Liebe zu Christus erneuern
Einkehrtag im September 2026
LIEBE ZU CHRISTUS ERNEUERN - EINKEHRTAG IM SEPTEMBER 2026
Was gab dem heiligen Franziskus jene innere Ruhe, mit der er selbst Krankheit, Leid und dem Tod begegnen konnte? Es waren keine außergewöhnlichen Fähigkeiten, sondern seine immer tiefer werdende Liebe zu Jesus Christus.
Anlässlich des Jubiläumsjahres laden wir am Samstag, 26. September 2026, von 09.00 bis 12.00 Uhr, zu einem Einkehrtag unter dem Leitwort „Liebe zu Christus erneuern” ins Pfarrzentrum St. Nikolai ein.
Ausgangspunkt sind die Briefe an die Gläubigen. Franziskus richtet darin seine Worte an alle Christen. Was er damals schrieb, spricht bis heute in unser Leben hinein. Seine Briefe ermutigen dazu, das Evangelium neu zu entdecken, Christus den ersten Platz im Herzen zu geben und den Glauben im Alltag zu leben.
Impulse, Zeiten der Stille, persönliche Besinnung und der gemeinsame Austausch begleiten den Vormittag. Gemeinsam wollen wir mit Franziskus den Blick neu auf Jesus Christus richten, der die Mitte seines Lebens war. Der Einkehrtag wird von P. Emmanuel-Maria Fitz OFM begleitet. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.
BRIEFE AN ALLE
Was haben die Briefe des heiligen Franziskus einer Kirche im 21. Jahrhundert noch zu sagen? Erstaunlich viel. Franziskus führt seine Leser nicht zuerst zu Strukturen oder Reformen, sondern zu Christus. Gerade diese konsequente Hinwendung zu Christus macht die Briefe bis heute erstaunlich aktuell.
Wenn die Verkündigung neue Wege findet
Jahrelang zog Franziskus mit den Brüdern durch Städte und Dörfer. Auf Marktplätzen, in Kirchen, unter freiem Himmel rief er zur Umkehr. Sein Anliegen war es, dass Menschen ihr Leben neu an Christus ausrichten. Nicht nur Kleriker. Nicht nur Ordensleute. Keine geistliche Elite.
Dann änderte sich alles. Krankheit und Schwäche nahmen ihm die Möglichkeit, selbst zu den Leuten zu gehen. Den Grund nennt er selbst: Weil er nicht mehr jeden persönlich aufsuchen könne, wolle er ihnen durch Briefe und Boten „die Worte unseres Herrn Jesus Christus“ weitergeben (vgl. 2 Gl 3).
Sein Wunsch, das Evangelium zu verkünden, blieb ungebrochen. Was ihm die persönliche Begegnung erschwerte, versuchte er nun durch das geschriebene Wort zu erreichen. Gleich zu Beginn des sogenannten Ersten Briefes an die Gläubigen formuliert er: „Allen Christen überall: Ordensleuten, Klerikern und Laien, Männern und Frauen, allen, die in der ganzen Welt wohnen, entbietet Franziskus, ihr Knecht und Untertan, ehrfurchtsvolle Ergebenheit […] allen zu dienen und ihnen die duftenden Worte meines Herrn zu vermitteln“ (vgl. 1 Gl 1–2).
Nach überwiegender Auffassung der franziskanischen Forschung entstand dieser Text aus einer Bußpredigt. Später wurde sie schriftlich festgehalten. Ein richtiger Brief ist es kaum – Absender und Anschrift fehlen. Überwiegend gilt diese Schrift als ursprünglicher Kern des später entstandenen, ausführlicheren Zweiten Briefes an die Gläubigen.
Die Verkündigung durfte für Franziskus nicht an einem Ort enden. Was gesprochen wurde, sollte weitergetragen werden. Das geschriebene Wort wurde zum neuen Weg.
Bis zuletzt blieb er ein leidenschaftlicher Verkünder. Selbst Krankheit brachte ihn nicht zum Schweigen. Es ging ihm nicht um Spuren, sondern darum, Menschen zu Christus zu führen. Darum ließ er seine Worte aufzeichnen und weitergeben – weit über den Kreis der Brüder hinaus.
Christus als Mitte
Wer die Briefe liest, begegnet keinem Ordensgründer, der über sein Lebenswerk nachdenkt. Franziskus spricht nicht über sich. Er führt den Leser direkt zu Christus.
Schon die ersten Zeilen zeigen, worauf es hinausläuft: „Lasst uns alle den Herrn, den lebendigen und wahren Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele, mit ganzem Geist und mit ganzer Kraft …“ (2 Gl 5).
Das ist kein beliebiger Gedanke. Franziskus stellt das große Gebot Jesu an den Anfang. Als Jesus gefragt wurde, welches Gebot das wichtigste sei, antwortete er: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken“ (Mt 22,37). Christliches Leben beginnt für Franziskus nicht mit einer Regel oder einer Leistung. Sondern mit der Liebe zu Gott.
Von dieser Mitte her erschließen sich beide Briefe. Fast alle Themen – Buße, Gebet, Eucharistie, Barmherzigkeit – entfalten sich daraus.
Der Zweite Brief macht das besonders deutlich. Er beginnt nicht mit einer Mahnung zur Umkehr. Sondern mit dem Blick auf Gott selbst. Das erste Kapitel spricht vom ewigen Wort des Vaters, das Mensch geworden ist. Noch bevor der Mensch antwortet, handelt Gott. Buße, Gebet, Eucharistie, Nächstenliebe – sie stehen nicht am Anfang. Sie sind Antwort auf Gottes Handeln. Franziskus beschreibt kein religiöses Programm. Alles gründet auf dem, was Gott in Jesus Christus bereits getan hat.
Damit trifft er den Kern des Evangeliums. Nicht der Mensch eröffnet den Weg zu Gott. Gott eröffnet den Weg zum Menschen. Von ihm her erhalten alle Aussagen des Briefes ihren Zusammenhang. Erst dadurch erschließt sich auch das Leben des Heiligen. Seine Liebe zur Schöpfung, seine Armut, sein Einsatz für den Frieden – sie sind nicht der Ausgangspunkt seiner Spiritualität. Sie sind ihre Frucht. Wer Franziskus verstehen will, darf bei diesen äußeren Merkmalen nicht stehen bleiben. Sie führen zurück zur Quelle: Jesus Christus.
Papst Benedikt XVI. hat das treffend beschrieben. Franziskus habe eine „äußerst innige Beziehung zu Jesus und zum Wort Gottes“ besessen und Christus „ohne Abstriche“ nachfolgen wollen. Gerade deshalb sei er zu einem „lebendigen Abbild Christi“ geworden (Generalaudienz, 27. Jänner 2010). Das beschreibt nicht nur sein Leben. Es erschließt den Schlüssel zu seinen Schriften.
Hier zeigt sich die bleibende Bedeutung der Briefe. Heute stehen Christen und Kirche vor großen Herausforderungen. Glaubwürdigkeit, Strukturen, Auftrag, Zeugnis in einer säkularen Gesellschaft – all das prägt die Diskussionen. Franziskus blendet diese Fragen nicht aus. Aber er setzt einen anderen Anfang. Nicht die Diskussion über die Kirche steht am Beginn, sondern der Blick auf Christus. Von ihm her gewinnen alle Fragen ihren Maßstab.
Ein Gott, der sich klein macht
Zu den schönsten Gedanken der Briefe gehört das Staunen über die Menschwerdung. Im Ersten Brief richtet Franziskus den Blick auf den Gott, der sich klein macht. Nicht seine Macht erfüllt ihn mit Ehrfurcht, sondern seine Demut.
„Seht, täglich erniedrigt er sich selbst, wie damals, als er vom königlichen Thron in den Schoß der Jungfrau herabstieg. Täglich kommt er selbst zu uns in schlichter Gestalt.“ (1 Gl 16–18) In diesen wenigen Zeilen verdichtet sich die Christologie des heiligen Franziskus. Weihnachten, Menschwerdung, Erlösung und Eucharistie – für ihn keine getrennten Heilsereignisse. Sie gehören untrennbar zusammen.
Der Herr, der Mensch geworden ist, bleibt seinem Volk auch nach der Auferstehung nahe. Er schenkt sich den Gläubigen unter den Gestalten von Brot und Wein. Hier erkennt Franziskus die wahre Größe Gottes. Nicht die Allmacht steht im Mittelpunkt, sondern die freiwillige Erniedrigung. Der Schöpfer macht sich klein, um dem Menschen nahe zu sein. Darin offenbart sich die Größe der göttlichen Liebe. Wer Christus begegnet, begegnet keinem fernen Herrscher, sondern dem Gott, der sich verschenkt.
Aus diesem Verständnis erklärt sich auch die Ehrfurcht vor der Eucharistie. In vielen Schriften – den Ermahnungen, dem Brief an den gesamten Orden, dem Testament – kehrt das Thema wieder. Seine Mahnungen zu einem würdigen Umgang mit der Eucharistie entspringen keinem liturgischen Formalismus. Sie wurzeln in der Überzeugung, dass sich auf dem Altar derselbe Herr schenkt, den Maria empfangen und die Apostel gesehen haben. Darum mahnt Franziskus zu größter Ehrfurcht gegenüber allem, was mit der Eucharistie zu tun hat – Altären, Büchern, Kelchen, Tüchern. Nicht die Dinge sind heilig, sondern der Herr, dem sie dienen. Gerade darum verdienen sie Achtung.
Die Menschwerdung endet für Franziskus nicht in Bethlehem. In der Eucharistie bleibt der menschgewordene Christus gegenwärtig in seiner Kirche. Nicht als Erinnerung, sondern als bleibende Vergegenwärtigung. Darin liegt die Aktualität seiner Gedanken. Viele erleben Gott heute als fern. Andere reduzieren ihn auf eine Idee oder eine moralische Instanz. Franziskus erinnert an den Gott, der den ersten Schritt macht. Der christliche Glaube beginnt nicht mit dem Aufstieg des Menschen zu Gott, sondern mit Gottes Herabstieg zum Menschen. Wer das versteht, erkennt die Mitte der franziskanischen Spiritualität.
Buße als Weg des Lebens
Die Begegnung mit Christus bleibt bei Franziskus nie folgenlos. Der Ruf zur Buße durchzieht die Briefe von Anfang bis Ende. Kaum ein Begriff wird heute so missverstanden. Viele verbinden damit vor allem Verzicht, Strafe und Verbote. Für Franziskus ist Buße die Antwort des Menschen auf Gottes Liebe. Sie beginnt nicht mit Strafe, sondern mit einem neuen Leben.
Der erste, kürzere Brief trägt in den Quellen die Überschrift: „Dies sind Worte des Lebens und des Heils.“ Er beschreibt zwei Wege: den der Bußfertigen und den derer, die sich verschließen. Buße bedeutet für Franziskus mehr als Reue. Sie beschreibt eine bleibende Umkehr – ein Leben, das sich immer neu an Christus ausrichtet.
Der Zweite Brief führt diesen Gedanken weiter. Seine Mahnungen wollen nicht einengen, sondern in die Freiheit des Evangeliums führen. Immer wieder begegnen Formulierungen wie „wir müssen“ oder „wir dürfen nicht“. Sie wirken streng. Im Zusammenhang des ganzen Briefes zeigen sie ein anderes Bild. Franziskus entwirft keinen Pflichtenkatalog. Er beschreibt einen Weg, auf dem das Evangelium das ganze Leben prägt.
Deshalb spricht er von Gebet und Versöhnung, von der Eucharistie, vom Dienst am Nächsten, vom Umgang mit Besitz, von Barmherzigkeit und Frieden. Keines dieser Themen steht für sich. Alle sind Ausdruck einer Lebensform, die aus der Begegnung mit Christus erwächst.
Seine Briefe fordern auch heute heraus. Oft wird der Glaube auf gemeinsame Werte reduziert. Franziskus geht tiefer. Es genügt nicht, christliche Überzeugungen zu vertreten. Das Evangelium will den ganzen Menschen verwandeln. Glaube zeigt sich nicht nur in dem, was wir für wahr halten, sondern ebenso darin, wie wir beten, arbeiten, entscheiden, vergeben und unsren Mitmenschen begegnen.
Diese Ganzheit gehört zu den auffälligsten Merkmalen franziskanischer Spiritualität. Zwischen Liturgie und Alltag, Gottesdienst und Nächstenliebe, Gebet und Verantwortung zieht Franziskus keine Trennlinie. Wer Gott liebt, wird anders leben. Ein solches Leben wird selbst zur Verkündigung.
Darin liegt die ungebrochene Anziehungskraft des heiligen Franziskus. Er fordert nicht zuerst mehr Frömmigkeit, sondern ein Leben, das ganz vom Evangelium geprägt ist. Seine Briefe laden ein, Glaube und Leben nicht nebeneinanderher laufen zu lassen, sondern aus derselben Quelle zu schöpfen.
Ein Brief für deine Kirche im Aufbruch
Die Briefe entstanden in einer Zeit tiefgreifender Veränderungen. Das 13. Jahrhundert war geprägt von gesellschaftlichem Wandel, neuen Wirtschaftsformen, wachsender Mobilität und religiösen Spannungen. Viele suchten nach einem glaubwürdigen christlichen Leben.
Achthundert Jahre später haben sich die äußeren Umstände grundlegend verändert. Die entscheidenden Fragen sind geblieben. So ringt die Kirche ebenso heute um Glaubwürdigkeit, sucht neue Wege der Evangelisierung, erlebt Spannungen. Vieles wird diskutiert: Strukturen, Verantwortung, Zukunftsmodelle, Reformen.
Franziskus beantwortet die Fragen seiner Zeit nicht mit neuen Programmen. Vielmehr führt er zum Ursprung zurück: zum Evangelium. Dort beginnt jede Erneuerung. Der Anfang ist nicht eine Struktur. Nicht ein Konzept. Nicht eine Strategie. Der Anfang ist Christus.
Von dort aus erhalten die anderen Fragen ihren Platz. Strukturen sind wichtig. Verantwortung ist notwendig. Reformen können helfen. Doch keine Erneuerung wird Bestand haben, wenn sie nicht aus der lebendigen Beziehung zu Christus wächst.
Franziskus bewahrt vor einer Versuchung, die somit jede Zeit kennt: den Glauben auf das Private oder ausschließlich auf menschliche Strukturen zu reduzieren. Der Glaube drängt zur Weitergabe. Kirche lebt nicht zuerst davon, über sich selbst zu sprechen, sondern Jesus Christus zu verkünden. Dieses missionarische Bewusstsein durchzieht die Briefe. Franziskus wollte Menschen weder an seine Person noch an eine franziskanische Bewegung binden. Er wollte vielmehr, dass möglichst viele sollten das Evangelium hören und daraus leben.
Papst Franziskus erinnerte am Bibelsonntag 2024 daran, dass das Wort Gottes nicht auf den Seiten eines Buches stehen bleiben darf. Es will gehört, gelebt und weitergegeben werden. Genau das prägt auch die Briefe des heiligen Franziskus.
Diesen Gedanken griff ebenso Papst Leo XIV. auf. Im Blick auf das Jubiläum erinnert auch er daran, dass das Vermächtnis nicht in der Erinnerung an eine außergewöhnliche Persönlichkeit besteht. Franziskus verweist über sich hinaus auf Christus und ruft die Kirche auf, das Evangelium mit neuer Freude und Glaubwürdigkeit zu leben.
Das außerordentliche Jubiläumsjahr zum 800. Heimgang des heiligen Franziskus lädt ein, zu den Quellen zurückzukehren. Nicht aus historischem Interesse. Nicht aus Nostalgie. Sondern weil die Briefe bis heute dieselbe Frage stellen: Woran richtet sich unser Leben aus?