Pfarre

Villach-St. Josef

Mit dem Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit

Vorsichtiges Durchatmen ist angesagt. Corona ist gefühlt vorbei, wir genießen es, wieder Freunde treffen zu können, ein Konzert zu besuchen, ganz spontan auf ein Getränk zu gehen. Jeden Tag wird mir bewusst, wie sehr ich es genieße, wieder unbeschwert die Gemeinschaft anderer Menschen zu erleben, meinen Schüler*innen ohne Maske gegenüber zu treten, endlich wieder in der Klasse singen zu dürfen, und auch wieder jemanden zu umarmen, ohne dabei ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Das vergangene Jahr hat uns viel abverlangt, es hat uns aber auch viel gelehrt. Dinge, die wir niemals für möglich gehalten hätten sind eingetreten - wir wissen jetzt um unsere Verwundbarkeit, um unsere Verletzlichkeit. Wir wissen aber auch, was alles möglich ist. Dieses Wissen sollte nicht ohne Folgen bleiben: jetzt ist der Zeitpunkt, wo wir überlegen müssen, ob wir dorthin zurückkehren wollen, wo uns ein winzig kleiner Virus aus unserem gewohnten Lebensrhythmus geworfen hat und ob wir die positiven Erfahrungen, die die vergangenen Monate auch mit sich gebracht haben, schnell wieder ad Acta legen. Jetzt haben wir die Chance, unser Leben neu auszurichten. In den letzten Monaten habe ich immer wieder Menschen getroffen, die in der Krise auch Positives für sich persönlich ausmachen konnten: sie haben es genossen endlich wieder Zeit zu haben Dinge in Ruhe zu erledigen, Sachen aufzuarbeiten, die schon lange unerledigt geblieben sind und vor allem mehr Zeit für sich selbst zu haben. Jetzt ist ein guter Zeitpunkt sich die Frage zu stellen: was ist mir wirklich wichtig? Welche Prioritäten möchte ich in meinem Leben setzen? In erster Linie waren die vergangenen Monate von enormen Herausforderungen geprägt, sowohl für die Gesellschaft, als auch für jeden einzelnen von uns. Ich erlebte und erlebe mich selbst auch immer wieder in sehr spannungsgeladenen Situationen – Spannung in mir selbst, wenn es zum Beispiel darum ging zu entscheiden, ob ich meine betagten Eltern besuchen darf – vor allem aber fühle ich auch viele Spannungen um mich herum. Es beunruhigt mich, wenn ich ein Klima des Misstrauens wahrnehme, ein Suchen nach Schuldigen. Für alles muss ein Schuldiger gefunden werden, und die Suche danach treibt oft die seltsamsten Blüten. Gerade in dieser Situation ist es wichtig, dass ich mir die Frage stelle: was kann ich tun, damit Vertrauen wachsen kann? Hier kann ein Satz aus der Bibel sehr hilfreich sein: Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. Dieses Bibelwort soll, ja muss uns Mut und Zuversicht geben. Der Geist der Liebe und der Besonnenheit schafft eine Atmosphäre des Vertrauens und des Respektes - Eigenschaften, die gerade in Zeiten, in denen es nun gilt die Auswirkungen von Covid zu verarbeiten und aufzuarbeiten, sehr notwendig sein werden. Im 2. Korintherbrief heißt es: Wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit. Wenn ich mir den Geist des Evangeliums zu Herzen nehme, dann kann ich eine Klimaveränderung in meiner kleinen Welt bewirken. Ein gutes Gespräch, gegenseitige Ermutigung, eine kleine Aufmerksamkeit, Solidarität, ein erster Schritt, ein Wort des Verzeihens. Das alles können kleine Bausteine sein, die schlussendlich zu einer Klimaveränderung auch im Großen beitragen können.

Angelika Sattlegger
Religionslehrerin