Ein weiter Weg – eine neue Aufgabe
Von Uganda über Rom nach Kärnten: Dr. Charles Lwanga Mubiru über seinen Weg, seinen Glauben und seine neue Aufgabe als Pfarrer und Leiter des Pfarrverbandes Spittal.
Wer Pfarrer Dr. Charles Lwanga Mubiru begegnet, trifft auf einen Seelsorger mit einem bemerkenswerten Lebensweg. Aufgewachsen in Uganda, Studium in Rom, Promotion in Deutschland, viele Jahre Seelsorge in Kärnten und nebenbei Gründer einer Motorradgruppe namens „Heavens Angels“.
Ab September übernahm er die Leitung unseres Pfarrverbandes. Grund genug, ihn etwas näher kennenzulernen. Wir haben mit ihm über Kindheit und Berufung, über Glauben und Theologie, über Kärntner Eigenheiten und Motorräder sowie über seine Hoffnungen für die Zukunft unserer Pfarren gesprochen.
Sie stammen aus Uganda und sind in einer Großfamilie aufgewachsen. Auch die Kriegsjahre haben Ihre Kindheit geprägt. Wie haben diese Erfahrungen Ihren Glauben und Ihren Blick auf die Menschen beeinflusst?
Meine Kindheit und die große Familie, in der ich aufgewachsen bin, haben meinen Glauben und mein Leben tief geprägt. Ich bin als siebtes von elf Kindern aufgewachsen.
Jeden Morgen und jeden Abend versammelten wir uns als Familie zum Gebet. Jeden Sonntag gingen wir in unseren Sonntagskleidern fünf Kilometer zu Fuß zur Pfarrkirche, um die Heilige Messe mitzufeiern. Schon früh wurden in unserer Familie die Samen des Glaubens gesät und gepflegt. Von meinen Eltern habe ich gelernt, Gott, die Kirche und den Glauben zu lieben.
In unserer Familie wurden Freude und Leid gemeinsam getragen. Schon als Kinder lernten wir, zusammenzuhalten – nicht nur innerhalb der eigenen Familie, sondern auch in der Großfamilie und in der Dorfgemeinschaft. Als jüngerer Bruder bekam ich oft die Kleidung und Schuhe meiner älteren Brüder, die ihnen nicht mehr passten, und nahm sie dankbar an. So habe ich schon früh erfahren, wie schön und wertvoll Teilen und Dankbarkeit sind. Diese Erfahrung prägt mein Leben bis heute.
Unser Haus war immer offen für andere Menschen. Meine Mutter kochte oft für zwanzig oder noch mehr Personen. Deshalb ist es mir auch heute in meinem priesterlichen Dienst wichtig, dass das Pfarrhaus ein offenes Haus für alle Menschen ist.
Die Kriegsjahre Ende der 1970er- und in den 1980er-Jahren waren sehr schwer. Wir erlebten Gewalt, Hunger, Angst und große Not. Oft schliefen wir im Busch oder im Wald und hörten nachts Schüsse und Kanonen. Diese Erinnerungen bleiben. Aber ich habe auch erlebt, wie Menschen trotz allem zusammenhielten und das Wenige, das sie hatten, miteinander teilten. Gerade diese Erfahrungen haben mich gelehrt, Menschen in Not nicht allein zu lassen. Gleichzeitig haben die Kriegsjahre meinen Glauben tief geprägt. Inmitten von Angst und Unsicherheit beteten wir inständig zu Gott, dass er den Krieg beende, uns beschütze und uns durch diese schwere Zeit begleite. Rückblickend bin ich dankbar, sagen zu können: Gott hat unsere Gebete erhört und uns durch all diese Jahre getragen.
Die Berufung kommt oft unerwartet. Wann wurde Ihnen klar, dass Ihr Weg nicht in einen gewöhnlichen Beruf, sondern ins Priesterseminar führen würde?
Ich bin in einer sehr gläubigen Familie aufgewachsen und durfte schon als Kind Ministrant sein. Damals entstand in mir der Wunsch, selbst einmal Priester zu werden und den Menschen mit Freundlichkeit und Offenheit zu begegnen.
Mit 13 Jahren trat ich ins Kleine Priesterseminar ein. Ehrlich gesagt war mir damals noch nicht bewusst, was das Priestertum wirklich bedeutet. Aber Schritt für Schritt wurde der Ruf Gottes auf meinem Weg immer klarer.
Vom Herzen Afrikas nach Rom und Deutschland. Welche Erinnerungen und Erfahrungen aus Ihrer Studienzeit tragen Sie bis heute mit sich?
1996, nach meinem dreijährigen Philosophiestudium in Uganda, schickte mich mein Bischof nach Rom zum Theologiestudium an der Päpstlichen Universität Urbaniana. Es war für mich ein großes Geschenk, im Zentrum unseres Glaubens studieren zu dürfen. Tief beeindruckte mich der Gedanke, auf denselben Straßen zu gehen wie die Apostel Petrus und Paulus. Besonders gerne betete ich an ihren Gräbern.
Das Collegio Urbano und die Universität waren für mich ein beeindruckendes Bild der Weltkirche. Studierende aus vielen Nationen lebten und lernten miteinander. Ein besonderer Höhepunkt war das Heilige Jahr 2000, als ich als Diakon bei der Chrisammesse im Petersdom mit Papst Johannes Paul II. dienen durfte. All diese Erfahrungen haben meinen Glauben und meinen Blick auf die Kirche nachhaltig vertieft.
Sie sind nicht nur Pfarrer, sondern auch Doktor der Theologie. Womit haben Sie sich in Ihrer Dissertation beschäftigt, und können Sie das auch Nicht-Theologen in zwei Sätzen erklären?
Nach meiner Priesterweihe im Jahr 2001 war ich zunächst als Kaplan in meiner Heimatdiözese tätig. Zwei Jahre später schickte mich mein Bischof nach Deutschland, wo ich Moraltheologie studierte und promovierte. Der Titel meiner Dissertation lautete: „The Uganda Martyrs and the Need for Appropriate Role Models in Adolescents' Moral Formation: As Seen from the Traditional African Education.”
In meiner Dissertation beschäftigte ich mich mit der Werteerziehung von Kindern und Jugendlichen. Vereinfacht gesagt wollte ich zeigen, dass junge Menschen gute Vorbilder brauchen, an denen sie lernen können, wie ein gelungenes und verantwortungsvolles Leben aussieht.
Von Uganda über Italien, Deutschland nach Kärnten, das ist ein weiter Weg. Was schätzen Sie besonders an den Kärntnerinnen und Kärntnern?
Während meiner Priesterausbildung dachte ich, dass mein Weg mich dauerhaft in meine Heimatdiözese führen würde. Doch Gott hatte andere Pläne.
An den Kärntnerinnen und Kärntnern schätze ich besonders ihre Liebe zu ihren Bräuchen und Traditionen. Sie pflegen ihre Wurzeln, feiern gerne Gemeinschaft und bewahren vieles, was über Generationen gewachsen ist.
Mallnitz, Flattach, Teuchl und Klagenfurt waren wichtige Stationen Ihres Wirkens. Welche Erfahrungen und Erkenntnisse nehmen Sie aus diesen Pfarren mit?
Jede Pfarre hat ihren eigenen Charakter. In den kleinen Bergpfarren habe ich die große Verbundenheit der Menschen erlebt und eine intensive Pflege ihrer Bräuche und Traditionen, in Klagenfurt die Vielfalt und manchmal die Anonymität einer Stadtpfarre. Überall habe ich gelernt: Kirche lebt von Beziehungen, vom Zuhören und vom gemeinsamen Glauben.
Nun zu einem etwas schnelleren Thema. Man sagt Ihnen nach, dass Sie ein begeisterter Motorradfahrer sind. Mit den „Heavens Angels“ in Klagenfurt haben Sie sogar eine Motorradgruppe gegründet. Wie kommt ein Priester auf eine solche Idee?
Motorradfahren bedeutet für mich Freiheit, Natur und Begegnung. Die Idee war ganz einfach: Menschen zusammenzubringen, die gerne Motorrad fahren und zugleich offen sind für Gemeinschaft, Gebet und gegenseitige Unterstützung.
So ist aus einem Hobby eine kleine seelsorgliche Gemeinschaft entstanden. Die Gruppe, die ich gemeinsam mit zwei Freunden ins Leben gerufen habe, zählt mittlerweile mehr als 40 Mitglieder. Jeden zweiten Montag im Monat treffen wir uns an unserem Stammtisch.
Besonders freut es mich, dass sich der 1. Mai als Tag der Motorradsegnung fest etabliert hat. Inzwischen kommen mehr als 80 Motorräder zur Segnung. Das zeigt, wie sehr Gemeinschaft, Glaube und die Freude am Motorradfahren Menschen verbinden können.
Ein neuer Wirkungsort bedeutet immer auch einen Neuanfang. Worauf freuen Sie sich besonders, wenn Sie an Ihre neue Aufgabe denken?
Veränderungen gehören zum Leben und sie eröffnen immer wieder neue Möglichkeiten. Ich freue mich besonders auf die Begegnungen mit den Menschen, auf den gemeinsamen Weg des Glaubens und darauf, die Pfarren Schritt für Schritt kennenzulernen. Gemeinsam können wir das pfarrliche Leben gestalten und weiterentwickeln.
Und zum Abschluss die vielleicht wichtigste Frage. Was dürfen die Menschen von ihrem neuen Pfarrer erwarten, und was wünschen Sie sich umgekehrt von Ihren neuen Pfarrgemeinden?
Die Menschen dürfen einen Pfarrer erwarten, der zuhört, erreichbar ist und den Glauben mit ihnen leben und teilen möchte. Ich wünsche mir im Gegenzug offene Herzen, Annahme und Vertrauen, ehrliche Begegnungen und die Bereitschaft, gemeinsam Verantwortung für unsere Pfarrgemeinden zu übernehmen. Denn Kirche lebt und wächst durch das Miteinander.