Geschichte und Spiritualität der Anbetung (2)
Zehn Jahre Anbetung in St. Nikolai
Vor dem Allerheiligsten – eine Spurensuche durch die Jahrhunderte
Seit zehn Jahren wird in der Franziskanerkirche St. Nikolai in Villach an jedem Werktag das Allerheiligste zur Anbetung ausgesetzt. Das Jubiläum lädt dazu ein, den historischen Spuren dieser Gebetsform zu folgen und ihre Entwicklung durch die Jahrhunderte kennenzulernen. Im 2. Teil geht es darum, wie die sichtbare Gegenwart Christi in der Eucharistie stärker ins Bewusstsein der Gläubigen trat.
Vom Aufbewahren zum Schauen
Im Mittelalter trat die eucharistische Gegenwart stärker ins Blickfeld. Besonders eindrücklich zeigt sich das an der Elevation. Das Wort kommt vom lateinischen elevare, „emporheben”. Der Priester erhebt nach den Einsetzungsworten Jesu („Das ist mein Leib”, „Das ist mein Blut”) die konsekrierte Hostie und zeigt sie der Gemeinde. Was heute ein selbstverständlicher Moment jeder hl. Messe ist, wurde erstmals ausdrücklich in den Synodalstatuten des Pariser Bischofs Odo von Sully (1196–1208) bezeugt. Er ordnete für sein Bistum an, dass der Priester die konsekrierte Hostie nach den Einsetzungsworten so erheben sollte, „dass sie von allen gesehen werden konnte”.
Das Schauen auf die erhobene Hostie blieb jedoch nicht auf diesen kurzen Augenblick beschränkt. Im 13. Jahrhundert entwickelte sich zunehmend eine Verehrung der Eucharistie außerhalb der Messfeier. Eine wichtige Gestalt dieser Entwicklung war Juliana von Lüttich (1191/92–1258). Die Ordensfrau setzte sich dafür ein, der Eucharistie ein eigenes Fest zu geben. Nach anfänglichem Zögern führte 1246 der Lütticher Bischof Robert von Thourotte (1240–1246) in seiner Diözese erstmals das Fest des Leibes und Blutes Christi, Fronleichnam, ein. Juliana selbst erlebte die Verwirklichung allerdings nicht mehr.
Einer ihrer Unterstützer war Jacques Pantaléon von Troyes (um 1195–1264), der spätere Papst Urban IV. (1261–1264). Er setzte 1264 das Fronleichnamsfest als Fest der Universalkirche ein. In seiner Bulle Transiturus de hoc mundo vom 11. August 1264 begründete er die besondere Verehrung des eucharistischen Leibes Christi. In der feierlichen Prozession wird bis heute die konsekrierte Hostie durch die Straßen getragen: Christus wird nicht nur innerhalb der Kirche verehrt, sondern gleichsam mitten durch die Welt getragen. Die Prozession wurde damit zu einer besonders eindrücklichen Form der öffentlichen Eucharistieverehrung.
Für diese neue Form der Verehrung brauchte es ein Gefäß, das die Hostie sichtbar aufnehmen konnte. Daraus entwickelte sich die Monstranz, deren Name vom lateinischen monstrare, „zeigen”, abgeleitet ist. Zunächst wurden dafür Reliquiargefäße verwendet, die eine Sicht auf die konsekrierte Hostie ermöglichten. Allmählich entwickelte sich dann die uns heute vertraute Monstranz mit einer durchsichtigen Öffnung, in der die Hostie in einer kleinen Halterung, der Lunula, sichtbar eingesetzt wird. Daraus bildete sich ab dem 14. Jahrhundert die Aussetzung des Allerheiligsten zunehmend.
Zugleich musste die Kirche immer wieder darauf achten, dass die Verehrung der Eucharistie mit ihrer eigentlichen Mitte, der Feier der heiligen Messe, verbunden blieb.
Thomas von Aquin (1225–1274) gab der eucharistischen Verehrung auch eine Sprache des Gebets. Für die Fronleichnamsliturgie verfasste der Kirchenlehrer Hymnen wie Pange lingua und Adoro te devote. Besonders der Beginn des letzteren ist bis heute eng mit der eucharistischen Anbetung verbunden: „Adoro te devote, latens Deitas” – „Gottheit tief verborgen, dich verehre ich.”
Vom Schauen zum Verweilen
Schließlich entstanden verschiedene Formen einer gemeinsamen Anbetung. Eine besonders eindrucksvolle ist die vierzigstündige Anbetung, die Quarant'Ore. Dabei wird das Allerheiligste über einen Zeitraum von vierzig Stunden ausgesetzt, während sich die Gläubigen im Gebet ablösen. Die vierzig Stunden erinnern an die Zeit zwischen dem Tod Jesu und seiner Auferstehung, in der sein Leichnam im Grab lag.
Die Vierzigstundenandacht entstand im 16. Jahrhundert in Italien. Für Mai 1537 ist in Mailand eine solche Gebetsordnung überliefert, bei der das Allerheiligste nacheinander in verschiedenen Kirchen ausgesetzt wurde und sich die Gläubigen Tag und Nacht im Gebet ablösten. Papst Paul III. (1534–1549) bestätigte diese Praxis 1539 und gewährte dafür einen Ablass. Papst Clemens VIII. (1592–1605) ordnete 1592 für Rom eine regelmäßige Abfolge der Vierzigstundenandacht an.
Aus solchen Formen zeitlich begrenzter Anbetung entwickelten sich später längere und schließlich dauernde Formen. Heute reicht das Spektrum vom stillen Gebet vor dem Tabernakel über die Aussetzung des Allerheiligsten und eucharistische Prozessionen bis hin zur immerwährenden Anbetung. Papst Benedikt XVI. empfahl 2007 in seinem Apostolischen Schreiben Sacramentum Caritatis die eucharistische Anbetung und verwies dabei unter anderem auf die Fronleichnamsprozession, die Vierzigstundenandacht und die Eucharistischen Kongresse.
Doch wie wurde aus dem kurzen Verweilen vor der erhobenen Hostie eine persönliche und dauerhafte Gebetspraxis? Und was bedeutet es, vor Christus zu bleiben – im Leben der Heiligen ebenso wie mitten im Alltag? Davon handelt der dritte und letzte Teil unserer Reihe: „Bei Christus bleiben“.