Wer zuletzt lacht
Ironie für Fortgeschrittene – ein Kommentar von Dechant Herbert Burgstaller für den Weg zum Osterfest
Die Kunst der Ironie besteht im Gebrauch maßgerechter Zerrformen. Wirklichkeit wird verzerrt gespiegelt. Das Grundmuster muss bekannt sein, um sich an der Zerrform zu erheitern. Bedeutungsebenen werden gekonnt verschoben. Ironie ist kunstfertige Bedeutungsverschiebung. Die Doppeldeutigkeit ist der Humus der Ironie.
Verunsicherung macht sich breit. Einer gesicherten Wahrheit wird der Boden entzogen. Vielleicht wird er auch nur aufgelockert? Die Farbpalette von Schadenfreude und Frohsinn ist breit gefächert, beißender Spott und erheiternde Komik treten leuchtend und farbenprächtig hervor. Zwischen Ironie und Humor variieren und changieren die Farben verzerrter Wirklichkeitsdarstellung. Ein Witz wirkt befreiend, Humor bewahrt vor tierischem Ernst. Er schützt vor toxischer Verbitterung.
Auch die Bibel ist voll von Ironie. Was in der Theaterkunst dem Deus ex machina vorbehalten ist, dafür treten in der Bibel Engel oder gar Gott höchstselbst in Erscheinung. Wer ausgebeutet und unterdrückt wird, wer gedemütigt und verfolgt wird, wer bedrängt ist und tiefe Not erfährt, braucht Hilfe, Anerkennung und Achtung. Aufrecht verlassen die Entwürdigten die Bühne der Welt. Je tiefer die Unterdrückung und Demütigung, desto stärker werden die Bilder des Sieges über erlittenes Unrecht kontrastiert.
Träume und Alpträume sind unserer Kontrolle entzogen. Die absolute Kontrolle ist die Obsession der Übermächtigen. Tiefenpsychologen kennen dieses Phänomen. Die Wirklichkeit ist komplex. Oppositionelle, Dissidenten und Aktivisten sind schwer zu kontrollieren. Widerständler sind Widerlinge. Der starke Arm Jahwes schlägt die unbesiegbare pharaonische Streitmacht. Der arglose und zarte Hirtenjüngling David erschlägt den unbezwingbaren und kampferprobten Superhelden der Philister, nämlich Goliath. Ein Zwerg bezwingt den Riesen.
Ebenso können die übermächtigen Römer gegen ein gallisches Dorf keine Erfolge verbuchen, Asterix und Obelix setzen sich mit Zaubertrank trickreich zur Wehr. Comics und Bibel ähneln einander in Narrativen und Stilmitteln. Die pointenreiche Übertreibung lindert den Schmerz der geschmähten Seele.
Der Evangelist Matthäus bedient sich dieser Stilmittel, um die Erweckungserzählung auszuschmücken. Markus, Lukas und Johannes greifen auf ganz andere Erzählformen zurück. Die Grablegung wird zur Machtdemonstration der Übermächtigen. Jesu Grab wird versiegelt und bewacht. Das Grabbrechende und die Machtverhältnisse Erschütternde ist die Inszenierung des göttlichen Engels. Die unsichtbare Macht, der Deus ex machina, lässt die Erde erbeben, die Wache bangt um ihr Leben, steinerne Last weicht himmlischer Kraft, Gestorbenes stiebt in Unsterblichkeit.
Die Apostelgeschichte empfindet helle Freude über diese Stilmittel und textet munter weiter, um die Botschaft des Erweckten der Nachwelt zu sichern. Die im tiefsten Kerker inhaftierten und in Ketten gelegten Apostel werden durch Engel befreit. Gott bewahrt die Seinen im Gedächtnis. Der Ort für Freiheit, Gerechtigkeit und Recht, Wahrheit und Frieden ist nicht das Jenseits. Nawalny, Romero, Bonhoeffer und viele andere setzen auf das Heute, setzen auf das Hier und Jetzt.
Das leere Grab ist kein Witz, es ist die Zukunft dieser Welt, zumindest für die, die an das Morgen glauben. Sie leben und sterben im Heute und glauben an das Morgen.
Dechant Herbert Burgstaller