Wider die Macht der Stärkeren
Ein Kommentar von Dechant Herbert Burgstaller zur Papstenzyklika Magnifica Humanitas
Dass die Mächtigen ihre Macht missbrauchen, ist nicht nur ein biblisches Narrativ. Der Machthunger und der Hang zur Kontrolle gleiten ineinander. Freiheit ist das Unwort für Agenten der Gleichschaltungszentralen, Steuerungs- und Kontrollverlust sind tunlichst zu vermeiden.
Algorithmen be- und errechnen Verhaltensgrundmuster, Milieueigenheiten, Profile und Neigungen, um Meinungsbildung und Konsumverhalten nachhaltig zu beeinflussen. Die Algorithmen haben die herkömmlichen Gebete und Litaneien abgelöst. Die Auguren der Vergangenheit sind die Algorithmen der Gegenwart. Der Unterschied liegt in der Treffsicherheit und erhöhten Wahrscheinlichkeit.
Steuerungsstrategische Ziele werden durch subtile und umfassende Einflussnahme in allen Lebensbereichen verfolgt. Mit dem Smartphone ist der gläserne Mensch keine Utopie mehr. Nicht das Auge ist das Tor zur Seele, es ist das Smartphone. Therapeuten durchwandern die Seelenlandschaft auf teurer Honorarbasis, das Smartphone liefert auf Billigtarifbasis ein All-inklusive-Programm. Der digitale Therapeut ist ein Trojaner.
Der berechenbare, eindimensionale Mensch ist das stolze Produkt der künstlichen Intelligenz. Wem Freiheit und Privatsphäre nichts bedeuten, der wird in der KI kein dystopisches Potential erkennen.
Papst Leo XIV. äußert sich in seinem jüngsten Rundschreiben „Magnifica humanitas“ (Die großartige Menschheit) zu KI und Machtmissbrauch. 135 Jahre vor ihm hat Papst Leo XIII. in dem Schreiben „Rerum novarum“ zur Arbeiterfrage im Zeitalter zunehmender Industrialisierung Stellung genommen. Die Arbeiter sind nicht Eigentum weniger Eigentümer, Arbeiter sind Menschen und keine börsennotierte Masse. Als Menschen kommen ihnen Rechte zu.
Nachdem die Wirtschaftskreisläufe im 21. Jahrhundert komplexer geworden sind, digitale Räume entdeckt und bevölkert wurden und außerdem hybride Kriegsführung den Globus übersät, meldet sich Papst Leo zu Wort. Politische Machthaber und Wirtschaftsmagnaten scheinen keine Regeln mehr zu kennen. Recht hat, wer Macht hat. Daher lautet die Maxime der unangefochtenen Machthaber, Machterhalt und Machterweiterung.
Die Moral ist der Maxime untergeordnet. Der Zweck heiligt die Mittel. Die unantastbare Würde des Menschen und die daraus abgeleiteten Menschenrechte sind Träumereien realitätsferner Ästheten und keine unverhandelbaren Rechtsgrundsätze. Machtversessene Politiker und Wirtschaftsmagnaten transponieren vormals unverhandelbare Rechtsgrundsätze nach der Tonart der Machterweiterung.
Für Menschenrechtler sind diese Klänge nicht nur eine Ansammlung von Misstönen, nein, sie nehmen eine kakophone Komposition wahr, die als Gegenwartsmusik gefeiert wird. Der Krieg gehört zum ordentlichen Ton, er ist Normalzustand. Die Logik dieser Macht opfert die Würde des Menschen an den Altären des Kapitals und der Gewalt. Mammon und Moloch sind blutrünstig und verschlingen ihre Opfer, Kollateralschäden erweitern als unreine Opfergabe den blutgetränkten Gabentisch. Der Blutrausch unterscheidet nicht.
Dass Geld den Charakter verdirbt, ist das neidbelastete Wissen der Besitzlosen. Gewissen ist das Privileg der Besitzlosen, gewissenlose Ausbeutung die Lizenz der Mächtigen. Was früher ein Kaisertum von Gottes Gnaden war und den souveränen Absolutismus und Feudalismus beförderte, ist heute durch Oligarchen abgelöst worden. Der Geldadel ist mächtig, omnipräsent und kolonisierungsaffin. Des Hochadels Kathedrale ist die Börse. Der Kirchenbesuch ist heilige Pflicht. Mehr noch. Die Aktienindexbeobachtung ist die tägliche Anbetung.
Dass Geld nicht stinkt, wussten bereits die Römer. Wenn Macht ein anderes Wort für Scham- und Gewissenlosigkeit ist, wer kontrolliert dann die Machthaber? Fakes, Desinformation und Manipulation sind höchst effiziente und im digitalen Zeitalter auch breitenwirksame Steuerungsmittel für Machthaber. Wer KI zur Geschäftspartnerin hat, wird nicht zu den Verlierern zählen.
Wahrheitsliebe ist das Geschäft lästiger Individualisten, die durch zeitaufwendige Recherchen platte Wahrheiten als schieren Schein entlarven. Nicht alles, was glänzt, ist Gold. In den Augen der Börsenspekulanten sind sie echte Spaßverderber, die nicht verstehen wollen, worum es wirklich geht. Und worum geht es?
Menschen sind Gottes Bild und Gleichnis. Sie haben eine unveräußerliche Würde. Der Mensch ist, mit Kant gesprochen, ein Zweck an sich. Er hat also einen absoluten Wert. Menschenrechte sind ausnahmslos zu achten! Auch für Kriegstreiber und Machthaber gelten die Menschenrechte und das Völkerrecht. Wer auf die Macht des Stärkeren setzt, wird durch die Macht des Stärkeren zu Fall kommen. Die Konkurrenz schläft nicht. Gott hat dieses Kalkül seit jeher durchbrochen. Er steht auf der Seite der Armen.
Dechant Herbert Burgstaller