Organisation

Referat für Bibel und Liturgie

Die Kommunion des Wortes

von Kaus Einspieler

In diesen Tagen bedauern viele Menschen, dass sie den Leib Christi nicht empfangen und diese intensive Form der Gemeinschaft mit Christus nicht pflegen können. Vielleicht birgt diese Krise aber auch die Chance, zu entdecken, was für Christen ursprünglich selbstverständlich gewesen, im Laufe der Geschichte jedoch aus dem Blick geraten ist – die Begegnung und Gemeinschaft mit Christus in seinem Wort. Kommunion heißt übersetzt Gemeinschaft. Das betrachtende, um nicht zu sagen betende Bibellesen ist also eine andere Art der Kommunion – die Begegnung mit Christus in seinem Wort.

Nicht von Brot allein

Dass Gottes Wort nahrhaft ist, wussten schon die Schreiber des Alten Testaments. So erinnert zum Beispiel Mose die Israeliten, Gott habe sie während ihres Weges durch die Wüste in das gelobte Land zur Erkenntnis geführt, »dass der Mensch nicht nur von Brot lebt, sondern dass der Mensch von allem lebt, was der Mund des HERRN spricht« (Dtn 8,3). Jesus hat sich diesen Gedanken während seines vierzigtägigen Fastens zu eigen gemacht, als er versucht wurde, aus Steinen Brot zu machen. So wird deutlich: das Wort Gottes ist ihm Zeit seines irdischen Daseins ein Lebensmittel im wahrsten Sinne des Wortes gewesen. Es war seine Speise, den Willen dessen zu tun, der ihn gesandt hat (Joh 4,34).

Das harte Brot der Propheten ...

Von einer ähnlichen Erfahrung spricht der Prophet Jeremia. Er hatte kein leichtes Los. Das Wort Gottes, dass er zu verkünden hatte, war düster und unheilvoll. Er ging ihm jedoch nicht aus dem Weg – im Gegenteil, er verzehrte es nahezu gierig und bekennt Gott gegenüber: »Fanden sich Worte von dir, so verschlang ich sie; dein Wort wurde mir zum Glück und zur Freude meines Herzens« (Jer 15,16). Auch harte Worte können uns nähren, weil sie uns vor Augen führen, dass wir uns neu ausrichten müssen. Sie sind wie hartes Brot, Speise auf dem Weg der Umkehr.

... süßer als Honig

Ezechiel, ein Zeitgenosse Jeremias, erzählt in bildhafter Sprache dasselbe. Als er von Gott berufen worden ist, streckte ihm eine geheimnisvolle Hand eine Buchrolle entgegen. Sie war auf beiden Seiten mit Klagen und Weherufen beschrieben. Der Prophet bekommt den Auftrag, sie zu essen und dann zu den Israeliten zu reden. Kein Text der Bibel schildert so eindringlich, was es heißt, das Wort Gottes zu verinnerlichen. Der Prophet soll die Buchrolle verspeisen. Sie soll zu einem Teil seiner selbst werden. Doch kann eine Nahrung bekömmlich sein, die aus Seufzern und Klagen besteht? – Der Prophet stellt fest, dass all diese bitteren Worte in seinem Mund süß wie Honig geworden sind. Davon weiß auch der Psalmist zu berichten. Er bekennt in einem Lobpreis, die Urteile Gottes wären »süßer als Honig, als Honig aus Waben« (Ps 19,11).

Hunger nach dem Wort

Als letzter alttestamentlicher Zeuge sei der Prophet Amos aufgerufen. Er spricht vom Tag des Herrn als einem Tag des Gerichts. Menschen, die sich von Gott entfernt haben, werden plötzlich von quälendem Hunger und Durst befallen, jedoch nicht nach Brot und Wasser, »sondern danach, die Worte des Herrn zu hören« (Am 8,11). Darin verborgen ist das Streben nach Sinn und einem festen Fundament, das auch in stürmischen Zeiten Halt gibt. Die Zeitgenossen des Propheten haben offenbar beides sorglos aus dem Auge verloren. Nun taumeln und torkeln sie orientierungslos umher.

Hören und leben

Mit dem Empfang des Leibes Christi verbinden wir die Verheißung des ewigen Lebens. Dabei stützen wir uns auf das Johannesevangelium, wo es heißt: Wer von diesem Brot ist, wird in Ewigkeit leben (Joh 6,51). Im vorangehenden Kapitel sagt Jesus dasselbe über sein Wort: »Wer mein Wort hört und dem glaubt, der mich gesandt hat, hat das ewige Leben; er kommt nicht ins Gericht, sondern ist aus dem Tod ins Leben hinübergegangen (Joh 5,24). Nehmen Sie diese Einladung an und die Bibel zur Hand. Treten Sie auf diese Weise mit Gott in Zwiesprache, und lassen Sie sich von der lebenschaffenden Kraft seiner Botschaft beschenken. Im folgenden Abschnitt finden Sie einige Hinweise für das betrachtende Lesen der Heiligen Schrift.

Geistliche Schriftlesung

Die geistliche Schriftlesung (lectio divina) Diese Art der persönlichen Betrachtung von Schrifttexten hat eine lange Tradition. Nehmen Sie sich dafür ausreichend Zeit (etwa eine halbe Stunde), suchen Sie sich einen ruhigen Ort und schaffen Sie alles zur Seite, was ablenkt. Wählen Sie keinen langen Bibeltext aus (als Richtmaß können 10-20 Verse gelten). Die Aneignung erfolgt in sechs Stufen, wobei die Stufen 3 und 5 die meiste Zeit in Anspruch nehmen. Zweckfrei lesen – die Begegnung mit Gott in seinem Wort steht im Vordergrund, nicht die Erkenntnis!

  1. Stufe: Innehalten Bin ich bereit, zu hören? – Ich werde still, lasse das Getriebe des Alltags beiseite, nehme meinen Atem wahr und bereite mich so vor, Gottes Wort aufzunehmen. Dafür lasse ich mir genügend Zeit.
  2. Stufe: Lesen Was sagt der Text? – Ich schlage die Bibel auf und lese den Text, langsam und aufmerksam. Ich versuche, auch die Details, so gut es geht, innerlich zu erfassen.
  3. Stufe: Erwägen Was sagt der Text für mich? – Ich gehe den Text Schritt für Schritt durch. Ich sinne darüber nach, was mir wichtig erscheint und wert ist, bedacht zu werden.
  4. Stufe: Beten Was lässt der Text mich sagen? – Ich bete zu Gott und antworte damit auf sein Wort: indem ich für seine Zusage danke oder darum bitte, was ich von ihm erhoffe.
  5. Stufe: Betrachten Was schenkt mir Gott durch diesen Text? – Diese Stufe stellt den Höhepunkt des Lesens dar. Ich bleibe bei dem, was mich im Text angesprochen hat, betrachte es und verweile damit vor Gott.
  6. Stufe: Tun Zu welchem Handeln lädt mich dieser Text ein? – Etwas von dem, was ich erkannt habe, setze ich in meinem Leben um.