Steinreich ohne Geld

Ein Leben ohne Geld? Für Heidemarie Schwermer ist dieses Experiment seit nunmehr 15 Jahren Realität geworden.

„Ein geschlossenes System kann nicht mehr Energie abgeben, als man hineinsteckt. Öffnet man das System aber, so erhält man zusehends mehr Energie.“ Gleich zu Beginn ihres Vortrags an der Alpe-Adria Universität Klagenfurt erörtert Heidemarie Schwermer ihre zentrale Lebensansicht. Diese Metapher lasse sich direkt auf unser Wirtschaftssystem übertragen. „Das müssen nicht alle machen, das kommt sowieso!“, erzählt sie dem Publikum lachend. Im Mai 1996 begann sie in kleinen Schritten, kontinuierlich das Geld in ihrem Leben abzuschaffen, mittlerweile hat sie den Umgang aber etwas gelockert, „für Reisen und kleine Fahrten“.

„Living without money“
Bevor der Dokumentationsfilm über Schwermer – „Living without money“ – präsentiert wird, spricht sie noch voller Hingabe den für sie wichtigsten Aspekt, das so genannte „Gib und Nimm“-Spiel, an. Mit Hilfe von kleinen Aufklebern sollen Menschen ihre Bereitschaft zum Tauschen aufzeigen. Egal ob Nahrungsmittel, Kleidung oder Leistungen – alles kann angeboten und getauscht werden. Das Geld wird dabei komplett in den Hintergrund gedrängt.

Ein Film über die „Umsteigerin“
Der Film selbst erzählt in einer lockeren Atmosphäre von Heidemarie Schwermers Lebensalltag. Gedreht wurde er von der norwegischen Regisseurin Line Halvorsen. Sie begleitete die Umsteigerin, wie sie sich selbst nennt, mehrere Monate lang auf ihren Wegen. Die Grundaussage des Films kommt klar und deutlich rüber: „Leute, es geht auch anders!“ Die Dokumentation verdeut-licht noch einmal, wie sehr Schwermers Position zum Geld eigentlich auch international wahrgenommen wird. Griechenland, Italien, Deutschland, Österreich – überall hält sie Workshops ab und hilft zu verdeutlichen, dass Geld bei Weitem nicht das Wichtigste ist.
Das Tauschprinzip scheint durchaus Erfolg zu haben. „In der Früh sind wir mit einem Bleistift losgezogen. Wir haben uns dann über Obst, Krawatten und einen Hut schließlich zu einer Schachtel voller Lebensmittel getauscht!“, berichten Jugendliche aus Münster ganz aufgeregt. Doch auch kritische Stimmen kommen in der vielseitigen Dokumentation zu Wort. „Ich denke, Heidemarie Schwermer nutzt nur das Geld anderer Leute“, plaudert ein Schüler aus Turin frei heraus.

Wirkliche Alternative?
Irgendwie ist es dann aber doch diese kritische Anmerkung, die den restlichen Film leicht zu verschieben scheint. Das Prinzip des Tauschens von Gegenständen und Leistungen funktioniert für Projektgruppen, es funktioniert auch für eine einzelne Person – aber für eine ganze Gesellschaft? Schwermer selbst betont mehrmals, dass nicht alle so leben können. Eine wirkliche Alternative zum Geld – das im Grunde ja selbst ein Tauschmittel darstellt – kann auch sie nicht anbieten. Und so schließt sich der Kreis bei der realistischen Einschätzung zweier  BWL-Studentinnen, die zu Beginn des Films  bemerkten: „Ohne Geld leben? Das kann ich mir nicht vorstellen!“ Richtig, wer kann das schon?       Markus R. Leitgeb