Pfarre

Villach-St. Nikolai

Mittendrin statt daneben

Historische Blitzlichter aus St. Nikolai – Teil 2

Im Rahmen der Jubiläen 2026 setzen wir unsere Reihe „Historische Blitzlichter“ fort. Dieses Mal führt der Blick in die Jahre 1926 und 1927, in eine Phase des gesellschaftlichen Umbruchs und pastoralen Aufbruchs. Die historischen Texte erzählen von Mut, Widerständen und Entscheidungen zu neuen Wegen der Seelsorge. Sie stellen Fragen, die bis heute aktuell geblieben sind.

Ein Saal gegen die Unsicherheit der Zeit

Villach ist wenige Jahre nach dem Ersten Weltkrieg 1926/27 eine Stadt im Wandel. Politische Spannungen, wirtschaftliche Unsicherheiten und neue Lebensentwürfe prägen den Alltag vieler Menschen. Auch die Kirche spürt, dass vertraute Wege nicht mehr ausreichen. Die Stadt wächst, Interessen prallen aufeinander, Behörden entscheiden mit wechselnder Haltung. In dieser Situation entsteht bei St. Nikolai ein Plan, der ebenso schlicht wie herausfordernd ist: ein Saal für die Menschen. Nicht als Schmuckstück, sondern als Arbeitsraum für Seelsorge, Bildung, Vereine und Begegnung.

Was heute selbstverständlich erscheint, ist damals ein Schritt mit Risiken. Der Saal soll kein bloßer Zweckbau sein, sondern ein offener Ort der Begegnung. Der Weg dorthin ist mühsam. Bewilligungen werden erteilt und wieder entzogen, Kommissionen prüfen und verzögern, zeitweise wird der Saal sogar gesperrt, obwohl er dringend gebraucht wird. Widerstände, Neid und politische Spannungen begleiten das Projekt. Dennoch hält man daran fest, weil man überzeugt ist, dass Kirche nicht abseits der Menschen und ihrer Lebenswirklichkeit stehen darf.

Parallel dazu laufen Verhandlungen, die aus heutiger Sicht fast unglaublich wirken. Die Stadt plant seit 1908 eine Straße, die quer durch den Klostergarten führen soll. Eine Enteignung steht immer wieder im Raum und schafft über Jahre hinweg Unsicherheit. Vor diesem Hintergrund wird der Bau des Saales bewusst in Kauf genommen, um Zeit zu gewinnen und seelsorgliche Nähe zur Kirche zu sichern. In dem Wissen, dass diese Lösung möglicherweise nicht von Dauer ist, entsteht der Saal als Provisorium – aber als notwendiges. Seelsorge braucht Nähe zur Kirche, heißt es, sonst verliert sie ihre Wirkung.

Auch die Finanzierung folgt ungewöhnlichen Wegen. Für den Bau des Saales werden 11.000 Schilling benötigt. Die vermieteten Geschäftslokale rund um Kloster- und Pfarrhaus bieten dafür keinen finanziellen Polster, da als Miete täglich Milch und monatlich Butter für das Kloster vereinbart sind. Der Chronist hält jedoch fest, dass selbst bei sorgfältiger Rechnung Seelsorge kein Geschäft ist. Sie lässt sich nicht wirtschaftlich begründen, sondern kann nur durch Opfer, Spenden, kirchliche Mittel und persönlichen Einsatz getragen werden.

Vor diesem Hintergrund wird der Bau des Saales in den 1920er-Jahren umgesetzt. Der Chronist hält ausdrücklich fest, dass es in Villach damals keinen anderen Saal dieser Größe und Nutzungsmöglichkeit gibt. Entsprechend wird der Raum von Menschen aus allen Schichten genutzt. Und: Er ist bewusst offen gedacht und für alle zugänglich. Zugleich verdeutlicht der Chronist, dass Seelsorge nicht allein von der Kanzel aus wirkt, sondern im persönlichen Kontakt. Man lernt einander kennen, spricht miteinander, gewinnt Vertrauen. Kirche wird nicht als fern erlebt, sondern als ansprechbar.

Nähe wirkt – Zahlen und Erfahrungen

Eine zentrale Rolle spielen die engagierten Frauen, Männer und Jugendlichen der Pfarre. Laienorganisationen tragen das seelsorgliche Leben entscheidend mit. Sie kennen die Sorgen der Menschen, wissen, wo jemand krank ist, wo Not herrscht oder Einsamkeit. Sie übernehmen Verantwortung und werden zu Bindegliedern zwischen Kloster, Pfarre und Bevölkerung. Seelsorge geschieht hier nicht allein durch Priester, sondern durch viele, die mittragen und mitwirken. Gleichzeitig sollen Feindseligkeiten durch das gegenseitige Kennenlernen abgebaut werden.

Die Zahlen am Ende sprechen eine deutliche Sprache. Der Chronist hält fest – wie damals nicht unüblich –, was sich verändert. Die Zahl der jährlichen Kommunionen steigt auf 75.000. Von 230 Todesfällen bleiben nur 21 ohne Sterbesakramente. Apostasie und Kirchenaustritte gehen zurück. Die karitative Arbeit wächst. Jährlich werden rund 3.000 Schilling allein für wohltätige Zwecke aufgebracht. Arbeitslosen wird geholfen, Kranken beigestanden, Wöchnerinnen unterstützt. All das geschieht nicht laut, sondern beharrlich. Zugleich betont er, dass dieses Engagement im Gebet getragen sein muss, damit Seelsorge nicht zur bloßen Aktion wird. Ohne Gottes Hilfe, so seine Überzeugung, wäre all dies nicht zu bewältigen.

Zeitlos aktuell

Hundert Jahre später wirken viele dieser Gedanken erstaunlich aktuell. Die gesellschaftliche Stellung der Kirche hat sich verändert, religiöse Bindungen sind weniger selbstverständlich geworden und Lebenswelten vielfältiger. Gleich geblieben sind die Sehnsucht nach Sinn, das Bedürfnis nach Gemeinschaft und die Erfahrung, dass Glauben Beziehung braucht. Die Frage von damals bleibt: Bleibt Kirche daneben stehen – oder ist sie mittendrin.

Die Chronik antwortet darauf nicht theoretisch, sondern aus der Praxis. Sie zeigt, dass Seelsorge dort trägt, wo Menschen Verantwortung übernehmen und sich mit ihren Fähigkeiten und ihrer Zeit einbringen. Getragen vom Gebet wächst etwas, das sich nicht immer messen lässt – aber Wirkung zeigt.

Teil 1: https://www.kath-kirche-kaernten.at/pfarren/detail/C3258/maria-zwischen-gefahr-und-heimkehr