Fastenhirtenbrief 2026 von Bischof Josef Marketz
Den Blick auf das Gute schärfen
Liebe Schwestern und Brüder in Christus!
Wir stehen am Beginn der österlichen Bußzeit. In vielen Kirchen verhängen nun wieder Fastentücher die Altäre. Nicht wenige davon führen uns vor Augen, wie Adam und Eva vom Baum der Erkenntnis essen. So verlieren sie das Paradies, das Leben im Einklang mit Gott, der Welt und sich selbst. Seither sehnen wir uns nach dieser Einheit. Wir leiden daran, dass wir uns voneinander entfremden und in der Selbstbezogenheit verlieren.
Am ersten Fastensonntag lädt uns die Kirche mit der Lesung vom Sündenfall auf jenen Weg ein, der uns zur Feier der Osternacht führt. In dieser hören wir gleich zu Beginn die große Erzählung von der Erschaffung der Welt. Sie betont die Würde des Menschen und geht der Frage nach, ob Gott die beste aller Welten erschaffen hat. An ihrem Ende steht ein klares Ja: „Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Und siehe, es war sehr gut“ (Gen 1,31). Doch Hand aufs Herz: Können wir uns nicht alle eine bessere Welt vorstellen? Werden wir in den Nachrichten nicht Tag für Tag mit einer Wirklichkeit konfrontiert, die ein Mehr an Frieden, Empathie und vielem anderem bitter nötig hätte?
Das ist das Thema der Erzählung vom Fall des Menschen. Sie sucht nach einer Antwort, warum wir nicht in jener Welt leben, die vom Wahren, Guten und Schönen durchwirkt ist. Eigentlich geht es in dieser Erzählung um Grundlegendes, das immer, überall und für jeden gilt. Jeder von uns ist Adam und Eva, weil wir alle aus der Erde genommen sind und zu ihr zurückkehren werden, was uns die Feier des Aschermittwochs drastisch vor Augen führt. Wofür könnte also der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse stehen? Zunächst wohl für unsere Freiheit, uns für etwas und jemanden zu entscheiden. Diese Freiheit ist auch die Grundlage unserer Würde, die Gott selbst dann respektiert, wenn wir in die Irre gehen. Das fordert uns in unserer Verantwortung.
Als Orientierung in dieser Verantwortung helfen uns die Gebote. Ihr Sinn ist es, die Freiheit und Würde des Menschen zu schützen, zu verhindern, dass Stärkere ihre Kraft auf Kosten der Schwächeren ausleben und Mitmenschen zum Objekt ihres Planens und Handelns machen.Keine Gesellschaft kann bestehen, wenn sie sich nicht auf Werte und daraus hervorgehende Normen verständigt. Dieser Konsens ist keine Selbstverständlichkeit, weil sich die Menschen ändern und täglich neu darum ringen müssen.
So stehen wir heute etwa vor der drängenden Frage, wie wir das Leben vom Anfang bis zum Ende schützen können. Wie können wir an einer Gesellschaft bauen, die Menschen in Krisenzeiten ermutigt, Ja zum Leben sagen zu können? Welche Wege beschreiten wir, die zu mehr Humanität und Nächstenliebe führen?
Es ist gleichermaßen besorgniserregend, dass auf internationaler Ebene die auf dem Völkerrecht beruhende Weltordnung, ja selbst die Menschenrechte, in Frage gestellt werden. Die Relativierung der Werte zielt darauf ab, die Starken ins Recht zu setzen. Im Grunde stellt sie in Frage, dass jeder Mensch Abbild Gottes ist, jeder daher dasselbe Recht hat, zu leben, am gesellschaftlichen Leben teilzuhaben und mitzuentscheiden. Sind Menschen, die meinen, aufgrund ihres Vermögens, Bildungsgrades oder anderer Faktoren mehr Gewicht zu haben als andere, nicht längst auf dem Weg, sein zu wollen wie Gott, weil sie sich über andere erheben? Die Heilige Schrift ruft uns in Erinnerung: Nicht der Mensch hat den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse gepflanzt, er ist eine Vorgabe, die er auch im Paradies schon vorgefunden hat. Der Kern aller Werte und Gebote, der Schutz der Würde und des Lebens, ist uns vorgegeben. Um der Freiheit und Würde des Menschen willen können wir als Christen jedoch nicht schweigen oder tatenlos bleiben, wenn es um die Frage von Gut und Böse geht.
Liebe Schwestern und Brüder! Nützen wir die Tage der Fastenzeit, um unseren Blick auf das Gute zu schärfen. Schauen wir dabei zuerst auf uns selbst. Oft bleiben Werte nur Worte, werden nicht im alltäglichen Leben umgesetzt. Lassen wir uns auf die Einladung Jesu ein, seiner Weisung zu folgen und in seiner Spur zu leben. Nützen wir auch das Angebot, im Sakrament der Versöhnung Stärkung zu erfahren, vor allem aber Vergebung, ohne die ein Neubeginn nicht gelingen kann. Seien wir bereit, einander zu vergeben, weil auch Gott uns vergeben hat und vergibt. Suchen wir den Einklang mit Gott, der Welt und uns selbst!
Der Segen Gottes begleite Sie durch diese Zeit des Zugehens auf Ostern.
+ Josef Marketz
Diözesanbischof
Klagenfurt a. W., am 1. Fastensonntag, 22. Februar 2026