Von Macht zu Miteinander: Dialog als Quelle der Versöhnung
Erwin Neumann, evangelischer Theologe, über die Einheit der Christen und der Religionen
Der evangelische Theologe Erwin Neumann im Gespräch mit Georg Haab über die Einheit der Christen und der Religionen - und warum die Ausgegrenzten dabei unsere Lehrmeister sind


Herr Pfarrer, Sie leben in Wien, haben aber von früher einen starken Kärnten-Bezug?
Neumann: Ich bin in der Steiermark geboren und aufgewachsen, habe aber sieben Jahre lang mit meiner Familie in Kärnten gelebt und als evangelischer Pfarrer gewirkt. Deshalb bin ich gerne der Einladung von Sr. Andreas gefolgt, bei diesem Seminar in Wernberg über Rechte und Würde des Menschen zu referieren.
Wir stehen in der Woche der Einheit der Christen. Wie nehmen Sie diese Einheit wahr?
Neumann: Von meiner Kindheit bis jetzt hat sich vieles verändert, und zwar zum Positiven. Als Kind gehörte ich in Bruck an der Mur zu den wenigen Evangelischen unter der großen Mehrheit von Katholiken, und weil es für meinen Vater wichtig war, dass wir regelmäßig zur Kirche gingen, war das auch sichtbar. Dadurch waren wir „die anderen“, manchmal auch wie feindliche Brüder. Da zu überleben, war für die evangelischen Familien nicht leicht. Seitdem ist vieles geschehen: Beispielsweise in Pinkafeld, wohin meine Familie und ich von Kärnten aus übersiedelten, haben wir von Anfang an mit den Mitgliedern der katholischen Pfarre ausgesprochen gute Kontakte gehabt.
Was schmerzt Sie am meisten?
Neumann: Wenn Menschen Andersgläubige nicht respektieren und sie ausgrenzen. Da hat sich allerdings in den letzten Jahrzehnten vieles zum Positiven geändert. Dass ich Militärseelsorger geworden bin, hängt mit meiner Kindheit zusammen. Mein Vater war Gendarm, da waren Gerechtigkeit und Ordnung wichtig. Polizei, Richter, auch das Militär waren dafür zuständig. Darüber habe ich als Jugendlicher nie nachgedacht, das war selbstverständlich. Bei uns ist es auch immer sehr gerecht zugegangen, Belohnung und Strafe und so, und der irdische Vater war sozusagen das Abbild des himmlischen: Dort ging es auch um den Herrscher und Richter, der belohnt und bestraft. Im Glaubensbekenntnis finden sich die Entsprechungen zu diesem Weltbild, wenn Gott als der Allmächtige mit Macht und richterlicher Gewalt in Verbindung gebracht wird. Der liebende Aspekt war zwar auch vorhanden, aber nicht so ausgeprägt ...
Wenn ich einen Menschen erniedrige, weil ich mich für überlegen halte, nehme ich ihm Würde.
Wie hat sich Ihr Glaube seitdem verändert?
Neumann: Beim Militär hatte ich die Gelegenheit, Matura zu machen, evangelische Theologie zu studieren und dadurch mein Verhältnis zur Religion zu vertiefen. So bin ich Militärseelsorger geworden. Inzwischen hatte ich geheiratet, und wir haben vier Kinder bekommen. Die Auseinandersetzung mit den Erfordernissen moderner Erziehung, aber auch mit Theologen wie Kierkegaard, Barth, Bonhoeffer und Drewermann hat mich begleitet. Das hat mich aber immer mehr in Distanz gebracht zu diesen traditionellen Herrschaftsstrukturen, Befehl und Gehorsam. Ich hatte das Gefühl, dass das in Kirche und Staat fast das Gleiche war. In Wernberg habe ich bei einem Seminar des Internationalen Versöhnungsbundes Hildegard Goss-Mayr, Sr. Andreas und Beppo Mandl kennengelernt. Dabei habe ich etwas wahrgenommen, was in mir schon längst da war, nämlich dass man Gewalt nicht mit Gewalt verhindern kann. Wenn man mit Gewalt beginnt, endet man immer mit Gewalt bzw. mit Gegengewalt. Auch wenn die Gewalt eingesetzt wird, um Schutzbedürftige zu beschützen, ändert das nichts daran, dass damit weitere Gewalt aufgebaut wird. Ich habe Verschiedenes versucht: Gewalt lässt sich nur durch Versöhnungsarbeit verhindern.
Können Sie das an einem Beispiel erläutern?
Neumann: Es ist eine Tatsache, dass die Religionen und Kulturen sehr häufig die Ursache von Konflikten und Kriegen sind. Speziell die monotheistischen Religionen, also Judentum, Christentum und Islam, tun sich immer wieder schwer, sich der Gewalt zu enthalten. Da ist es ganz wichtig, dass die Menschen lernen, miteinander zu leben – und zwar nicht die „Bosse“, sondern die Menschen an der Basis. Deshalb habe ich vor zwölf Jahren die „Plattform für Interreligiöse Begegnung“ gegründet, um das Klima des gegenseitigen Misstrauens zu verändern und Menschen zusammenzubringen. Wir haben begonnen, in jedem Wiener Bezirk interreligiöse Begegnungen zu organisieren und haben so mit Unterstützung der Bezirksvorstehungen viele interreligiöse Gemeinschaften ermöglicht.
Was ist in diesem Zusammenhang Versöhnung?
Neumann: Das Miteinander-lebenKönnen und -Wollen von Menschen unterschiedlicher Religionen und Kulturen. Der Weg dorthin ist die Versöhnung, das friedliche Aufeinander-Zugehen. Das bedeutet, dass Menschen einander so annehmen, wie sie sind, auch und gerade in ihrem religiösen und kulturellen Anderssein.
Das heißt: Menschen zuerst einmal mit Respekt zu begegnen, nicht mit dem Anspruch, wegen meiner Religion und überhaupt überlegen zu sein?
Neumann: Wenn ich einen Menschen erniedrige, weil ich mich für überlegen halte, nehme ich ihm Würde. Er oder sie wird darauf reagieren, indem er oder sie mir oder anderen die Würde raubt, um vor sich selber wieder etwas wert zu sein. Selbst wenn ich weiß, dass das jemand ist, der immer wieder Schwierigkeiten macht und zu Radikalismen neigt, ist es wichtig, ihn bzw. sie zu achten und nicht dort festzuhalten, wo er bzw. sie mir auf die Nerven geht. Manchmal ist ein Mensch einfach so verletzt, dass er gar nicht anders kann, als andere zu verletzen. Wenn ich mich auf ihn einlasse und erkenne, was der Grund der Verletzung tief in seinem Inneren ist, dann schenke ich ihm Würde, dann kann er frei werden und wachsen. Das ist die Grundlage von Versöhnung. Dann kann Versöhnung auch zu einem Heilungsprozess werden.
Die Diözesanwallfahrt führt eine ganze Gruppe von Menschen nach Israel. Gerade das Heilige Land, wo Angehörige der drei monotheistischen Religionen zusammentreffen, ist ja immer wieder Zentrum von Konflikten. Was braucht es, damit dort Versöhnung wachsen kann?
Neumann: Es braucht konkrete, kleine Schritte des Friedens. Ein heikler Punkt ist z. B. immer die Olivenernte der palästinensischen Bauern. Siedler wie Militär behindern gerne die Ernte. Der Versöhnungsbund und andere Institutionen unterstützen die Olivenernte mit Freiwilligen, die die Bauern begleiten. Weil die Israelis wissen, dass es nicht gut ist, wenn sie negativ in die Schlagzeilen kommen, passiert dadurch viel weniger, und die palästinensischen Bauern können fast die gesamte Ernte einbringen. Einfach hinfahren schafft noch keinen Frieden; aber ich kann etwas zum Frieden beitragen, indem ich Initiativen wie die des Versöhnungsbundes mit meinem Engagement unterstütze.
Zur Person:
Mag. Erwin Neumann, verheiratet und Vater von vier Kindern, hat ursprünglich Drogist gelernt. Nach Matura und Studium der evangelischen Theologie Militärseelsorger, dann Studentenpfarrer in Klagenfurt, später Pfarrer im Burgenland und in Wien. Mitglied im Internationalen Versöhnungsbund, gründete in den 90er-Jahren in Wien die PFIRB (Plattform für Interreligiöse Begegnung). Neumann referierte im Jänner im Rahmen des Seminars „Christsein in der globalen Welt“ im Kloster Wernberg.
Zweites Seminar der Reihe „Christsein in der globalen Welt“:
„Einbindung und Chancengleichheit statt Ausgrenzung und Diskriminierung“ mit Dr. Josef Mautner, Geschäftsführer der Katholischen Aktion Salzburg, Samstag, 1. März 2014, Kloster Wernberg. Auskunft: Sr. Andreas Weißbacher, Tel. 0676/8772-2166, E-Mail sr.andreas@klosterwernberg.at