„Gott segnete sie“ (Gen 1,22)

Segnungsrituale für Menschen und Tiere

Vorabveröffentlichung eines Beitrages von Prof. Franz Weber für das Jahrbuch der Diözese Gurk 2017 zum Thema "Mensch und Tier. Impulse für ein schöpfungsgemäßes Miteinander".

„Gott segnete sie“ (Gen 1,22) - Segnungsrituale für Menschen und Tiere - Vorabveröffentlichung eines Beitrages von Prof. Franz Weber für das Jahrbuch der Diözese Gurk 2017 zum Thema “Mensch und Tier. Impulse für ein schöpfungsgemäßes Miteinander“ (© Foto: G. Brandstätter / Pfarre Villach St. Nikolai)
„Gott segnete sie“ (Gen 1,22) - Segnungsrituale für Menschen und Tiere - Vorabveröffentlichung eines Beitrages von Prof. Franz Weber für das Jahrbuch der Diözese Gurk 2017 zum Thema “Mensch und Tier. Impulse für ein schöpfungsgemäßes Miteinander“ (© Foto: G. Brandstätter / Pfarre Villach St. Nikolai)
P. Dr. Franz Weber MCCJ, em. Univ. Prof. für Interkulturelle Pastoraltheologie und Missionswissenschaft an der Universität Innsbruck, ist Vikar im Seelsorgeraum Saggen-Mühlau-Arzl (© Foto: Pressestelle)
P. Dr. Franz Weber MCCJ, em. Univ. Prof. für Interkulturelle Pastoraltheologie und Missionswissenschaft an der Universität Innsbruck, ist Vikar im Seelsorgeraum Saggen-Mühlau-Arzl (© Foto: Pressestelle)

Tiere nehmen im Leben vieler Menschen einen besonderen Platz ein. Die Achtung vor dem Tier als Geschöpf Gottes, die Menschen früherer Generationen in den bäuerlichen Gesellschaften eigen war, ist heute in einer zunehmend industrialisierten Landwirtschaft weithin verloren gegangen. Es gibt jedoch Anzeichen dafür, dass in unserer Zeit eine Neubesinnung auf die „ewige Verbindung“ (Sven Henkler) zwischen Mensch und Tier im Gange ist, die auch zu einer neuen Art von Volksreligiosität führt. Viele Menschen setzen sich für die Bewahrung der Schöpfung ein und entwickeln dabei auch ein tieferes Gespür für einen schöpfungsgemäßen und dankerfüllten Umgang mit Tieren, für die sie den Segen Gottes erbitten.

Ich bin ein Tierliebhaber und verdanke meine Beziehung zu Tieren der Tatsache, dass ich auf dem Land in kleinbäuerlichen Verhältnissen aufwachsen durfte. Tiere gehörten in diesem Milieu einfach zum Leben. Die Haustiere, die wir besaßen, bildeten für meine Großeltern und Eltern eine Existenzgrundlage: Sie waren Arbeitskräfte und versorgten uns mit dem unbedingt Lebensnot-wendigem.

Sorge um das „liebe Vieh“ in der Volksfrömmigkeit.

Wenn eines der Haustiere krank wurde, riefen wir Gott und bestimmte Heilige um Hilfe an. Von meiner Großmutter und meiner Mutter, die eine geradezu persönliche Beziehung zu jedem Haustier aufbauten und fast jedem – wie im Schöpfungsbericht – einen Namen gaben, habe ich die Ehrfurcht vor jedem Lebewesen gelernt.

Einen interessanten Zugang zur Frage nach dem Verhältnis von Mensch und Tier eröffnet ein Gang durch die faszinierend vielfältige Symbolwelt und religiöse Alltagspraxis der Volksfrömmigkeit. „In der Tat versucht jedes Volk“, so heißt es in einem 2001 von der Kongregation für den Gottesdienst herausgegebenen Direktorium über die Volksfrömmigkeit, „sein aufs Ganze bezogenes religiöses Leben und sein Verständnis von Natur, Gesellschaft und Geschichte durch gottesdienstliche Vermittlungen in einer Synthese auszudrücken, die von großer humaner und spiritueller Bedeutung ist“ (n.10). Die Volksfrömmigkeit ist der Versuch einer religiösen Deutung von Lebenswelten, in denen eine Art Haus- und Schicksalsgemeinschaft zwischen Menschen und Tieren bestand.

Überirdische Helfer auch für Tiere.

Dass man den Rindern, Schafen und Ziegen in manchen Gegenden ein Stück des gesegneten Osterbrotes gab – an diesen Brauch kann ich mich selbst noch erinnern – ist nur eine der vielen Symbolhandlungen, die diese Hereinnahme der Tiere in eine religiös geprägte Lebensgemeinschaft ausdrückten. Weil das Leben der Tiere ständig durch Krankheit und Seuchen und durch die Gewalten der Natur wie Blitzschlag, Lawinen, Felssturz etc. bedroht war, brauchte man angesichts der Ohnmacht gegenüber der Natur mächtige überirdische Helfer, die Haus und Hof, Äcker und Wiesen, Weiden und Almen, Menschen und Tiere unter ihren Schutz nahmen. Auf vielen alten Votivtafeln der Wallfahrtsorte wird immer wieder die tiefe Dankbarkeit, vor allem der „kleinen Leute“, zum Ausdruck gebracht, die sich in Krankheit und Seuchengefahr nicht nur für ihre Familienangehörigen, sondern auch für ihre Haustiere vertrauensvoll an die Gottesmutter und an andere himmlische Nothelfer gewandt und Erhörung gefunden hatten. Am Stamser Hof in Innsbruck wird das Familienwappen der Bauernfamilie noch heute von den Bildern des heiligen Florian und des heiligen Wendelin umrahmt. Darunter steht auf einem Spruchband das vertrauensvolle Glaubensbekenntnis: „Sie sind uns nah, in Glück und Freud, Not und Leid.“

Die bäuerliche Bevölkerung hat ihren Viehbestand himmlischen Kräften anvertraut. Es gab so genannte Viehpatrone (Antonius, Pantaleon), von denen einige (Martin, Georg, Leonhard, Quirinus, Stephanus, Ulrich) vor allem als Pferdeheilige angerufen wurden. Ihnen zu Ehren wurden an bestimmten Tagen des Jahres Flurumgänge oder Flurumritte, heute noch bekannt als Leonhardiritt, Georgiritt, Stephaniritt, veranstaltet, die mit einer Segnung beschlossen wurden.

Tiersegnung als Danksagung für den Bund Gottes mit der Schöpfung.

Neben den Pferdesegnungen gab und gibt es die Segnung von Tieren – je nach Region und Brauchtum verschieden – auch bei anderen Gelegenheiten. In letzter Zeit haben Tiersegnungen vor allem am und um den 4. Oktober, dem Welttierschutztag und dem Fest des heiligen Franz von Assisi, der 1979 durch Johannes Paul II. zum Patron des Umweltschutzes erklärt wurde, stark zugenommen.

Neben dem bäuerlichen Großvieh und Kleinvieh werden in zunehmendem Maß zu den Tiersegnungen Lieblingstiere verschiedenster Art gebracht, die Kindern und Familien, vor allem aber auch einsamen und älteren Menschen ein Stück Lebens- und Beziehungsqualität schenken, die ihnen von ihren Mitmenschen häufig vorenthalten wird.

Was aber ist letztlich der theologische Grund dafür, dass auch auf Tiere der Segen Gottes „herabgerufen“ werden kann? „Durch die Segenshandlung tritt die Welt als die gute Schöpfung ans Licht, als heilige bzw. geheiligte Welt, d. h. als Ort der Gegenwart des Schöpfers, als sein Eigentum, über das der Mensch nicht nach seinem Belieben, für seine selbstsüchtigen Zwecke verfügen kann“ (Reinhard Meßner). Eine solche Schöpfungstheologie wird nicht nur bei traditionell kirchlichen Kreisen Anklang finden, sondern auch bei spätmodernen und eher kirchendistanzierten Umweltschützern und Tierliebhabern. Zur Vermittlung einer ökologischen Spiritualität braucht es aber eine biblisch fundierte, mit alten und neuen Symbolhandlungen angereicherte, kreative, liturgisch ansprechende Gestaltung der Segensfeiern. Menschen, die ihre Tiere segnen lassen wollen, erwarten sich von den Kirchen nicht nur ein paar Tropfen Weihwasser. Segensrituale können eine Antwort auf eine tiefe und oft unausgesprochene Sehnsucht des Menschen nach einer Deutung seiner Beziehung zu den Tieren sein, die nicht mehr als „Nutzvieh“ gesehen und „verwertet“ werden, sondern als Geschöpfe Gottes vom Menschen einen Namen erhalten, der sie wertvoll macht und zu „Lebensgefährten“ werden lässt.

Das Benediktionale, das als Studienausgabe in den katholischen Bistümern des deutschen Sprachraumes schon seit 1987 im Gebrauch ist, bietet Anregungen für die Auswahl biblischer Lesungen. Es enthält allerdings nur ein einziges Segnungsformular, das ausschließlich die landwirtschaftliche Tierwelt im Blick hat.

Gottes ewiger Bund mit Mensch und Tier.

Da sich Tiersegnungen auch in den evangelischen Kirchen zunehmender Beliebtheit erfreuen, steht nichts im Wege, dass man sich in den Gemeinden grundsätzlich zu einer ökumenischen Segenspraxis entschließt, für die es aber der Ausarbeitung gemeinsamer liturgischer Texte b-darf. Tiersegnungen aller Art dürfen nicht zu Events einer verwaschenen Esoterik mit eindeutig touristischer Zielsetzung verkommen. In der biblischen Noah-Erzählung schließt Gott mit Menschen und Tieren einen ewigen Bund (Gen 9, 9-17) und macht sich selbst zum Anwalt gegen ihre Zerstörung, damit sie füreinander ein Segen bleiben. Welche Botschaft könnte angesichts der weltweiten Zerstörung der Umwelt und Mitwelt des Menschen aktueller sein?

 

  • Beitrag von Franz Weber für das im November erscheinende Jahrbuch der Diözese Gurk 2017 zum Thema "Mensch und Tier. Impulse für ein schöpfungsgemäßes Miteinander".