40° in Kärnten – Was folgt daraus?
Ein Rückblick auf einen bewegenden Diskussionsabend zum Thema Klimawandel im Kloster Wernberg
Der außergewöhnlich heiße Sommer 2026 hat auch in Kärnten viele Menschen spürbar an die Grenzen ihrer Belastbarkeit gebracht. Unter dem Leitgedanken „Wir wissen genug. Aber was bedeutet es, wenn wir dieses Wissen ernst nehmen?“ luden kirchennahe und Umweltorganisationen am 21. Oktober 2026 zu einem Vortrags- und Gesprächsabend ins Kloster Wernberg ein. 90 Interessierte folgten der Einladung, um wissenschaftliche Erkenntnisse mit konkreten Fragen zu Gesundheit, Landwirtschaft und sozialer Gerechtigkeit zu verbinden.
Vortrag: Leben und Handeln im Anthropozän
Den wissenschaftlichen Auftakt gestaltete Prof. Dr. Ulrich Pöschl, Direktor am Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz. Er machte deutlich, dass die Menschheit das klimatisch stabile Zeitalter des Holozäns verlassen hat und sich im sogenannten Anthropozän befindet. Dieser Begriff wurde besonders durch Nobelpreisträger Paul Crutzen populär gemacht. Seit der „Großen Beschleunigung“ um 1950 ist die CO₂-Konzentration in der Atmosphäre von natürlichen 270 ppm im Holozän auf heute über 420 ppm gestiegen. Dieser tiefgreifende Wandel vollzog sich innerhalb von nur 75 Jahren – und damit innerhalb einer einzigen menschlichen Lebensspanne.
Während die globale Mitteltemperatur bislang um ca. 1,5 °C gestiegen ist, beträgt der Erwärmungsanstieg im österreichischen Alpenraum bereits ca. 3 °C. Neben der Zunahme von Extremwetterlagen rückte Pöschl vor allem die gesundheitlichen Folgen in den Mittelpunkt: Luftverschmutzung ist weltweit der zweitgrößte Todesrisikofaktor und verursacht rund 8 Millionen vorzeitige Todesfälle pro Jahr. Da etwa die Hälfte dieser Verschmutzung unmittelbar auf die Verbrennung fossiler Energieträger zurückgeht, ist der Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas auch aus gesundheitlichen Gründen zwingend erforderlich.
„We are shaping the planet,
so let’s try to get it right.“
Gleichzeitig warnte Pöschl vor Fatalismus. Seine Botschaft: „We are shaping the planet, so let’s try to get it right.“ Entscheidend sei, die Herausforderungen entschlossen anzugehen. Ein Dreiklang aus dem systemischen Umbau der Energieinfrastruktur, einer sozialverträglichen CO₂-Bepreisung mit Rückvergütung durch den Klimabonus und freiwilliger persönlicher Kompensation könne dazu beitragen, die notwendigen Veränderungen zu bewältigen.
Podiumsdiskussion: Wo Kärnten ansetzen muss
Wie lassen sich diese Erkenntnisse in konkretes Handeln übersetzen? Unter der Moderation von Bischofsvikar Mag. Hans Peter Premur diskutierte im Anschluss ein breit aufgestelltes Expertengremium über die Herausforderungen und Handlungsmöglichkeiten in Kärnten.
Klimaschutz und Energiewende: Kärntens Klimaschutzbeauftragter Dr. Markus Kottek verwies auf den Verkehrssektor als größten Treibhausgasemittenten des Landes: Er verursacht 46 bis 47 % der Emissionen. Zwar konnten diese seit 2005 bereits um 35 bis 37 % gesenkt werden, das Ziel bleibt jedoch die weitgehende Klimaneutralität. DI Albrecht Grießhammer, Mitverfasser der Studie "Energiestrategie Kärnten" lenkte den Blick auf die wirtschaftlichen Chancen der Energiewende: Kärnten gibt jährlich rund 600 Millionen Euro für den Import fossiler Energien aus. Die Umstellung auf 100 % regionale erneuerbare Energien könnte diese Wertschöpfung im Land halten und zugleich die Gesamtkosten des Energiesystems um bis zu 400 Millionen Euro pro Jahr senken.
Soziale Gerechtigkeit und Pflege: Caritas-Direktor Mag. Ernst Sandriesser machte auf die sozialen Folgen extremer Hitze aufmerksam. In besonders heißen Sommerwochen kann die Übersterblichkeit bis zu 20 % betragen – besonders betroffen sind ältere und pflegebedürftige Menschen. Neben Hitzeschutzmaßnahmen in heimischen Pflegeheimen stellte Sandriesser ein Caritas-Projekt in Uganda und Kenia vor. Dort werden Klein-Biogasanlagen errichtet, die landwirtschaftliche Abfälle nutzen. Das schützt Wälder vor Abholzung, reduziert Rauchschäden in Hütten und trägt dazu bei, die Kindersterblichkeit zu senken.
Landwirtschaft, Gesundheit und Schule: DI Birgit Knaus von BIO AUSTRIA Kärnten hob die Bedeutung der Biolandwirtschaft hervor. Der Verzicht auf energieintensive Mineraldünger und eine gesunde Kreislaufwirtschaft leisten einen wichtigen Beitrag zur Nachhaltigkeit. Wie existenziell die Folgen zunehmender Dürreperioden bereits sind, verdeutlichte DI Hubert Gernig von der Hagelversicherung: Österreichweit überstiegen die Schäden in der Landwirtschaft erstmals eine Milliarde Euro. Alexander Thomasser vom Klinikum Villach berichtete über die erfolgreiche Einführung der pflanzenbasierten „Planetary Health Diet“ für Patientinnen und Patienten. Mag. Johannes Rampler vom Klimabündnis Kärnten appellierte schließlich, bei Hitzewellen kühle Gebäude – etwa Kirchen – als Zufluchtsorte für besonders gefährdete Menschen zu nutzen.
Ein starkes Zeichen der Solidarität
Der Diskussionsabend führte eindrücklich vor Augen: Der Klimawandel ist weit mehr als eine ökologische Herausforderung. Er berührt grundlegende Fragen der sozialen Gerechtigkeit, der Ethik und der Verantwortung für die Schöpfung. Wissenschaftliche Erkenntnisse, regionale Handlungsmöglichkeiten und konkrete soziale Auswirkungen gehören dabei untrennbar zusammen.
Ein Zeichen gelebter Solidarität setzte auch der Spendenaufruf im Rahmen der Veranstaltung. Die freiwilligen Spenden kommen unmittelbar dem sozial-ökologischen Projekt der Wernberger Schwestern vom Kostbaren Blut in Afrika zugute. Damit werden Menschen vor Ort dabei unterstützt, verantwortungsvoll und nachhaltig mit den verfügbaren Ressourcen umzugehen.
Die zentrale Frage des Abends, der von Mag. Harald Jost (Schöpfungsreferat der Diözese Gurk) in Zusammenarbeit mit Mag. Franz Zlanabitnig (Koordinator des Klimabereites des Landes Kärnten) organisiert wurde, bleibt damit auch über die Veranstaltung hinaus aktuell: Wir wissen genug. Entscheidend ist, welche Konsequenzen wir daraus ziehen – für den Klimaschutz, für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und für unsere gemeinsame Verantwortung gegenüber der Schöpfung.
Bericht und Fotos: Karl-Heinz Kronawetter / Internetredaktion