Wie sich die Welt erklärt
Ein Kommentar von Dechant Herbert Burgstaller zum 75. Todestag von Ludwig Wittgenstein
„Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“
Er ist Österreicher. Er stammt aus der Kultur- und Wissensmetropole Wien. In der Philosophie setzt er unverrückbare Grenzen. Er bewegt sich innerhalb der Sprachgrenzen. Sie bedeuten seine Welt. Jenseits dieser Welt sind Sätze unsinnig und ist wissenschaftliche Rede unredlich. Gemeint ist Ludwig Wittgenstein.
Vor 75 Jahren ist er verstorben. In seinem Tractatus logico philosophicus begegnen wir der Welt als einem System von Sätzen. Die Welt ist das Spiegelbild der Sprache, nicht umgekehrt. Die Grundordnung der Welt und die Grammatik sind eins. Logik ist angewandte Grammatik in formalisierter Sprache. Sprache ist Architektur und ein technisches Konstrukt.
Wie ein Bauplan lässt sich Sprache in Einzelteile zerlegen. Wörter und Sätze sind wie Atome und Moleküle Bausteine der Welt, Grundelemente des Sprachgebäudes. Die DNA enthält den Bauplan für das Leben, sie zu decodieren war eine bahnbrechende Errungenschaft des 20. Jahrhunderts, ein Quantensprung in der Molekularbiologie.
Wittgensteins Traktat ist der Schlüssel zum Verständnis der Welt. Die strenge Systematisierung von Sätzen und die Konstruktion von Satzsystemen sind der Zugang zur Welterschließung. Fehler in der DNA führen zu Fehlbildungen, Fehler im Bausatz Sprache zu Sprachverwirrung. Die Aufgabe der Philosophie besteht nach Wittgenstein darin, Sprache auf ihre Funktionstauglichkeit zu überprüfen.
Gelingendes Sprechen ist ein Spiel nach Regeln. Die Konvention bestimmt die Norm. Sprechen ist Interaktion. Wir sind Gefangene einer Sprachkolonie und bleiben es. Eine Außenperspektive oder eine Metasprache gibt es nicht. Metaphysik ist unsinnig. Wittgenstein ist kein Poet. Poesie ist eine phantasierte Welt. Schweigen ist dort geboten, wo herkömmliche und alltagstaugliche Sprachbausätze durch Kunstsprache ersetzt werden. Im strengen Sinn ist es die Ausgeburt des Sinns, also reiner Unsinn.
Wittgenstein kann Heidegger nicht leiden. Technik trifft auf Lyrik und ist verwirrt. Schließlich darf Sprache nicht mit Musik verwechselt werden. Heidegger ist Vollblutmusiker, da er Schönbergs Zwölftonmusik sprachlich zelebriert und als Seinskehre ingeniös orchestriert. Die Seinslehre bringt er durch die Seinskehre zum Klingen. Das Sein des Seienden ist weder Ding noch ein Gestell und schon gar nicht erst das Dasein in seinem Geworfensein. Wer damals in der Liga der Intellektuellen mitspielte, spielte Heidegger.
Als sprachnüchterner Patron ist Wittgenstein entsetzt ob solcher Wortungetüme und Kunstwelten als Sehnsuchtsort für Intellektuelle und Stylisten. Technik will die Kunst des Möglichen sein, nicht des Irrealen. Für abstrakte Kunst hat Wittgenstein nichts übrig. Und wie steht´s mit dem Glauben?
Glaube ist kein Wissen im naturwissenschaftlichen Sinn. In der Wissenschaft wird die Glaubenslehre in der Kulturwissenschaft angesiedelt. Wittgensteins Wissensbegriff ist zu eng gefasst, um diesen Disziplinen eine Rechtfertigung in der strengen Wissenschaft einzuräumen. Dass es unterschiedliche Denkschulen und Denkansätze gibt, ist den institutionellen Wissensbetrieben namens Universität und Akademie vertraut.
Das Gewaltmonopol liegt beim Staat. Wer das Wahrheitsmonopol beansprucht, gerät unter Ideologieverdacht. Der späte Wittgenstein erhebt sich abgeklärt über den freudlosen Ernst seiner frühen protokollarischen Sätze, die die Welt bedeuten. Er ist gelassener geworden, weil er den Witz als echten Freund entdeckte.
Im Gegensatz zu Wittgenstein wird der Konstruktivist Watzlawick nicht mit tierischem Ernst und logischer Strenge den Zusammenhang von Wissen und Welt zu klären versuchen. Die Welt lag bereits nach zwei Weltkriegen in Trümmern. Watzlawick erklärt den Witz zur Methode, zur befreienden Pflichtübung, zur Maxime.
Politische und ideologische Totalitarismen sind gefährlich. Am Beginn des 20. Jahrhunderts begegnen wir ihnen in der Philosophie, der Psychologie wie in der Politik, auch die Kirche wird ihren absoluten Wahrheitsanspruch verteidigen. Und heute?
Der gesellschaftliche Relevanzverlust der Kirche lässt deren Lehrgebäude zwar imposant, doch eher museal aussehen. Das autonome Subjekt der Gesellschaft will weder einen Hallenbau als gesamtgesellschaftlichen Überbau noch eine Baubehörde für die eigene Wohnung und schon gar keine Aufsichtsbehörde für das Leben. Was belehrende Deutungshoheit war, ist durch Zuhören und Lernen zu beratender Deutungsfreiheit mutiert.
Dechant Herbert Burgstaller