Pfarre

Katholische Hochschulgemeinde

Zukunftsfähigkeit

© Lisa Wolf
© Lisa Wolf

50 Jahre sind ein langer Zeitraum, wenn man in die Zukunft blickt, ein kurzer, blickt man in die Vergangenheit, in das Jahr 1962. Es war der Beginn der großen katholischen Kirchenversammlung des 2. Vatikanischen Konzils, das nach dem Willen des damaligen Papstes Johannes XXIII. für die Kirche ein „aggiornamento“, ein „Auf den heutigen Tag-Bringen“ sollte. Was der Papst darunter verstand, hat er in seiner Eröffnungsansprache am 10. Oktober 1962 deutlich gemacht:

„Es ist nicht unsere Sache, gleichsam in erster Linie einige Hauptpunkte der kirchlichen Lehre zu behandeln und die Lehre der Väter wie der alten und neuen Theologen weitläufig zu wiederholen, denn Wir glauben, dass Ihr diese Lehren kennt und sie Eurem Geist wohlvertraut sind. Denn für solche Disputationen muss man kein Ökumenisches Konzil einberufen. Heute ist es wahrhaftig nötig, dass die gesamte christliche Lehre ohne Abstriche in der heutigen Zeit vor allem durch ein neues Bemühen angenommen werde. Heiter und ruhigen Gewissens müssen die überlieferten Aussagen, die aus den Akten des Tridentinums und des 1.Vatikanums hervorgehen, daraufhin genau geprüft und interpretiert werden. Es muss, was alle ernsthaften Bekenner des christlichen, katholischen und apostolischen Glaubens leidenschaftlich erwarten, diese Lehre in ihrer ganzen Fülle und Tiefe erkannt werden, um die Herzen vollkommener zu entflammen und zu durchdringen. Ja, diese sichere und beständige Lehre, der gläubig zu gehorchen ist, muss so erforscht und ausgelegt werden, wie unsere Zeit es verlangt. Denn etwas anderes ist das „depositum fidei“ oder die Wahrheiten, die in der zu verehrenden Lehre enthalten sind, und etwas anderes ist die Art und Weise, wie sie verkündet werden, freilich im gleichen Sinn und derselben Bedeutung….
Die Kirche hat den Irrtümern zu allen Zeiten widerstanden, oft hat sie diese auch verurteilt, manchmal mit großer Strenge. Heute dagegen möchte die Braut Christi lieber das Heilmittel der Barmherzigkeit anwenden als die Waffe der Strenge erheben. Sie glaubt, es sei den heutigen Notwendigkeiten angemessener, die Kraft ihrer Lehre ausgiebig zu erklären, als zu verurteilen….
Die sichtbare Einheit in der Wahrheit hat aber leider die gesamte christliche Familie noch nicht in Vollendung und Vollkommenheit erreicht. Daher sieht es die katholische Kirche als ihre Pflicht an, alles Erdenkliche zu tun, damit das große Mysterium jener Einheit erfüllt werde, die Christus Jesus am Vorabend seines Opfertodes von seinem himmlischen Vater mit glühenden Gebeten erfleht hat.“

Hinter dieser etwas blumigen Sprache verbergen sich Aussagen von einer ungeheuren Sprengkraft für das Verständnis und die Aufgaben der Kirche.

Welche Kirche wird es in 50 Jahren geben? Die angeführten Befürchtungen prägen das Denken und Verhalten der gegenwärtigen Kirchenleitung, die angeführten Hoffnungen prägen immer stärker das Leben der Gemeinden. Wenn ein altes Sprichwort seine Richtigkeit hat, dass Gott auch auf krummen Zeilen gerade schreiben kann, dann darf man „wider alle Hoffnung“ hoffen, dass die Kirche in 50 Jahren zwar eine Minderheit in der Gesellschaft Europas sein wird, aber nicht als eine selbst genügsame, einen Absolutheitsanspruch vertretende autoritär geleitete Sekte, sondern als eine geschwisterliche Gemeinde, die durch ihr Leben Zeugnis für die frohe und befreiende Botschaft Jesu Christi ablegt und so zum Sauerteig für die gesamte Gesellschaft wird.

(Auszug aus einem Text von Franz Nikolasch)