Vom rechten Maß
Gedanken zur Fastenzeit
Rüstzeug gegen die Mittelmäßigkeit
Modernes aus dem Alten - die Benediktusregel als Maßeinheit der Unvermessenheit
Das benediktinische Maß – jenes oft zitierte Prinzip der Ausgewogenheit aus der Regel des heiligen Benedikt (529 n. Chr.) – wirkt auf den ersten Blick wie ein Relikt aus einer fernen klösterlichen Welt. Tatsächlich aber besitzt es gerade im Spiegel der heutigen Gesellschaft eine überraschende Aktualität. In einer Zeit der Beschleunigung, der permanenten Verfügbarkeit und der ständigen Selbstoptimierung eröffnet das benediktinische Denken einen Gegenentwurf, der nicht auf radikale Askese oder grenzenlose Leistungssteigerung abzielt, sondern auf Maß, Ordnung und Menschlichkeit.
Die Benediktusregel kennt weder Extreme noch ideologische Übertreibung. Benedikt von Nursia fordert weder übermäßige Strenge noch nachlässige Bequemlichkeit. Arbeit, Gebet, Ruhe und Gemeinschaft sollen in einem ausgewogenen Verhältnis stehen.
Dieses „Maßhalten“ ist kein Ausdruck von Mittelmäßigkeit, sondern von Weisheit: Der Mensch wird als begrenztes Wesen verstanden, das Rhythmus und Struktur braucht, um zu gedeihen. Gerade darin liegt eine erstaunliche Modernität.
Die heutige Gesellschaft hingegen neigt vielfach zu Polarisierungen. Leistung wird häufig zum alleinigen Maßstab persönlicher Anerkennung erhoben, während gleichzeitig eine Kultur der permanenten Ablenkung entsteht. Digitale Medien beschleunigen Kommunikation und Erwartungen gleichermaßen; Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmen. Burnout, Stress und Vereinsamung sind nicht selten Symptome eines Lebens ohne tragfähige Balance. Das benediktinische Maß erinnert daran, dass Nachhaltigkeit nicht nur ökologische, sondern auch menschliche Dimensionen besitzt.
Besonders deutlich wird dies im Verhältnis zur Arbeit. Für Benedikt ist Arbeit weder Selbstzweck noch bloß wirtschaftliche Notwendigkeit. Sie dient der Gemeinschaft und der persönlichen Reifung. Gleichzeitig schützt die Regel vor Überforderung: Zeiten der Ruhe und der geistigen Sammlung sind ebenso verpflichtend wie die Tätigkeit selbst. Überträgt man diesen Gedanken auf moderne Arbeitswelten, so entsteht ein Modell, das Produktivität mit Sinn verbindet. Unternehmen, die auf gesunde Arbeitsrhythmen, Vertrauen und Verantwortung setzen, greifen – oft ohne es ausdrücklich zu benennen – benediktinische Einsichten auf.
Auch im gesellschaftlichen Diskurs könnte das benediktinische Maß Orientierung bieten. Benedikt fordert vom Abt, zuzuhören, den Rat der Gemeinschaft einzuholen und besonders auf die Schwächeren zu achten. Führung bedeutet hier nicht Dominanz, sondern Verantwortung. In politischen und sozialen Debatten, die häufig von Lautstärke und schnellen Urteilen geprägt sind, erscheint diese Haltung fast revolutionär:
Maßhalten heißt zuhören, prüfen und abwägen.
Nicht zuletzt verweist das benediktinische Maß auf eine spirituelle Dimension des Menschseins. Es anerkennt, dass der Mensch mehr ist als Konsument oder Produzent. Zeiten der Stille, der Reflexion und der inneren Sammlung ermöglichen Orientierung in einer komplexen Welt. Selbst säkulare Formen wie Achtsamkeit oder „Slow Living“ spiegeln unbewusst dieses Bedürfnis wider.
Das benediktinische Maß ist daher kein nostalgisches Ideal, sondern ein zeitloses Kulturprinzip. Es fordert nicht Rückzug aus der Welt, sondern einen bewussten Umgang mit ihr. Gerade weil moderne Gesellschaften zwischen Überfluss und Überforderung schwanken, könnte die alte klösterliche Weisheit neu entdeckt werden: Nicht das Mehr macht das Leben reich, sondern das rechte Maß.
Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Fastenzeit,
Ihr P. Gerfried Sitar