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Dekanat Villach-Stadt

Bleibt der Platz für immer leer?

Seelengedanken für Ostern von Dechant Herbert Burgstaller

Der Tod löscht Leben unwiderruflich aus. Was bleibt, ist die Erinnerung. Wer einen geliebten Menschen verliert, empfindet tiefe Trauer. Leere begleitet den Alltag. Arbeit und Zerstreuung sind Versuche, gegen den Mangel anzukämpfen. Das Beackern der Seelenlandschaft wird mit Eifer betrieben, doch die Saat will nicht aufgehen. Der Kummer ist ein schlechter Dünger.

Die dankbare Erinnerung entdeckt wohltuende Rituale. Das Entzünden einer Kerze steht für wertschätzendes Gedenken. Der Tisch bleibt weiterhin für den Verstorbenen gedeckt. Zum Geburtstag wird seiner besonders gedacht. Das Stück Torte darf nicht fehlen. Für ihn wird es verzehrt. Es wird in dankbarer Erinnerung gegessen. Vielleicht wird auch nur auf ihn angestoßen? Der Symbolwert ist groß. Der Tote wird gleichsam ins Leben zurückgeholt, er ist Teil der Tischgemeinschaft. Das Ritual tut der Seele gut. Die Erinnerungskultur ist Beziehungspflege und holt den Toten ins Leben zurück.

Was auf der Seele liegt, ist wesentlicher Teil des Tischgesprächs. Der Tod raubt den Leib, nicht die Seele. Diese ist gern zu Gast bei Tisch und liebt das Gespräch. Wer keine Seele hat, ist blind und taub für sie. Wer eine Seele hat, versteht ihre Sprache. Die Seele ist unsterblich. Wo Beziehung ist, bleibt das Gespräch über den Tod hinaus bestehen. Der Tod macht Unsichtbares sichtbar. Die Sichtbarwerdung geschieht in Seelenlauten. Wer miteinander vertraut war, kennt Klangfarbe und Ton.

Ohne Beziehungspflege stürbe die Seele. Beziehung ist der Seele Brot. Sie braucht Begegnung und Gespräch. Begegnung und Gespräch sind die feste Nahrung der Seele. Das Gespräch erfordert Zeit. Die Stille verleiht diesem Gespräch Inhalt. Die Stille bringt lautlose Laute zum Klingen. Diese Form der Beziehungspflege ist fester Bestandteil des gottesdienstlichen Feierns.

Nach unserem Glaubensverständnis begegnen wir Christus in den Zeichen von Brot und Wein. Die Tischgemeinschaft wird in seinem Namen gepflegt. Nach dem Johannesevangelium ist diese Form der Beziehungspflege unerlässlich. Wer in Beziehung mit Christus bleiben will, pflegt Tischgemeinschaft mit ihm. Dieser Austausch tut einfach gut. Er tut der Seele gut.

Die Beziehung zu Christus wird nach dessen Beisetzung rituell fortgeführt. Nicht Jesu Grab ist der Ort der Erinnerungskultur, sondern der Tisch und vor allem die Tischgemeinschaft. Die Pointe der österlichen Erzählungen besteht darin, dass nicht der Grabeskult zum Inhalt der Beziehungspflege wird, sondern das Brotbrechen. Im Brotbrechen ist Christus gegenwärtig.

Ein wahrer Seelenfreund bricht mit dir das Brot. Wo du bist, will auch er sein. Er sucht deine Nähe, er will dein Begleiter sein. Das Grab ist statisch und ortsgebunden. Das Brotbrechen ist dynamisch und ortsungebunden. Es geschieht allerorten in Jesu Namen. Wer aus der Eucharistie lebt, sucht den Lebenden nicht bei den Toten, verehrt Jesus nicht an dessen Grab.

Die Eucharistie lebt aus der Kraft des österlichen Glaubens. Jedes Brotbrechen ist eine Erweckungsfeier, weil der ins Grab Gelegte jegliche Mauern durchbricht. Seine Nähe ist trotz Grablegung einprägsam erfahrbar. Im Grab liegt ein Toter, zu Tisch sitzt ein Lebender. Die Seele nimmt im österlichen Christus Gestalt an. Der österliche Christus ist die Personifikation des historischen Jesus. Leib wird zu Laib. Der Leib Christi ist das eucharistische Brot.

Christus sieht, wer eine Seele hat. Mahlgemeinschaft mit ihm bedeutet, Unsterblichkeit verkosten. Das vorösterliche Abendmahl ist eine Zeitverschiebung und Rückdatierung. Im Grunde ist es eine zutiefst österliche Feier, eine Feier nach der Grablegung. Weil wir mit Christus speisen, braucht es ein leeres Grab. Wer die Seele nicht kennt, erliegt dem Bann des Todes. Mit ihm ist alles aus. Für Seelenkenner jedoch nicht.

Dechant Herbert Burgstaller