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Dekanat Villach-Stadt

Wie Gott den Menschen bewegt

Ein Kommentar von Dechant Herbert Burgstaller

Der Anfang aller Weisheit sei die Gottesfurcht, ist in der biblischen Weisheitsliteratur zu lesen. Bevor Moses sich dem brennenden Dornbusch nähert, zieht er seine Schuhe aus, denn er betritt heiligen Boden. Gottes Offenbarung im Dornbusch, der brannte und doch nicht verbrannte, bleibt Geheimnis. Gottes Name ist Geheimnis. Er stellt sich Mose vor als: ich werde sein, der ich sein werde. Gott offenbart sich als Rätsel. Er bleibt unverfügbar.

Die Bibel bedient sich des Schlafes, um Gottes Unverfügbarkeit und sein unvermitteltes Eindringen in die menschliche Wahrnehmung als dessen Wesenseigenschaft auszuweisen. Bevor Gott mit Abraham einen Bund schließt, fällt Abraham in einen tiefen Schlaf. Abrahms Enkel Jakob ergeht es ähnlich. Im Traum erblickt er eine Leiter. Sie reicht bis zum Himmel. Dort gibt sich Gott Jakob als Gott Abrahams und Isaaks zu erkennen und spricht ihm Segen zu. Nachdem Jakob aus dem Schlaf erwacht, errichtet er an diesem Ehrfurcht gebietenden Ort ein Steinmal. Er nennt den Ort Bet-El, Haus Gottes. Der Schlaf wird zum Offenbarungsort Gottes.

Im Schlaf verfügen wir nicht über uns selber. Die Traumwelt hat ihre eigenen Gesetze, denen wir hilflos und ohnmächtig unterworfen sind. Wir sind zum Spielball heilsamer und unheilvoller Mächte geworden. Sie brechen über uns herein, ob wir wollen oder nicht. Wir sind ihnen heillos oder heilsam ausgeliefert. Der Mensch ist nicht mehr Herr seiner Sinne, ist nicht mehr Herr in seinem Haus, er ist im Bann von dunklen, unkontrollierbaren Mächten. Unverfügbares verfügt. Gott ist und bleibt Geheimnis. Der Ort der Offenbarung ist die Schattenwelt. Unvermittelt gibt sich Gott im Dunkel zu erkennen.

Tiefenpsychologen wie Sigmund Freud und Carl Gustav Jung werden in der vom reinen Denken geprägten Wissenschaft das Dunkel der Seele durchleuchten. Ihr Fazit: der Mensch ist mehr als der Kopf. Der Mensch hat eine Seele. Wer die Seele nicht kennt, weiß vom Menschen nichts. Freud und Jung befreien den Menschen von der Kopflastigkeit und lassen den Kopf in der Seele baumeln. Freud entwirft eine Triebtheorie, Jung entdeckt in der Seele das kollektive Unbewusste, also einen ganzen Zoo von zu zähmenden Wesen.

Das Ich ist Gefangener der Seele, nicht umgekehrt. Um sich aus der Gefangenschaft zu befreien, ist Paartherapie angesagt, die in heilsame Paarbeziehung mündet. Nunmehr kennen und lieben einander Seele und Ich. Wer seine Seele nicht kennt, wird bei sich nie zu Hause sein, bleibt sich immer fremd. Er ist ein Getriebener und weiß es nicht. Er lebt in der Fremde und geht fremd. Erkenne dich selbst, ist in Delphi zu lesen, sonst wird dein Leben zum Irrtum, als Irrläufer. Das Wie der Selbsterkenntnis fordert Herz und Hirn.

Die Wanderschaft biblischer Protagonisten steht für dieses Ringen um Selbstfindung und damit Gotteserfahrung. Abraham, Jakob und Moses sind wegweisende biblische Gestalten, die im Suchen ihren Weg fanden. Ihre Wege waren Suchbewegungen und Klärungsprozesse. Die Innenschau diente als Wegweiser und war alles andere als eine klare Sicht der Dinge. Was biblisch als Dialog mit Gott dargestellt wird, ist das Ergebnis eines mühsamen und wendungsreichen Reifungsprozesses. Der Einbruch Gottes in das Leben Abrahams, Jakobs und Mose veranlasst diese zum Aufbruch ins Unbekannte. Der Aufbruch wird zu einer lebenslangen Wanderung.

Dass Gott die bestimmende und treibende Kraft war, wird durch Traumgesichte und rätselhafte Erscheinungen gedeutet. Die innere Unruhe bedurfte einer Klärung. Die biblischen Protagonisten blieben mit sich im ständigen Austausch, um ihre Seele zu kartographieren und erstaunt Kometeneinschläge wahrzunehmen. Das biblische Narrativ ist das Produkt dieser Erkundungsreise. Es will zum Aufbruch ermuntern. Das Ziel ist allerdings nur umrisshaft erkennbar, bleibt vorerst Schatten. Ein Mensch wird nach und nach ein Selbst und ertastet das Leben.

All das ist nichts für Technokraten und reine Vernunftmenschen. Ein Kant dreht sich im Grabe um. Aus seinem Grab ist zu vernehmen: ich bin Vernunft und ich bleibe Vernunft. Allein sie ist klar und geordnet, kalt, aber rein. Der Vernunft willen erlitt ich den Kältetod. Der Lohn war die Vollkommenheit und Kältestarre die Erfüllung. Es lebe die Vernunft! Es sterbe der Mensch! Amen, ja, amen.

Dechant Herbert Burgstaller