Pfarre

St. Andrä im Lavanttal

Quo usque tandem abutere ... wie lange noch?

Weg mit den Steinen der Oberflächlichkeit! Gedanken zum 5. Fastensonntag

Johannes 11, das Evangelium vom 5. Fastensonntag, ist keine fromme Geschichte für stille Stunden. Es ist eine Zumutung!

Ein Mensch ist tot. Vier Tage. Endgültig!
Und alle wissen: Jetzt gibt es nichts mehr zu beschönigen.

„Herr, wärst du hier gewesen…“

Dieser Satz klingt heute anders.
Er klingt nach den Trümmern in der Ukraine, nach den Stimmen im Iran, die nicht gehört werden sollen.
Er klingt nach einer Welt, die ihre Verletzlichkeit nicht mehr verbergen kann.

Und gleichzeitig: das Gegenteil!
Glanz. Oberfläche. Inszenierung.

Dubai – als Versprechen: höher, schneller, reicher.
Influencer – als neue Priester:innen einer Welt ohne Tiefe und voll von Illusion.
Selbstoptimierung – als Religion, die keinen Tod kennt, nur „noch nicht gut genug“.

Und: auch das Weiße Haus.
Nicht nur als politisches Zentrum, sondern als Bühne.
Als Ort, an dem Macht sich inszeniert, sich dekoriert, sich selbst erzählt. Und das bis weit über die Grenze des erträglichen Kitsches hinaus – wo größenwahnsinnige Symbolik die Wirklichkeit schamlos überdeckt.

Aber Wirklichkeit lässt sich nicht ewig überdecken.

Hinter vielen dieser Fassaden liegen Brüche: Ungleichheit, Spannungen, Angst, Kontrollverlust.Wie Potemkinsche Dörfer – sorgfältig aufgebaut, damit niemand sieht, was dahinter liegt.

Und genau hier steht Jesus.

Nicht im Palast.
Nicht auf der Bühne.
Sondern vor einem Grab.

Er diskutiert nicht über Narrative.
Er optimiert nichts.
Er weint.

Das ist vielleicht der radikalste Gegenentwurf zu unserer Zeit:
Ein Gott, der nicht inszeniert, sondern empfindet.
Der nicht überdeckt, sondern hinschaut.

Und dann sagt er:
„Nehmt den Stein weg!“

Das ist der Moment der Wahrheit.
Denn der Stein schützt auch die Illusion, dass alles noch in Ordnung ist. Ohne diesen Schritt bleibt alles, wie es ist: schön verpackt, aber tot.

Vielleicht heißt Glaube heute genau das: den Mut zu haben, die Steine wegzurollen –
auch dort, wo es unangenehm wird.
Wo politische Systeme mehr Schein als Sein sind.
Wo wirtschaftlicher Glanz auf brüchigem Fundament steht.
Wo wir selbst Teil dieser Inszenierung geworden sind.

Und dann der Ruf:
„Lazarus, komm heraus!“

Das ist keine Vertröstung.
Das ist ein Eingriff in die Realität.

Hoffnung bedeutet hier nicht, dass nichts zerbricht.
Sondern dass selbst im Zerbrechen Leben möglich bleibt.

Aber Lazarus kommt gebunden heraus.

Und Jesus sagt: „Löst ihn.“

Das ist entscheidend.

Die Auferweckung allein reicht nicht.
Es braucht Menschen, die entbinden, die freimachen, die Verantwortung übernehmen.

Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft für unsere Gegenwart:
Nicht noch mehr Inszenierung.
Nicht noch mehr Selbstoptimierung.
Nicht noch mehr glänzende Fassaden.

Sondern:
Wahrheit sehen.
Verletzlichkeit anerkennen.
Und dann handeln.

Denn die größte Illusion unserer Zeit ist nicht der Reichtum, nicht die Macht, nicht der Glanz. Es ist der Gedanke, dass wir das Leben kontrollieren.

Johannes widerspricht.

Und gerade darin liegt Hoffnung:
Dass das Leben größer ist als unsere Systeme.
Größer als unsere politischen Inszenierungen.
Größer als jedes „Weiße Haus“, jedes Imperium, jede Bühne.

„Ich bin die Auferstehung und das Leben.“

Das ist kein dekorativer Satz.
Es ist eine Kampfansage an alles, was tot ist und sich lebendig gibt.

Und vielleicht beginnt Veränderung genau dort,
wo wir aufhören, uns blenden zu lassen –
und anfangen, den Stein wegzurollen.

Ich wünsche Ihnen allen den Mut, Steine wegzuwälzen!

Herzlich, Ihr P. Gerfried Sitar