Gott oder Mammon
Ein Kommentar von Dechant Herbert Burgstaller
Die Heiligkeit des Eigentums und die Macht des Kapitals
Wem gehört die Welt? Sie gehört den Superreichen. Nach Auffassung der Superreichen hat der Staat nur einen Zweck zu erfüllen, er soll das Privateigentum schützen. Die Welt wird zum Privateigentum erklärt, privatisiert. Die Besitzverhältnisse regeln die Superreichen. Dem Staat soll die Möglichkeit genommen werden, auf das Vermögen der Superreichen zuzugreifen. Superreiche nehmen Einfluss auf Politik und Wirtschaft, um ihre Interessen durchzusetzen.
Eigentum ist heilig und daher unantastbar. Die Strahlkraft der Heiligkeit drückt sich in Zahlenwerten aus. Wer in der Oberliga mitspielt, entscheidet das Kapital. Jeder ist käuflich. Wer das nicht begreift, ist zu dumm für diese Welt. Die Lobbyisten sind Diplomaten des Kapitals. Dunkle Agenten gehören in die Zeit des Kalten Krieges.
Steuerflucht, Gesellschaftsbetrug und globale Ungleichheit
Steuerbehörden sind der Feind des Kapitals. Steuerbehörden brauchen Grenzen, um Vermögende dingfest zu machen. Die Finanzbehörde zwingt die Superreichen zur Flucht. Sie müssen Grenzen überwinden, um ihr Kapital vor dem Zugriff des Staates zu retten. So hoch der Grenzzaun auch sein mag, das Geld findet seinen Weg. Die Zahl der Steuerflüchtlinge ist klein im Vergleich zur übergroßen Zahl der Wirtschaftsflüchtlinge.
Steuerflucht ist Sünde am Gemeinwesen, sie ist eine schwere Verletzung des gesellschaftlichen Gefüges, ein Gesellschaftsbetrug. Die einen suchen erfolgreich und ohne ihr Gewissen zu belasten, Steuerparadiese, die Wirtschaftsflüchtlinge hingegen suchen meist erfolglos einen Ort, wo sie menschwürdig leben können.
Menschenwürde zwischen Kapitalmarkt und biblischem Gegenentwurf
Die Besitzenden verachten die Besitzlosen. Die Würde des Menschen ist die Summe seines Kapitals. Das Kapital ist der Gradmesser der Würde. Besitzlose sind ohne Würde, namenlose Elendsviertel sind ihr Zuhause. Der Wert der Würde eines Menschen wächst mit dem Nutzen für den Kapitalmarkt. Nur eine Arbeitskraft hat einen Wert. In der Würdeskala spielen sie in der Unterliga. Die Hierarchie des Geldadels definiert sich über das Vermögen. Der Mensch an sich mit seiner unantastbaren Würde ist reine Illusion, er gehört der Märchenwelt an.
Hier kommt Gott ins Spiel. Nach der Bibel ist der Mensch nach Gottes Bild geschaffen. Das gilt ausnahmslos für jeden Menschen, sei er nun arm oder reich. Weil die Bibel nicht blind ist gegen Machtstrukturen und Besitzverhältnisse, setzt sie auf das Herz des Menschen. Ein auf Gott hörendes Herz bewahrt vor Machtmissbrauch und Besitzversessenheit. Besitz und Macht können Menschen entmenschlichen und zur Bestie verkommen lassen.
Was vermenschlicht den Menschen? Die Bibel setzt auf das Herz des Menschen, das für andere Menschen schlägt. Barmherzigkeit und Fürsorge werden deswegen biblisch favorisiert, weil das Gegenteil bereits damals die Alltagswirklichkeit bestimmt hat. Die Normativität des Faktischen ist die gnadenlose Welt, aus der es kein Entrinnen gibt.
Die Bibel kennt ein anderes Narrativ. Gott führt aus dem Sklavenhaus Ägypten ins verheißene Land. Die Entrechteten und Geknechteten werden in die Freiheit geführt, sie genießen Souveränität und verfügen über territoriale Integrität. Diese Erzählungen sind überlebenswichtig.
Gott vergisst sein Bild und Gleichnis nicht. Für ihn ist kein Mensch ohne Namen. Amtseidleistende Präsidenten sollten das wissen und biblische Narrative nicht als Alptraum empfinden.
Dechant Herbert Burgstaller