Mit offenen Augen durch Albanien
Eindrücke der Projektreise mit Franz Hilf
Foto: @ P. Emmanuel-Maria Fitz OFM
Mit offenen Augen durch Albanien - Projektreise mit Franz Hilf
Albanien bereitet sich auf den EU-Beitritt im Jahr 2030 vor. Die Meinung über den Beitritt ist in der Gesellschaft jedoch gespalten. Während sich die Bevölkerung im Süden des Landes größtenteils dafür ausspricht, sieht es im Norden anders aus. Zu vieles sei noch ungelöst – etwa Korruption, Menschenhandel oder die Problematik des größten Umschlagplatzes für Drogen auf europäischem Boden. Zudem sei schon jetzt erkennbar, dass gesellschaftliche Veränderungen nicht immer positive Auswirkungen auf den Alltag der Menschen haben, hört die Gruppe aus Österreich und Deutschland immer wieder.
Ende April bis Anfang Mai 2026 war sie in Albanien unterwegs, um Projekte zu besuchen, die von „Brüder und Schwestern von Franz Hilf“ unterstützt werden. Dabei beschränkte sich die zweite Albanienreise, die von Villach-St. Nikolai aus organisiert wurde, auf den Norden des Landes. Historische, kulturelle und kulinarische Erfahrungen blieben dabei ebenso wenig aus wie die große Gastfreundschaft.
Auftakt im Norden des Landes
In aller Früh ging es für die Kärntner Gruppe nach Wien, wo sie auf den Rest der Reisegruppe traf. In Tirana angekommen, wurde sie von Pater Aurel abgeholt. Gleich nach der Ankunft ging es auf die Burg Preza, wenige Kilometer vom Flughafen „Mutter Teresa“ entfernt. Die mediterrane Burg wurde vermutlich zwischen dem 13. und 14. Jahrhundert erbaut. Dort machte die österreichische Gemeinschaft gleich zu Beginn ihre erste Erfahrung mit der köstlichen albanischen Küche und den stets reich gefüllten Speiseplatten.
Untergebracht im Ort Shengjin mit rund 7000 Einwohnern, konnte die Gruppe den Sonnenuntergang am Adriatischen Meer genießen. Angeblich soll Julius Cäsar hier im Krieg gegen Pompeius gelandet sein. Im 20. Jahrhundert war Shengjin noch ein verschlafenes Dorf. Mit dem Badetourismus wächst der Ort jedoch immer weiter. Allein im vergangenen Jahr wurden rund 50 neue Gebäude für den Tourismus fertiggestellt, und der Bauboom scheint kein Ende zu nehmen.
Bildung und Hoffnung für Roma-Kinder
Am Westufer des Flusses Buna begegnete die österreichische Delegation den Kapuzinern, die seit 25 Jahren Bildungsprogramme für Kinder aus den benachbarten Roma-Siedlungen betreuen. Die Roma führen ihre Herkunft auf Migrationen im Zuge der Feldzüge Hannibals zurück.
In den gemieteten Räumen wurden ein Kindergarten und ein Tageszentrum für Kinder der Roma-Minderheit gegründet. Früher betrieben die Brüder auch eine Grundschule, seit drei Jahren jedoch nicht mehr. Die Kinder werden aber weiterhin aus ihren Siedlungen mit dem Bus zur Schule gebracht. Der Transportdienst wird von den Franziskanern organisiert. Nach der Schule verbringen die Kinder ihre Zeit im Tageszentrum der Kapuziner, wo sie warme Mahlzeiten und Nachhilfeunterricht erhalten. Ohne die Hilfe der Kapuziner würden viele den Schulbesuch abbrechen und auf die Straße zurückkehren, um zu betteln.
Das Hauptziel der Brüder ist es, den dauerhaften Lernprozess der Roma-Kinder zu unterstützen, der zu einer gelungenen Integration in die Gesellschaft führen soll. Ein weiteres Ziel ist die Bereitstellung einer täglichen warmen Mahlzeit für alle Kinder des Projekts. Seit einigen Jahren arbeiten die Kapuziner auch mit einer Gruppe von Teenagern und Jugendlichen, die früher ihre Schüler waren, damit sie ihre Ausbildung fortsetzen und einen Beruf erlernen können. Die Präsenz der Kapuziner in Shkodra und ihre Aktivitäten haben viele Kinder und Jugendliche vor dem Einstieg in die Kriminalität bewahrt.
An dem Projekt sind etwa 60 Roma-Kinder beteiligt – 15 Kinder im Kindergarten und rund 40 in der Grundschule. Zusätzlich werden etwa 15 Jugendliche betreut und unterstützt. Auch ehemalige Schüler helfen heute ehrenamtlich mit.
Eine neue Herausforderung ist die geplante Umsiedlung der Menschen, um reichen Touristen eine attraktive Umgebung zu bieten. Der Blick auf die Landschaft ist wahrlich traumhaft. Die Problematik besteht jedoch darin, dass die Menschen gegen ihren Willen in Plattenbauten umgesiedelt werden sollen.
Foto: @ privat
Zwischen Legende und Geschichte
Nach der Heiligen Messe und dem Besuch der Kapuziner, die die Gemeinschaft in fröhlicher Einfachheit zum Essen einluden, stand am Nachmittag ein Ausflug auf die Burg Shkodra an.
Bereits im 4. Jahrhundert v. Chr. gründeten die Illyrer auf dem Hügel eine Stadt mit dem Namen Scodra, die Vorgängerin des heutigen Shkodra. Während der Römerzeit dehnte sie sich bis in die Ebene am Fuße des Hügels aus. Später nutzten Byzantiner, lokale Fürsten und Venezianer die Anlage weiter. Letztere bauten die Befestigungsanlagen stark aus. 1479 nahmen die Türken die Burg nach zehnmonatiger Belagerung ein. Bis in die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts war sie bewohnt. Bis 1913, als Montenegriner die Stadt eroberten, wurde die Burg militärisch von der osmanischen Armee genutzt.
Der Sage nach bauten drei Brüder die Burg. Doch jede Nacht stürzten die Mauern wieder ein. Ein alter Mann riet ihnen schließlich, eine Frau einzumauern – dann würden die Mauern halten. Die Brüder vereinbarten, jene Ehefrau zu opfern, die am nächsten Tag als Erste das Mittagessen bringen würde. Die beiden älteren Brüder warnten jedoch heimlich ihre Frauen. So erschien die junge Rozafa als Erste am Bauplatz. Sie nahm ihr Schicksal an, bat aber darum, eine Brust, einen Arm und ein Bein freizulassen, damit sie weiterhin ihr Kind stillen, streicheln und mit dem Bein die Wiege schaukeln könne.
Foto: @ P. Emmanuel-Maria Fitz OFM
Nach einem kurzen Abstecher an die Küste und in die Dünen stand der Besuch einer etwas skurrilen Umgebung an – eines Lokals, das mit zahlreichen Bildern der italienischen Politikerin Giorgia Meloni ausgestattet ist und auch nach ihr benannt wurde. Das Essen war auf alle Fälle ein Genuss.
Ein Ort der Fürsorge und Bildung
In der Nähe der Grenze zu Montenegro liegt Bajze. Dort wurde die Renovierung der Franziskanerkirche, die bei den Gottesdiensten stets voll ist, abgeschlossen.
Gegenüber befindet sich ein Haus der Franziskanischen Missionsschwestern vom Kinde Jesu, die seit 1992 dort präsent sind. Gemeinsam mit den Brüdern sind die Schwestern für den pastoralen und karitativen Dienst in Bajze zuständig. Die Schwestern leisten auch Dienst für die Kranken, denn eine der Schwestern ist als Krankenschwester und eine andere als Ärztin ausgebildet. Sie widmen sich außerdem der menschlichen und geistlichen Erziehung von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen.
Das besichtigte Projekt ist ein Kindergarten und eine Vorschule, die die Schwestern im Jahr 2000 eröffneten, um den Familien zu vermitteln, dass die Ausbildung der neuen Generation eines der wichtigsten Elemente für eine bessere Zukunft ist. So wollten sie die Voraussetzungen schaffen, damit die Kinder bestmöglich auf ihr späteres Leben vorbereitet werden. Bis heute besuchen jährlich zwischen 60 und 95 Kinder den Kindergarten. Die Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren erhalten dort sowie in der Vorschule eine qualitativ hochwertige Ausbildung – unabhängig von Glauben oder sozialer Herkunft.
Ein jährliches Sommercamp stärkt zusätzlich den Zusammenhalt der Menschen vor Ort. Darüber hinaus unterstützen die Schwestern in Bajze mindestens zehn Waisenkinder, indem sie Kosten für Bildung, Nahrung, Kleidung und andere Grundbedürfnisse übernehmen. Auch sieben bis acht Familien erhalten regelmäßig Hilfe, besonders alleinstehende ältere Menschen sowie Familien mit behinderten Kindern. Manche bekamen Rollstühle, andere Krücken zur Verfügung gestellt.
Ein kleines begonnenes Projekt ist die Herstellung selbstgemachter Produkte, die von Frauen geflochten werden. Ziel ist es, diese zu verkaufen und dadurch die Menschen vor Ort zu unterstützen. Ob das Projekt Früchte tragen wird, wird sich in den kommenden Wochen zeigen.
Nach all den Eindrücken ging es zum See, wo das Mittagessen bereits wartete, ebenso wie eine traumhafte Bootsfahrt entlang der Grenze zu Mazedonien. Das Wasser ist glasklar und erreicht an manchen Stellen eine Tiefe von fast 100 Metern.
Die Märtyrer Albaniens
Auch die Geschichte der Diktatur unter Enver Hoxha stand auf dem Programm der Projektreise. Diakon Oriseni führte die Delegation zu einem Friedhof, wo sich nach dem Ende des Regimes bereits tausende Menschen versammelten, um wieder die Heilige Messe feiern zu können.
Neben den zahlreichen Opfern des kommunistischen Regimes zwischen 1945 und 1974 werden dort auch die 38 Märtyrer Albaniens verehrt. Bis auf vier waren alle im kirchlichen Dienst tätig – als Priester, Ordensleute, Missionare oder Lehrer. Sieben von ihnen gehörten dem Franziskanerorden an. Alle wurden 2016 seliggesprochen, darunter auch die einzige Frau unter ihnen: Maria Tuci.
Maria Tuci wurde 1926 geboren und besuchte eine Schule, die von den Franziskanerinnen der Stigmata geleitet wurde. Sie bat darum, dem Orden beitreten zu dürfen, was jedoch nie geschah. 1946 begann sie gemeinsam mit ihrer Freundin Davida Markagjoni als Lehrerin zu arbeiten und bezahlte oft selbst die Schulmaterialien für die ihr anvertrauten Kinder. Häufig legte sie sechs oder sieben Kilometer zu Fuß zurück, um zur Messe zu gelangen. Tuci wurde am 10. August 1949 verhaftet und so schwer gefoltert, dass sie in ein Zivilkrankenhaus eingeliefert werden musste. Dort erlag sie nur zwei Monate später ihren Verletzungen. Ihre letzten Worte lauteten: „Ich danke Gott, dass ich frei sterbe.“ Die Folter verschärfte sich, nachdem sie sich geweigert hatte, die Fragen ihrer Peiniger zu beantworten.
Die erschreckenden Räumlichkeiten sowie die Folterkammer wurden heute in ein Museum umgewandelt. Daneben befinden sich die Kapuzinerinnen, die mit großer Ausstrahlung über ihre Tätigkeit vor Ort berichteten. Eine albanische Schwester erzählte von ihren Erfahrungen während des kommunistischen Regimes und wie dankbar sie sei, dass ihre Eltern und Großeltern so große Glaubenszeugen gewesen seien. Dadurch hätten sie ihr die Kraft gegeben, sich nicht beirren zu lassen. Ihre Ausstrahlung, Dankbarkeit und ihr missionarischer Eifer übertrugen sich spürbar auf die Besucher.
Nahrung für Körper, Herz und Zukunft
Ein Besuch des Wallfahrtsortes des heiligen Antonius in Lac durfte natürlich nicht fehlen. Dank sei ihm, denn aufgrund des heftigen Sturmes ließ er uns nicht davonfliegen.
Besonderen Eindruck hinterließ auch das Projekt nahe des Provinzialats der Franziskaner in Shkodra sowie der Missionsschwestern vom Kinde Jesu. Gemeinsam mit Freiwilligen werden dort täglich Menschen in der Armenküche mit warmem Essen versorgt. Durch kurze Gespräche erhalten viele Bedürftige dort auch Nahrung für das Herz. Diese Armenküche ist die einzige in der ganzen Stadt Shkodra. Die über 2400 Jahre alte Stadt zählt knapp 62.000 Einwohner und gilt traditionell als kulturelles Zentrum Nordalbaniens.
Nach dem Besuch der Franziskanerkirche luden die Schwestern die Gruppe zum Mittagessen ein und zeigten ihr anschließend ihre Arbeit. Aufgrund der schwierigen wirtschaftlichen Lage und der weitverbreiteten Armut, besonders in Nordalbanien, nahmen die Schwestern in Shkodra im Jahr 2003 Kinder und Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien in ihr Tageszentrum auf. Dort helfen sie ihnen beim Lernen und bieten ihnen täglich eine warme Mahlzeit an.
Das Tageszentrum wird täglich von mehr als 40 Kindern besucht. Teilweise war es nicht möglich, alle Kinder aufzunehmen, die Betreuung benötigen. Da viele Familien in extremer Armut leben und teilweise auch mit psychischen Problemen kämpfen, versuchen die Schwestern, den Kindern eine bessere Zukunft zu ermöglichen, sie von der Straße zu holen und vor Ausbeutung zu bewahren.
Die Familien, die von den Schwestern begleitet werden, sind sozial stark benachteiligt. Der Dienst der Franziskanerinnen zielt darauf ab, die Kinder in allen menschlichen Dimensionen zu begleiten, damit sie als verantwortungsvolle Bürger mit Würde ihren Platz in der Gesellschaft finden können. Da die Franziskanerinnen in ihrer Arbeit kaum staatliche Unterstützung erhalten, bleibt jede Hilfe von außen besonders wichtig.
Ein Stadtbummel und der Besuch eines großen autarken Betriebes, der dafür sorgt, dass die Menschen der Umgebung ihre Produkte gut vermarkten können, durften ebenfalls nicht fehlen. Der Spaß kam dabei nicht zu kurz.
Würde und Fürsorge im Alter
Der Besuch des letzten Projekts sorgte bei den Menschen vor Ort für eine schöne Abwechslung und machte den gesellschaftlichen Umbruch Albaniens deutlich sichtbar.
Die Armen Töchter der Heiligen Stigmata des heiligen Franz von Assisi sind seit 1879 in Albanien präsent und haben in heroischer Weise zur Entwicklung des Landes beigetragen – teilweise sogar unter Einsatz ihres Lebens. Nach der erzwungenen Unterbrechung ihrer Tätigkeit während der kommunistischen Zeit nahmen sie ihre Arbeit 1991 wieder auf.
Sie begannen in den Dörfern mit Seelsorge, Jugendarbeit und allem, was dem Wohl des Landes dienen konnte – stets unterstützt von Missionaren und Wohltätern.
Die starke Auswanderung vieler Albaner verschärft besonders die Situation älterer Menschen. Die Schwestern fühlen sich verpflichtet, auf diese dringende Not zu antworten. Trotz kaum vorhandener finanzieller Mittel bauten sie ein Pflegeheim für mittellose, zurückgelassene, einsame und alte Menschen.
Der Betrieb des Pflegeheims begann am 1. Juni 2022. Die Einrichtung bietet rund um die Uhr Betreuung für 25 Bewohner. Neben sozialen, gesundheitlichen und rehabilitativen Maßnahmen werden auch Freizeit-, Bildungs- und Kulturangebote organisiert, um die Fähigkeiten der Bewohner möglichst lange zu fördern.
Trotz der schwierigen finanziellen Lage und der herausfordernden Betreuung strahlen die Schwestern eine unbeschreibliche Herzlichkeit und Freude aus.
Reiseabschluss in Montenegro
Zum Abschluss der Projektreise stand ein Tagesausflug nach Montenegro auf dem Programm. Die faszinierende Landschaft begeisterte die Gemeinschaft.
Ein unerwarteter Stau von mehreren Stunden sorgte zwar für eine kleine Nervenprobe, doch die albanischen Cevapcici und das gemütliche Zusammensein am Vorabend der Heimreise ließen dies rasch vergessen.
Aktionstag Franz Hilf in St. Nikolai
Am Muttertag danken wir mit den Kindergartenkindern von St. Nikolai im Rahmen der hl. Messe um 9.30 Uhr allen leiblichen Müttern, wie auch jene Frauen, die sich durch ihren mütterlichen Einsatz an Menschen unermüdlich einbringen. Nach den Gottesdiensten um 9.30 und 11.00 Uhr laden wir herzlich zu einer Agape ein. Für Getränke und Speisen ist gesorgt.
Im Pfarrzentrum besteht darüber hinaus die Möglichkeit, einen Film über die Projektreise zu sehen und diese zu unterstützten.
Alle Interessierte sind herzlich dazu eingeladen! Wir freuen uns auf Ihr Kommen!