Wie viele Grenzen braucht das Land?

Kärnten frei und ungeteilt? 1918 – 2018: Wie Grenzen eine Region prägen: Eine Diskussionsveranstaltung bei der Hermagoras

Grenzen in der Spannung zweier Weltkriege und der Europäischen Union, veranschaulicht durch eigene und Familienerfahrungen: ein runder Tisch mit entgrenzenden Beiträgen.

von Georg Haab

Am Dreiländereck (Foto: Gotthardt)
Am Dreiländereck (Foto: Gotthardt)

„Die darauffolgende Diskussion mit den Zollbeamten überschritt die Grenzen des Anstands“, resümierte letzten Donnerstag im Joško-Tischler-Saal des Hermagoras-Hauses der ehemalige Nationalratspräsident Heinrich Neisser eine Grenzerfahrung aus den 1990er-Jahren bei der Einreise nach Österreich. Und machte damit anschaulich, dass der Blick auf Staatsgrenzen allein zu wenig ist.
Aber zurück zu geografischen Grenzen und zum Beginn der Veranstaltung: „1918 wurde der Kärntner Grenzlandmythos geschaffen, 2018 ist es an der Zeit, ihn zu überwinden“, umriss Karl Hren, Direktor der Hermagoras, den Hintergrund der Veranstaltungsreihe „Gemeinsam/skupno 2020“, die am 4. Oktober mit einem hochkarätig besetzten runden Tisch eröffnet wurde. Er erinnerte daran, wie 1919 im Staatsvertrag von St. Germain am grünen Tisch die Grenzen Österreichs neu festgelegt wurden. Dörfer, Familien, Höfe wurden dabei zerrissen, auch der Hermagoras-Verlag.

Grenzstein bei Lavamünd (Foto: David Zwitter)
Grenzstein bei Lavamünd (Foto: David Zwitter)


Von Grenzen zu Brücken
Dementgegen sei heute eine Zeit, Brücken zu bauen, wie es z. B. in der Hermagoras-Schule geschehe, in der Deutsch und Slowenisch gleichberechtigt nebeneinander unterrichtet werden. Dem pflichtete auch Sigrid Berka, Botschafterin der Republik Slowenien, bei und betonte die Rolle, die die Kärntner Slowenen bei der österreichisch-slowenischen Verständigung spielen.
Historiker Manfried Rauchensteiner rief die Situation nach Ende des Ersten Weltkrieges in Erinnerung: Im Wesentlichen auf dem Verhandlungsweg konnte Einigung über die Grenzen erreicht werden, nach dem Kärntner Abwehrkampf durch die Volksabstimmung auch über die Südgrenze. Nach dem Zweiten Weltkrieg bestanden innerhalb Österreichs durch die vier Besatzungszonen wieder neue Grenzen, deren Überschreiten teilweise bis zum Staatsvertrag 1955 nicht mühelos war.
Raimund Grilc beschrieb, wie sein Heimatdorf Lokowitzen/Lokovica von der Grenzziehung 1919 betroffen wurde: Drei der ca. 30 Liegenschaften blieben bei Österreich, die übrigen kamen 1919 zu Jugoslawien. Bis vor einigen Jahrzehnten war das durchaus brisant, veranschaulichte er am Beispiel eines Schulausfluges, bei dem einige Gymnasiasten um einen Grenzstein herumgingen – und prompt von den plötzlich auftauchenden jugoslawischen Grenzpolizisten samt ihrer Professorin abgeführt wurden. Ein Umdenken gab es um 1991, als Slowenien die Unabhängigkeit ausrief und ein zweiwöchiger Krieg folgte: nahm die slowenischen Nachbarn jenseits der Grenze weniger als Feind und wieder mehr als Nachbarn wahr, der von Serbien aus bedroht wurden.
Eine gänzlich andere Sicht steuerte der aus Kötschach-Mauthen stammende Heinz Hofer bei: Seine Großeltern kamen ursprünglich aus Kötschach-Mauthen. 1906 übernahm sein Großvater, Heinrich Koban, die Stelle des Gemeindearztes in Tarvis, wo er 1920 wegen mangelnder Italienisch-Kenntnisse gekündigt und 1922/23 schließlich ausgewiesen wurde – er wurde sozusagen ohne Flucht zum Flüchtling.

Am „runden“ Tisch: Heinz Hofer, Manfried Rauchensteiner, Kathrin Stainer-Hämmerle, Heinrich Neisser, Raimund Grilc (Foto: Haab)
Am „runden“ Tisch: Heinz Hofer, Manfried Rauchensteiner, Kathrin Stainer-Hämmerle, Heinrich Neisser, Raimund Grilc (Foto: Haab)


Grenzerfahrungen in Europa
Der schon eingangs zitierte Heinrich Neisser, vor und nach seiner politischen Tätigkeit Politikwissenschaftler mit Schwerpunkt Europa, beschrieb die mühsamen Grenzkontrollen, die er auf dem Weg von seinem Wohnort Wien zur Lehrtätigkeit in Innsbruck regelmäßig über sich ergehen lassen musste. 1995, als Österreich dem Schengen-Vertrag beitrat, sei eine Zeit des regelrechten „Schwebens“ gefolgt. Mittlerweile erinnere manches wieder an die Jahre davor. Neisser erinnerte daran, dass ein grenzenloses Europa immer eine Utopie war: Um das Aufgeben der Grenzen sei es nie gegangen, wohl aber um ein friedliches Europa, in dem Grenzen keine Rolle mehr spielen. Dazu gehören die Freiheit der Bewegung, ein gemeinsamer Binnenmarkt und eine Unionsbürgerschaft, die seit den Verträgen von Maastricht die Staatsbürgerschaft ergänzt. Interessant war seine Feststellung, dass in den Amsterdamer Vertägen (1999) die solidarische, vereinheitlichte Lösung der Migrationsfrage festgeschrieben ist, aber nicht umgesetzt wurde.
„Wie viel Grenzen braucht Europa, die Staaten, der Mensch?“, fragte Moderatorin Stainer-Hämmerle abschließend. Grenzen seien natürlich und notwendig für jedes Zusammenleben, bilanzierten die Teilnehmer. Die Erfahrung eines gemeinsamen, freien Europas sei äußerst wertvoll, aber alles andere als selbstverständlich.