„Eine Liebe, die nährt und nicht verarmen lässt“
Predigt von Stadtpfarrer Christoph Kranicki zum Jahreswechsel 2025/26
Am Beginn des neuen Kalenderjahres verehren wir Maria als die Mutter Gottes. Und wenn der Name Gottes „Liebe“ ist, dann ist Maria die Mutter der Liebe.
Mir scheint, dass dieses Thema auf besondere Weise das Jubiläumsjahr abschließen und zugleich das neue Jahr eröffnen kann. Denn wo Gott ist, der die Liebe ist (1 Joh 4,8), dort ist auch Hoffnung. Dort aber, wo die menschliche Liebe mit der Liebe Gottes gleichgesetzt wird – oder wo man die Liebe Gottes auf bloß menschliche Liebe reduziert –, dort fehlt die Hoffnung. Die Liebe Gottes hingegen ist immer mit Hoffnung verbunden. Darum habe ich zwei Bitten an uns.
Erstens: Beten wir nicht nur um Gesundheit, um Segen, Frieden, um die Erfüllung unserer alltäglichen, oft sehr irdischen Bedürfnisse. Beten wir vielmehr häufiger um die Liebe. Um die Liebe Gottes. Um seine Liebe in unseren Häusern und Familien, in unseren Beziehungen, in unserer Gesellschaft. Das Gebet um die Liebe Gottes vermag uns zu vereinen, Barrieren zu überwinden, uns zu versöhnen und wirklich miteinander zu sein. Das Gebet um die Liebe öffnet unsere Augen, die durch Egoismus oft verschlossen sind. Es befreit uns von falschen Bildern und falschen Erwartungen an die Liebe. Das Gebet um die Liebe Gottes erfüllt unsere Herzen mit Frieden und Hoffnung.
Und die zweite Bitte: Seien wir Zeugen dieser Liebe! Wenn wir um die Liebe Gottes in unserer Gesellschaft beten, dann werden wir uns auch um diese wahre – und nicht um eine falsche – Liebe bemühen. Dann werden wir - in aller Ehrlichkeit - bereit sein zu lieben und nicht nur zu nehmen und zu erwarten. Wir werden nicht nur an uns selbst denken, sondern das wahre Wohl des anderen suchen. Wir werden den Menschen nicht als Mittel zur Erreichung unserer eigenen Ziele und unserer eigenen Zufriedenheit benutzen.
Ich bin davon überzeugt: Das tägliche Gebet um die Liebe Gottes wird bewirken, dass wir ein Zeichen des Vertrauens für die Gesellschaft von heute sein können. Denn Kirche – das sind nicht die anderen. Und authentisch sind wir als Kirche nur dann, wenn wir uns um die Liebe Gottes bemühen, wenn unser Leben um seine Liebe kreist – nicht um unsere eigene Liebe, nicht um die Liebe zu uns selbst.
Nur so werden wir glaubwürdig. Nur so werden wir zu einem Zeichen des Vertrauens, wenn die Liebe Gottes in unserem Zentrum steht.
Die Welt von heute braucht eine Liebe, die nährt und nicht verarmen lässt, die sich schenkt und nicht aussaugt.
Eine Liebe, die aufrichtet und nicht brandmarkt oder bedroht.
Eine Liebe, die Leben schenkt und nicht nimmt. Eine Liebe, die nicht in die Armut des Herzens führt.
Eine Liebe, die bereit ist zu leiden und nicht nur im Tanz der Freude aufzugehen.
Eine Liebe, die ihr Maß in Gott sucht und nicht in eigenen Entwürfen, die allzu oft Illusionen sind – trügerische Abbilder einer scheinbar opferbereiten Liebe, die weder dem Willen noch der Vision Gottes für den Menschen entspricht.
Möge die Gottesmutter, die Mutter der Liebe, die „Mutter der schönen Liebe“, uns Vorbild der Demut sein. Sie, die unter dem Kreuz stand, hat das offene Herz Gottes gesehen. Möge sie uns leiten. Möge sie uns vor Selbstsucht und Kurzsichtigkeit bewahren. Sie bewahre unsere innere Klarheit. Möge sie uns an jedem Tag des neuen Jahres als Mutter der Liebe begleiten.
Ihr weihen wir heute unsere Zukunft und jede und jeden von uns. Heute weihe ich ihrem Herzen, voll der Liebe Gottes, alle mir anvertrauten Menschen.
Maria, Mutter der Liebe, bitte für uns und begleite uns! Amen.