Pfarre

St. Andrä im Lavanttal

Das Paradoxon Ostern

Gedanken zu Tod und Auferstehung

Bruder Tod und Schwester Leben

Tod und Auferstehung – zwei Begriffe, die einander nicht widersprechen, sondern einander brauchen. Wie zwei Seiten derselben Münze, wie Nacht und Morgen. Der Tod entblößt, was wir sind; die Auferstehung offenbart, wozu wir bestimmt sind.

Der Körper ist das erste, was dem Tod preisgegeben wird. Er wird müde, brüchig, endlich. Er trägt die Spuren der Zeit, der Last, der Wunden. In ihm verdichtet sich das Drama der Vergänglichkeit. Und doch ist er nicht bloß Opfer – er ist auch Zeugnis. Jeder Schmerz, jede Narbe erzählt davon, dass Leben gelebt wurde.

Der Körper stirbt, aber nicht sinnlos: Er wird zur Schwelle.

Die Seele hingegen scheint ein seltsamer Verbündeter des Todes zu sein. Nicht weil sie ihn sucht, sondern weil sie mehr ahnt als das Sichtbare. Sie weiß – oft gegen unsere Angst –, dass der Tod nicht das letzte Wort spricht. In diesem Sinn klingt der Ruf des Franz von Assisi fast paradox und doch zutiefst wahr:

„Komm, Bruder Tod.“

Nicht als Kapitulation, sondern als Vertrauen. Als ein Sich-Hinübergeben in etwas, das größer ist als das eigene Festhalten.

Die Karwoche legt dieses Geheimnis schonungslos offen. Sie ist kein frommes Schauspiel, sondern ein realistisches Panorama menschlicher Existenz. Jubel und Verrat liegen dicht beieinander. Am Palmsonntag tragen sie ihn noch, am Karfreitag lassen sie ihn fallen. Die Menge kippt – wie so oft. Menschen schwimmen mit, solange es trägt. Doch wenn es ernst wird, wird es still.

Die Passion Jesu ist deshalb nicht fern von unserem Leben. Sie ist sein Spiegel.

Wo sind unsere Karfreitage?

Sie sind dort, wo wir allein stehen mit einer Entscheidung, die uns etwas kostet.
Dort, wo Treue unbequem wird.
Dort, wo wir nicht mehr verstanden werden.
Dort, wo wir merken, dass Beifall flüchtig ist, aber Wahrheit Bestand fordert.

„Unter dem Kreuz stehen“ – das ist keine populäre Haltung. Es bringt keinen Applaus, keine Likes, keine schnelle Bestätigung. Es ist das Ausharren im Unbequemen, im Schmerz, im Zweifel. Und genau darin liegt der eigentliche Wert der Treue: nicht im lauten Bekenntnis, sondern im stillen Bleiben.

Die Jünger zerstreuen sich. Einer verrät, einer verleugnet, viele fliehen. Nur wenige bleiben. Diese wenigen sind keine Helden – sie halten einfach aus. Und vielleicht ist das das Schwerste überhaupt.

Nach der Auferstehung sind plötzlich wieder viele da. Worte werden groß, Bekenntnisse mutig, Gewissheiten klar. Doch der entscheidende Punkt liegt nicht im leeren Grab, sondern im durchstandenen Kreuz. Auferstehung ist keine nachträgliche Rechtfertigung, sondern die Verwandlung dessen, was zuvor getragen wurde.

Und hier liegt ein Gedanke, der zugleich tröstlich und herausfordernd ist:

Gott nimmt das Leiden nicht einfach weg.
Er löscht es nicht aus.
Er verwandelt es.

Das Kreuz bleibt ein Kreuz – aber es wird zum Zeichen des Lebens.
Die Wunde bleibt eine Wunde – aber sie wird zum Ort der Berührung.
Der Tod bleibt real – aber er verliert seine Endgültigkeit.

Auferstehung bedeutet nicht, dass nichts geschehen ist.
Sie bedeutet, dass nichts vergeblich war.

Vielleicht ist das die tiefste Hoffnung:
Dass kein Karfreitag im Leben ohne Ostermorgen bleibt – auch wenn wir ihn oft nicht sofort sehen. Dass jede Treue, die im Verborgenen gelebt wird, aufgehoben ist in einer größeren Wirklichkeit. Dass das, was zerbricht, nicht verloren geht, sondern verwandelt wird.

Und vielleicht können wir irgendwann – tastend, zögernd, aber ehrlich – mitsprechen:

Nicht aus Sehnsucht nach dem Ende,
sondern aus Vertrauen in den Anfang, der darin verborgen liegt:

Komm, Bruder Tod.

Ich wünsche Ihnen allen ein gesegnetes Hingehen auf Ostern und dann die Freude aus der tiefen Erfahrung der Auferstehung – auch aus manchen selbstgeschaffenen Gräbern!

Herzlich, Ihr P. Gerfried Sitar