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Tabu der Verteilungsrechtigkeit muss fallen

Wirtschaftsexperte Stephan Schulmeister diagnostiziert auf der diesjährigen KAVÖ-Sommertagung in Tainach/Tinje den freien Markt als "manisch-depressiv"

Professor Stephan Schulmeister bei seinem lebhaften Vortrag. Organisator Hans Kuba hört aufmerksam zu. (© Foto: Susanne Schlager)
Professor Stephan Schulmeister bei seinem lebhaften Vortrag. Organisator Hans Kuba hört aufmerksam zu. (© Foto: Susanne Schlager)

Klagenfurt, 23.07.13 (KATHPRESS) Als "manisch-depressiv" bezeichnet der Ökonom und WIFO-Experte Stephan Schulmeister die neoliberale Ausrichtung völliger Marktfreiheit: Das System, "aus Geld mehr Geld zu machen", bedeute in der Finanzspekulation immer den Gewinn des einen auf Kosten des anderen. Schulmeister sprach am Montag auf der Sommertagung des Katholischen Akademikerverbandes Österreich (KAVÖ), die vom 21. bis 26. Juli unter dem Titel  "Geben und Nehmen. Vom Preis der Ungleichheit und vom Glück der Gleichheit" derzeit in Tainach stattfindet. Als zweiter Referent des ersten Ganztagestermins sprach der Kärntner Bischofsvikar Josef Marketz über die christliche Vision des Gebens.

Dem Kapital wohne schon immer ein "Vermehrungsdrang" inne. Erst mit der Dominanz des Finanzkapitalismus habe sich jedoch das Gewinnstreben von der Realwirtschaft entkoppelt und auf die Spekulation konzentriert, so Schulmeister. Profit in der Finanzspekulation gehe Hand in Hand mit dem Schaden jener, die vom Gewinn ausgeschlossen seien.  Als zwei Seiten ein und derselben Medaille seien auch Staatsverschuldung und Arbeitslosigkeit zu betrachten: "Staatsverschuldung ist Ausdruck eines Systemdefekts. Arbeitslosigkeit und Staatsverschuldung können nur im Zusammenhang verstanden werden", erklärte der Ökonom.

Balance suchen

Mit Einführung der Spekulation auf den Staatsbankrott bewege sich Europa in Richtung Spaltung. "Am Ende einer Sackgasse müssen neue Wege gefunden werden", so Schulmeister. Die "Konzeptlosigkeit" der Politik stimme ihn dabei wenig optimistisch. Das Tabu von Fragen der Verteilungsgerechtigkeit in Phasen der Krise und Angst müsse durchbrochen werden, um das bestehende Ungleichgewicht zwischen Jung/Alt sowie Nord/Süd zu überwinden. Um für ein zukunftsfähiges Wirtschaftskonzept den Gegensatz von Wirtschaftswachstum und ökologischer Verantwortung zu mindern, brauche der Markt Regeln und Grenzen. Als Maßnahme für mehr Verteilungsgerechtigkeit plädierte Schulmeister außerdem für eine stärkere Belastung von Privatstiftungen.

Handeln wie zur Endzeit

Bischofsvikar Marketz näherte sich dem Thema "Geben und Nehmen" aus dem Visionären des Christlichen her: "Der Christ gibt aus einer spirituellen Erfahrung von Fülle, er weiß, dass ihm diese Fülle verheißen ist." Christliches Motiv des Gebens sei somit nicht die bloß ethische Pflichterfüllung oder das Wahren einer Balance, sondern "weil ich jetzt schon so handle, als ob das Ende bereits da wäre". Im Geben sollten Christen nicht bloß Almosen verteilen oder aus dem Antrieb des Krisenmanagements handeln. Vielmehr sollten sie beispielgebend ein solidarisches Leben führen, so Marketz. Um dem gesellschaftlichen Leben eine Form und Neuordnung zu geben, brauche es Visionen. Jesus habe Handeln und Vision in Personalunion vereinigt. "Wir müssen heute wieder neue Formen des Zusammenlebens suchen. Dafür braucht es ein Hinblicken auf die Vision", sagte der Bischofsvikar für Seelsorge, Mission und Evangelisierung in Kärnten.

Unter den Vortragenden der KAVÖ-Sommertagung ist auch der Jurist und Präsident der UNESCO-Gemeinschaft Wien, Prof. Manfried Welan, der am Mittwoch über das "Geben und Nehmen in der Politik" sprechen wird. Die Tagung endet am Freitag mit Werkstatt-Gesprächen zum liberalem Wirtschaftssystem und der Frage der Rollenteilung in der Familie und einem gemeinsamen Abschlussabend.

Das weitere Programm der KAVÖ-Sommertagung finden Sie >> HIER