Lebendiges Wasser - wer bittet, der empfängt!
Gedanken gegen Populismus und Selbstdarstellung
Das Evangelium vom 3. Fastensonntag führt uns an einen Brunnen. Jesus sitzt dort, müde vom Weg. Eine Samariterin kommt, um Wasser zu schöpfen. Zwischen ihnen stehen jahrhundertelange Feindschaften, religiöse Vorurteile und gesellschaftliche Grenzen. Doch Jesus beginnt nicht mit Macht und nicht mit Belehrung. Er sagt nur: „Gib mir zu trinken.“
So beginnt Gottes Weg in der Welt: nicht mit Drohungen, nicht mit Triumph, nicht mit der Forderung nach Unterwerfung, sondern mit einer Begegnung. Mit einem Gespräch. Mit einer einfachen Bitte.
Gerade deshalb wirkt dieses Evangelium heute so verstörend aktuell. Denn wir leben in einer Zeit, in der viele Mächtige der Welt sehr laut von Gott sprechen. Sie berufen sich auf Glauben, auf göttliche Sendung, auf religiöse Werte. Sie sprechen von Gott, während sie gleichzeitig mit den Instrumenten der Macht drohen, Kriege anheizen und Menschen gegeneinander aufbringen.
Besonders deutlich sehen wir diese Spannung bei Figuren wie Donald Trump, der sich immer wieder als Verteidiger des Christentums darstellt und zugleich eine Sprache der Härte, der Verachtung und der Eskalation pflegt – eine grenzenlose und widerwärtige Selbstinszenierung. Aber nicht nur er. Es gibt auch andere!
Hier zeigt sich eine alte Versuchung der Religion: die Versuchung der Heuchelei.
Die Bibel kennt diese Gefahr sehr gut. Schon die Propheten haben sie angeprangert. Menschen sprechen von Gott, sie rufen seinen Namen an, sie stellen sich als fromm dar – und gleichzeitig handeln sie gegen den Geist Gottes.
Jesus selbst hat dafür die schärfsten Worte gefunden. Gegen die Heuchelei religiöser Macht hat er härter gesprochen als gegen Sünder. Denn Heuchelei ist gefährlich: Sie benutzt Gott, um menschliche Interessen zu bemänteln. Sie macht Religion zu einer Maske für Macht.
Darum ist die entscheidende Frage des Evangeliums nicht: Wer spricht von Gott?
Die entscheidende Frage lautet: Wer handelt im Geist Gottes?
Der Gott Jesu zeigt sich nicht im Pathos der Macht. Er zeigt sich in der Verletzlichkeit eines Menschen, der müde am Brunnen sitzt. Er zeigt sich in der Bereitschaft, mit einer Fremden zu sprechen. Er zeigt sich in Wahrheit, nicht in Inszenierung.
Die Samariterin erlebt genau das. Sie wird nicht benutzt, nicht instrumentalisiert, nicht moralisch vorgeführt. Sie wird gesehen. Sie wird ernst genommen. Und gerade deshalb verändert sich etwas in ihrem Leben.
Am Ende lässt sie ihren Wasserkrug stehen und läuft in die Stadt. Eine Begegnung hat mehr bewirkt als jede Machtdemonstration.
Vielleicht ist das die größte Anklage, die dieses Evangelium gegen unsere Zeit erhebt. Die Welt leidet nicht nur unter Gewalt. Sie leidet auch unter der religiösen Verkleidung der Gewalt und Dummheit. Unter der Frömmigkeit, die sich auf die Lippen legt, während das Herz ganz andere Ziele verfolgt.
Jesus entlarvt diese Heuchelei. Er zeigt uns, dass Gott nicht dort zu finden ist, wo sein Name am lautesten gerufen wird. Gott ist dort, wo Menschen Grenzen überwinden, Wahrheit wagen und einander als Menschen begegnen.
Der Brunnen von Sychar ist deshalb mehr als eine alte Geschichte. Er ist ein Spiegel für unsere Welt. Und er stellt uns eine unbequeme Frage:
Wollen wir Gott benutzen – oder wollen wir ihm folgen?
Denn Gott braucht keine Politiker, die seinen Namen für ihre Macht verwenden. Gott sucht Menschen, die sein lebendiges Wasser weitergeben – Wasser der Wahrheit, der Gerechtigkeit und des Friedens.
Ich wünsche Ihnen die gute Gabe der Unterscheidung der Geister!
Herzlich, Ihr P. Gerfried Sitar