Interpretation des Reliquiars von Carlo Acutis in der Markuskirche
von Stadtpfarrer Christoph Kranicki
Die Stadt Wolfsberg mit der Reliquie des Carlo Acutis ist Teil eines internationalen Netzwerks seiner Verehrungsstätten und markiert einen neuen Punkt auf der Karte der Pilgerorte in Österreich. Täglich besuchen Menschen die Markuskirche, um vor dem Reliquiar zu beten und in stiller Andacht innezuhalten.
Interpretation
Die Apostelgeschichte berichtet von Ereignissen, die auf eine besondere Zuwendung Gottes im Hinblick auf religiöse Gegenstände hinweisen. So heißt es über Paulus: „Und Gott wirkte ungewöhnliche Wunder durch die Hände des Paulus, sodass man sogar Schweißtücher oder Kleidungsstücke von seinem Leib auf die Kranken legte, und die Krankheiten wichen von ihnen, und die bösen Geister fuhren aus“ (19, 11-12).
Auch von Petrus wird Ähnliches berichtet – dass sein Schatten beim Vorübergehen Kranke heilte: „Sodass sie die Kranken sogar auf die Straßen hinaustrugen und auf Betten und Bahren legten, damit, wenn Petrus käme, wenigstens sein Schatten auf einen von ihnen fiele“ (5,15). Bereits hier lässt sich ein früher Ausgangspunkt für die spätere Reliquienverehrung in der Kirche erkennen.
Die Markuskirche bewahrt mehrere Reliquien, darunter eine des Carlo Acutis – eine Reliquie ersten Grades: Haare (ex capillis), eingeschlossen in einer Kapsel. Für diese schuf der Künstler von internationalem Rang, Mariusz Drapikowski, in seinem Atelier in Danzig ein modernes Reliquiar, um die Botschaft des Lebens von Carlo Acutis anschaulich werden zu lassen.
Das Zentrum dieses Kunstwerks bilden drei Elemente zugleich: (1) eine große weiße Hostie – Symbol der Eucharistie, Korpus Christi –, (2) das Kreuz (ohne Korpus) und (3) die Kapsel mit der Reliquie des Carlo Acutis. Diese drei Bestandteile sind untrennbar miteinander verbunden und bilden eine Einheit. In ihnen spiegeln sich die Worte des Evangeliums wider: „Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz“ (Mt 6,21). Carlo bezeugte mit seinem ganzen Lebensstil: Mein Schatz ist nicht diese Welt – nicht Geld, Erfolg oder Anerkennung. Mein Schatz ist Jesus Christus. Eines seiner Zitate lautet: „Immer mit Jesus vereint zu sein – das ist mein Lebensprogramm.“ Dies wird auf eindrucksvolle Weise im Reliquiar sichtbar.
Die weiße Hostie – der Leib Christi – war für ihn wie ein direkter Weg in den Himmel. Er sagte selbst: „Die Eucharistie ist meine Autobahn in den Himmel.“ Untrennbar mit dieser steht das Kreuz – das Opfer Christi – verbunden, symbolisiert durch rote Rubinsteine, die auf das kostbare Blut Jesu hinweisen. Die strahlend weiße Hostie und die kostbaren Bluttropfen verweisen auf die eucharistischen Wunder, die Carlo zutiefst faszinierten. Durch die symbolische Reliquie – seine Haare, ein Teil seines Leibes – ist er mit der Eucharistie, die das Zentrum seines Lebens war, wie auch mit dem Kreuz Jesu und dessen sich verschenkender Liebe zutiefst vereint.
Jesus am Kreuz wurde durch die Lanze durchbohrt – sein Herz wurde zur Quelle des Lebens der Kirche. Wie es in einer Präfation heißt: „Aus seiner geöffneten Seite strömen Blut und Wasser, aus seinem durchbohrten Herzen entspringen die Sakramente der Kirche.“ Carlo suchte dieses Herz Jesu. Er fühlte sich ihm in besonderer Weise verbunden. In Assisi wird er daher auch wie der Lieblingsjünger Johannes dargestellt – jener, der beim Letzten Abendmahl an der Brust Jesu ruhte. All dies findet seinen symbolischen Ausdruck in dem Reliquiar: Die Kapsel mit seinen Haaren ruht auf dem Kreuz und auf der Eucharistie. So ist Carlo in seiner Hingabe untrennbar mit Jesus vereint – auch jetzt, als Heiliger im Himmel, wo er für die Menschen Fürsprache hält.
Das Kunstwerk zeigt die Worte Jesu: „Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht; denn getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen“ (Joh 15,5). Papst Leo XIV. sagte am Pfingstmontag 2025, dem Gedenktag der Mutter der Kirche: „Die gesamte Fruchtbarkeit der Kirche hängt vom Kreuz Christi ab. Andernfalls ist es nur Schein – wenn nicht Schlimmeres.“ Er zitierte zudem den großen Theologen Hans Urs von Balthasar, der schrieb: „Ist die Kirche der Baum, der aus dem kleinen Senfkorn des Kreuzes hervorging, so ist dieser Baum bestimmt, selbst wieder Senfkörner zu tragen – Früchte also, die die Gestalt des Kreuzes wiederholen, weil sie sich ihm verdanken.“ Das Reliquiar veranschaulicht diese Dimension der Fruchtbarkeit der Kirche – noch mehr: Es zeigt, dass sie von der Quelle ausgeht. Diese Quelle ist die Vereinigung mit Jesus am Kreuz und mit seinem Herzen in der Eucharistie. Dort liegt auch der Ursprung aller Heiligkeit – in der Gleichförmigkeit mit Christus.
Die menschliche Natur, das Leben Carlo Acutis’, wurde durch das Kreuz und durch die würdig, mit reinem Herzen empfangene Eucharistie, Christus gleichgestaltet. Es wurde selbst zur Wurzel, aus der neue Verbindungen hervorgehen – dargestellt durch Körner, die Fruchtbarkeit und Weitergabe symbolisieren. Umgekehrt gilt auch: Nur durch die innige Verbindung mit dem Zentrum ist garantiert, dass das Leben wahre Frucht bringt.
Papst Leo XIV. betonte: „Der beste Weg, der Kirche zu dienen, besteht im Bemühen, heilig zu sein – jeder von uns gemäß seinem jeweiligen Lebensstand und der ihm anvertrauten Aufgabe.“ Durch das Zeugnis seines Lebens trägt Carlo Acutis zur Fruchtbarkeit der Kirche im 21. Jahrhundert bei.
Die Fruchtbarkeit seines Lebens – so zeigt es das Reliquiar – ist verbunden mit der Gnade, die zusammen mit dem Blut und Wasser, den Symbolen der Sakramente, aus dem durchbohrten Herzen Jesu strömt. So hat er selbst die Worte verwirklicht, die er verkündet hat: „Jeder Mensch wird als Original geboren, aber viele sterben als Fotokopien.“ Er suchte die ihm von Gott zugedachte, originelle Vision seines Lebens im großen Plan Gottes – und machte daraus ein einzigartiges Geschenk, das viele inspiriert.
Das gesamte Kunstwerk gleicht einer Festplatte – mit einem Zentrum und eingehenden wie ausgehenden Verbindungen. Es erinnert zunächst an seine Begabung als Computerexperte und Gründer von Webseiten, die bis heute der Evangelisation dienen.
Zugleich ist es ein Bild der heutigen Welt, die online vernetzt ist – und in der diese Mittel nicht der Spaltung und dem Hass dienen sollen, sondern dem Dialog und der gegenseitigen Verbundenheit. In dieser digitalen Welt soll Gott den zentralen Platz einnehmen, gemäß den Worten des heiligen Augustinus: „Wenn Gott an erster Stelle steht, ist alles andere am richtigen Platz.“
Die digitale Welt kann das Herz verwirren und beunruhigen. In einer Zeit des ständigen Wandels kann der Mensch schnell die Orientierung verlieren. Das Reliquiar zeigt: Die Quelle von Ruhe, Beständigkeit und Ordnung inmitten des Chaos ist allein Gott – als fester Anker und ewige Konstante. So beschreibt es wiederum der heilige Augustinus: „Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir, o Gott.“ Das Reliquiar ist daher wie ein Fenster, das den Blick nicht auf sich selbst lenkt, sondern auf die göttliche Wirklichkeit, die im Leben des Carlo Acutis aufleuchtete.
Text: Christoph Kranicki
Gebet vor dem Reliquiar des Carlo Acutis in der Markuskirche
Herr Jesus Christus, Sohn des lebendigen Gottes,
gegenwärtig im Allerheiligsten Sakrament,
gegenwärtig im Zeichen des Kreuzes,
gegenwärtig im Leben von Carlo Acutis –
wir treten ehrfürchtig vor dieses Reliquiar,
das wie ein lebendiger Schrei in die Welt ruft:
Du allein bist der Schatz, der alle Schätze dieser Welt überstrahlt.
Wir bitten dich: Sende deinen Geist aus, und das Antlitz der Erde wird neu!
Heiliger Carlo, Apostel der Eucharistie,
du hast erkannt, dass Christus lebendig ist – verborgen im Leib und Blut des Altarsakramentes,
strahlend im Opfer des Kreuzes.
Erbitte uns ein Herz wie das deine:
ein Herz, das sich nicht blenden lässt vom Glanz der Welt,
ein Herz, das wahrhaft liebt,
ein Herz, das sich Gott ganz hingibt,
ein Herz, das wie deines brennt –
für Jesus, für die Wahrheit, für die Heiligkeit.
Du, der du die „Autobahn zum Himmel“ in der Eucharistie gefunden hast,
führe auch uns auf diesem Weg.
Hilf uns, nicht nur Gläubige zu sein,
sondern Liebende – Liebende Christi,
die ihn erkennen im gebrochenen Brot,
in den Wunden der Welt
und in den Armen und Bedürftigen.
Lehre uns, das Internet, die Medien,
unsere Zeit, unsere Talente – alles, was wir sind und haben –
in den Dienst des Evangeliums und der Gemeinschaft zu stellen,
so wie du es getan hast.
Segne alle, die vor diesem Reliquiar stehen,
mit einer neuen Sehnsucht nach Heiligkeit.
Rühre jene an, die müde geworden sind.
Heile die, die verletzt oder verloren sind.
Ermutige die Jugend,
ermutige die Suchenden,
ermutige uns alle –
mit deiner Freude, deinem Licht, deinem unerschütterlichen Glauben.
Heiliger Carlo,
du warst jung – und du warst groß in Gott.
Bitte für uns,
dass auch unser Leben ein Original wird
und kein Abbild der Angst oder des Kompromisses.
Jesus, unser Herr,
wie du Carlo gerufen hast, so rufe auch uns.
Wie du ihn erfüllt hast, so erfülle auch uns.
Wie du ihn heilig gemacht hast, so heilige auch uns –
zur Ehre deines Namens
und zum Segen deiner Kirche. Amen.
Text: Christoph Kranicki