Geschichte und Spiritualität der Anbetung (3)
Zehn Jahre Anbetung in St. Nikolai
Vor dem Allerheiligsten – eine Spurensuche durch die Jahrhunderte
Seit zehn Jahren wird in der Franziskanerkirche St. Nikolai in Villach an jedem Werktag das Allerheiligste zur Anbetung ausgesetzt. Das Jubiläum lädt dazu ein, den historischen Spuren dieser Gebetsform zu folgen und ihre Entwicklung durch die Jahrhunderte kennenzulernen.
Im Laufe der Jahrhunderte haben Heilige und geistliche Wegbereiter unterschiedliche Zugänge zur Anbetung eröffnet. Für sie war das Verweilen vor dem Allerheiligsten keine nebensächliche Frömmigkeitsübung, sondern eine Quelle der Kraft für das Leben und den Dienst an den Menschen. Dies ist Thema des dritten und letzten Teil dieser Reihe.
Bei Christus bleiben
Der hl. Paschalis Baylon (1540–1592), ein spanischer Laienbruder des Franziskanerordens, ist ein bedeutender Zeuge der Verehrung der Eucharistie in der franziskanischen Tradition. Schon als Kind wurde er von seiner Mutter zum Gebet und zum Besuch der Kirche angeleitet. Während seiner langen Jahre als Hirte fand er in der Stille der Felder Zeit für Gebet und Betrachtung. Eine spätere Heiligenüberlieferung erzählt, dass ihm dort die Eucharistie in einer Vision erschienen sei. Seine Liebe zum Allerheiligsten prägte jedenfalls sein Leben als Franziskaner: Er verbrachte viele Stunden im Gebet vor dem Tabernakel. Als er 1576 im Auftrag seines Ordens nach Frankreich reiste, verteidigte er in einer Auseinandersetzung mit Calvinisten seinen Glauben an die wirkliche Gegenwart Christi in der Eucharistie und geriet dadurch in Lebensgefahr. Papst Leo XIII. (1878–1903) ernannte ihn 1897 zum Patron der eucharistischen Vereinigungen und Kongresse. Seine Statue beim Josefsaltar in Villach St. Nikolai erinnert an diesen Heiligen, für den die Eucharistie nicht bloß Gegenstand der Verehrung war, sondern die Mitte seiner Beziehung zu Christus und dadurch zu den Menschen.
Jahrhunderte später fand der hl. Alfons Maria von Liguori (1696–1787) eine sehr persönliche Sprache über die Anbetung. Er empfahl den Besuch beim Allerheiligsten ausdrücklich und schrieb über das Verweilen vor Jesus im Sakrament. Es sei, als würde man einem vertrauten Freund seine Sorgen und Nöte anvertrauen. Anbetung war für Alfons deshalb keine fromme Nebensache, sondern eine konkrete Weise, bei Christus zu bleiben.
Beim Pfarrer von Ars, Johannes Maria Vianney (1786–1859), wurde die Anbetung zu einem festen Bestandteil seines priesterlichen Alltags. Stunden verbrachte er vor dem Tabernakel, bevor er sich den Menschen im Beichtstuhl zuwandte. Für ihn gehörten beide Orte eng zusammen: der Herr im Tabernakel und der Mensch, der mit seiner Schuld, seinen Sorgen und seiner Sehnsucht zum Priester kommt.
Im 19. Jahrhundert erhielt die Eucharistische Anbetung noch einmal neue Dynamik. Der hl. Peter Julian Eymard (1811–1868), der „Apostel der Eucharistie”, gründete die Kongregation der Priester vom Allerheiligsten Sakrament und setzte sich dafür ein, die Eucharistie stärker in die Mitte des kirchlichen Lebens zu stellen.
Aus diesem eucharistischen Aufbruch ging auch die Initiative der Französin Émilie Tamisier (1834–1910), einer Schülerin Eymards, hervor. Sie organisierte 1881 mit Unterstützung von Priestern, Bischöfen und Laien den ersten Internationalen Eucharistischen Kongress in Lille. Dort versammelten sich vom 28. bis 30. Juni 1881 Delegierte aus verschiedenen Ländern, um den Glauben an die Gegenwart Christi in der Eucharistie zu bezeugen und die Eucharistie neu in das Bewusstsein der Kirche zu rücken. Diese Tradition setzt sich bis heute fort: Der 53. Internationale Eucharistische Kongress fand 2024 in Quito statt, der nächste ist für 2028 in Sydney vorgesehen.
Und auch außerhalb dieser internationalen Kongresse zeigt sich, wie lebendig die Eucharistische Anbetung geblieben ist: Bei der katholischen SEEK-Konferenz in den USA versammelten sich Anfang 2026 allein in Columbus (Ohio) rund 16.000 Jugendliche und junge Erwachsene zur Eucharistischen Anbetung.
Ein Fenster zur Ewigkeit, das offen bleibt
Doch eucharistische Anbetung findet nicht nur dort statt, wo sich Tausende versammeln. Sie geschieht ebenso still und unscheinbar: in einer Kirche in der Stadt an der Drau, vor dem Tabernakel oder der Monstranz, mitten im Alltag eines Menschen.
Menschen, die zur Anbetung nach St. Nikolai kommen, erzählen immer wieder von innerer Ruhe. Eine Sorge verliert an Schwere, ein Gedanke wird klarer, eine festgefahrene Situation lässt sich neu ordnen. Selbst wenn sich an den äußeren Umständen nichts ändert, kann sich im Inneren etwas bewegen. Manche erzählen davon, dass sie in dieser Stunde wieder zum Glauben an Christus gefunden haben. Für andere wurde das Verweilen vor dem Allerheiligsten zum Ausgangspunkt einer Umkehr oder einer neuen Ausrichtung des eigenen Lebens auf Christus. Einzelne berichten sogar von körperlichen Heilungen, die sie mit ihrem Gebet und der Anbetung verbinden.
Die Franziskaner werden daher auch nach 2026 an der täglichen Anbetung festhalten. Die Türen werden offen bleiben, die Kerzen werden brennen. Eine Stunde vor Christus – ohne großes Programm, ohne Inszenierung.