man darin das Herz eines verstorbenen Wucherers gefunden habe. In diesem Bild erscheint der Wucherer jedoch als Jude. Das Vorurteil, Juden würden sich herzlos an der Not ihrer Mitmenschen bereichern, ist bis heute Bestandteil antisemitischer Hetze.

Antonius und das Schätzkästchen (Gerhard Mischitz)
Antonius und das Schatzkästchen (Foto: Gerhard Mischitz)

Hostienschändungen

Als bräuchte es noch eine Steigerung, wird auf der gegenüberliegenden Seite in zwei weiteren Medaillons zur Schau gestellt, was man im Mittelalter jüdischen Zeitgenossen unterstellt hat. Auf einem Bild sieht man jüdische Männer, die ihre Aufmerksamkeit auf ein Lagerfeuer richten. Einer von ihnen – aufgrund seines Gewandes und des Schwerts als Osmane erkennbar – kniet davor und schiebt mit seiner Waffe eine Hostie ins Feuer. Diese aber verbrennt nicht.

Juden angedichterer Hostienfrevel mit Feuer (Gerhard Mischitz)
Juden angedichteter Hostienfrevel mit Feuer (Foto: Gerhard Mischitz)

Das zweite Medaillon zeigt vier Juden und einen Osmanen (in violettem Gewand) mit Dolchen um einen Tisch versammelt, auf dem eine Hostie liegt. Einer von ihnen hat mit seinem Marterwerkzeug bereits die Hostie durchbohrt. Aus ihr tritt Blut aus. In beiden Fällen wird offensichtlich das Motiv des sogenannten „Hostienfrevels“ veranschaulicht. Juden wurde im Mittelalter oft angedichtet, sie würden sich am Leib Christi vergehen und damit die Passion Jesu wiederholen. Diese Propaganda führte mancherorts sogar zu religiös motivierten Pogromen. In diesem Fall wurde den Bildern eine besondere Schärfe verliehen, indem die Juden der Kumpanei mit den Osmanen (Türken) bezichtigt werden, die das Stift Eberndorf 1473 stark in Mitleidenschaft gezogen haben. Durch gründliche Forschung wurde längst zweifelsfrei nachgewiesen, dass die Inhalte dieser Bilder frei erfunden wurden, um Juden in Verruf zu bringen. Umso bedauerlicher ist, dass Darstellungen dieser Art sogar im heiligsten Bereich einer Kirche Platz gefunden haben.

Juden angedichteter Hostienfrevel mit “Durchstechen“ (Gerhard Mischitz)
Juden angedichteter Hostienfrevel mit "Durchstechen" (Foto: Gerhard Mischitz)

Judenverfolgung

Die Botschaft dieser Bilder ist keineswegs ohne Wirkung geblieben. Sie sind ein beredtes Zeugnis für das Unrecht, das Menschen jüdischer Herkunft zugefügt wurde, entstammen sie doch einer Zeit wachsender Judenfeindschaft. 1496 wurden die Juden aus Kärnten vertrieben und konnten hier erst in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts allmählich wieder Fuß fassen, freilich – wie auch im Mittelalter – als kleine Minderheit. Das nahegelegene Völkermarkt war zum Beispiel ein wichtiges jüdisches Zentrum, es wird in einem Dokument aus dem 12. Jh. sogar „forum iudeorum“ genannt.

Die Fresken machen auf erschütternde Weise deutlich, wie die christliche Frömmigkeit Wesentliches aus dem Blick verloren hat, nämlich, dass Jesus selbst als Jude gelebt hat, mit seinen jüdischen Jüngern das Pessachmahl gefeiert hat usw. Auch fehlgeleitete Deutungen der Evangelien, insbesondere der Leidensgeschichte Jesu, haben bis über die Mitte des 20. Jh. hinaus den religiös geprägten Antisemitismus befeuert.

Kriterien für Kunst im Kirchenraum

Eine Kirche ist ein Ort des Gottesdienstes und des Gebetes. Daher ist es auch nicht unerheblich, wie dieser Raum ausgestattet ist. So wird in der Liturgiekonstitution des 2. Vatikanischen Konzils „Sacrosanctum Concilium“ betont, dass die Kirche immer schon darüber entschieden habe, ob Kunstwerke im Kirchenraum „dem Glauben, der Frömmigkeit und den ehrfurchtsvoll überlieferten Gesetzen entsprächen und als geeignet für den Dienst im Heiligtum anzusehen seien“ (SC 122). Auf diesem Hintergrund ist völlig unstrittig, dass die oben beschriebenen Fresken das Gegenteil von dem vermitteln, was heute der Anspruch der Kirche gegenüber sakraler Kunst ist. Was sie darstellen, widerspricht dem christlichen Glauben, dem Gebot der Nächstenliebe und der Lehre des II. Vatikanischen Konzils über das Verhältnis von Juden und Christen.

Bedenken, nicht verdrängen

Wie also mit diesen Fresken umgehen? Der erste Impuls mag vielleicht sein: diese Fresken sollen übermalt oder wenigstens verdeckt werden. Wir plädieren jedoch für einen offenen Umgang mit diesem dunklen Kapitel der Geschichte unserer Kirche und unseres Landes. Denn das Abnehmen oder Vernichten von Kunstwerken würde letztlich dazu führen, das Leid des jüdischen Volkes zuzudecken. Zudem macht Papst Franziskus in einem Grußwort vom 20. Jänner 2020 an eine Delegation des „Simon-Wiesenthal-Zentrums“ auf einen weiteren Aspekt aufmerksam:

Wenn wir die Erinnerung verlieren, machen wir die Zukunft zunichte.

Die Erinnerung soll uns davor bewahren, dass sich dieses Unrecht des Antisemitismus wiederholt. Sie ist aber auch der Schlüssel für die Zukunft, wenn wir durch die Beschäftigung mit der Kirchen- und Theologiegeschichte besser begreifen, dass der christliche Glaube im Glauben Israels wurzelt und dass wir durch den praktizierten Glauben von Jüdinnen und Juden die Botschaft Jesu Christi tiefer erfassen können.

Tag des Judentums

Der Tag des Judentums ist ein guter Anlass, sich der Geschichte des eigenen Kirchenraumes zu stellen und sich bei einem Kirchenrundgang zu fragen: Wie werden Menschen jüdischer Herkunft auf Kunstwerken dargestellt – man denke vor allem auch an Kreuzwege und Fastentücher? Können wir in diesem Umfeld kommentarlos Sonntag für Sonntag die Liebe Gottes feiern? Gerne unterstützen wir Sie dabei, indem wir mit Ihnen die theologischen Zusammenhänge näher erschließen und auf entsprechende Bilder, Statuen, Fastentücher oder Glasfenster in Informationsblättern oder Schautafeln hinweisen. Mit diesem Beitrag ist der Anfang gemacht. Daher möchten wir uns an dieser Stelle bei der Pfarre Eberndorf für die Offenheit und gute Kooperation bedanken. Dort hat man sich entschieden, nicht mehr darauf zu vertrauen, dass diese optisch schwer zugänglichen Bilder übersehen werden, sondern bewusst darauf hinzuweisen und darüber zu informieren. Auf diese Art wurde ihnen eine neue Bedeutung beigemessen. Von nun an dienen sie als Mahnmal gegen eine christlich geprägte Abwertung des Judentums. Franc Podrečnik, der Mesner von Eberndorf, hat uns dabei bereits seinerzeit fast prophetisch den Weg gewiesen: hinsehen, darüber sprechen, bedauern, erklären, wie wir heute dazu stehen. So hat es auch Papst Johannes Paul II. am 26. März 2000 in seinem Gebet an der Westmauer von Jerusalem zum Ausdruck gebracht:

Gott unserer Väter,
du hast Abraham und seine Nachkommen auserwählt,
deinen Namen zu den Völkern zu tragen.

Wir sind zutiefst betrübt über das Verhalten aller,
die im Laufe der Geschichte deine Söhne und Töchter leiden ließen.

Wir bitten um Verzeihung
und wollen uns dafür einsetzen,
dass echte Geschwisterlichkeit herrsche mit dem Volk des Bundes.

Papst Johannes Paul II.

Inhalt: Michael Kapeller und Klaus Einspieler
Kunsthistorische Expertise: Rosmarie Schiestl