In zu großen Schuhen .....
Gedanken zur Blindheit unserer Tage
Von Schuhen, die zu groß sind ….
Im Evangelium (4. Fastensonntag) von der Heilung des Blindgeborenen am Teich von Schiloach (Joh 9) begegnet uns ein Mensch, der von Geburt an blind ist. Jesus sieht ihn, macht aus Erde und Speichel einen Brei, streicht ihn auf seine Augen und schickt ihn zum Teich von Schiloach, damit er sich wasche. Der Mann geht – tastend und vertrauend – und kommt sehend zurück.
Doch die eigentliche Spannung der Geschichte beginnt erst danach. Die Menschen um ihn herum beginnen zu diskutieren: Kann das stimmen? War dieser Mann wirklich blind? Wer hat ihn geheilt? Die religiösen Autoritäten befragen ihn immer wieder. Manche sehen das Wunder – und doch wollen sie es nicht wahrhaben.
Hier zeigt sich:
Blindheit ist nicht nur eine Frage der Augen. Man kann sehen und doch blind bleiben, wenn man nicht hinschauen will - wenn man sich an Vorstellungen klammert und die Wirklichkeit nicht gelten lässt.
Gerade in diesen Tagen macht eine kleine politische Episode die Runde: Donald Trump hat einigen seiner Minister Schuhe geschenkt – allerdings viel zu große. Und dennoch tragen sie diese Schuhe. Man fragt sich: Warum? Vielleicht aus Loyalität, vielleicht aus Anpassung, vielleicht aus Angst, zu widersprechen. Aber eigentlich sieht jeder: Diese Schuhe passen nicht.
Das Bild ist stark. Zu große Schuhe kann man eine Zeit lang tragen. Doch bequem sind sie nicht. Man stolpert darin, man geht unsicher, und früher oder später merkt jeder: Das passt nicht. Da ist etwas faul! Manche sind in zu großen Schuhen unterwegs – nicht nur in den USA.
Das Evangelium lädt uns ein, genau hier aufmerksam zu sein.
Christlicher Glaube bedeutet nicht, alles ungeprüft zu übernehmen.
Der geheilte Blinde lässt sich nicht einschüchtern. Er sagt schlicht, was er erfahren hat. Er bleibt bei der Wahrheit seiner Erfahrung. Am Ende ist er derjenige, der wirklich sieht – nicht nur mit den Augen, sondern mit klarem Urteil.
Unsere Kirche braucht genau solche Menschen: mündige Christen. Menschen, die glauben, aber auch hinschauen. Menschen, die Fragen stellen dürfen und sollen. Menschen, die nicht blind alles übernehmen, was ihnen vorgesetzt wird.
Denn Kirche darf kein Ort des Schönredens und Verniedlichens sein und keine Gemeinschaft der Anbiederung an den Zeitgeist. Sie darf die Wirklichkeit nicht beschönigen oder verdrängen. Ihr Auftrag ist ein anderer: aus der spirituellen Erfahrung heraus Orientierung für die Gesellschaft zu geben. Dazu gehört der Mut zur Wahrheit, der Realitätsbezug – und nicht die Realitätsverweigerung.
Das Evangelium des Blinden von Schiloach erinnert uns daran:
Gott öffnet nicht nur Augen, er öffnet auch den Blick für die Wirklichkeit.
Und genau das braucht unsere Zeit – Menschen mit offenen Augen, mit kritischem Geist und mit einem Glauben, der nicht blind macht, sondern sehend.
Ich wünsche Ihnen allen einen guten Sonntag "Laetare" mit viel Weitblick!
Herzlich, Ihr P. Gerfried Sitar