Palmsonntag und Ostern im Heiligen Land

Kleine Schwester Monika Miriam Wedenig im Gespräch mit Georg Haab über Israel und die besonderen Eindrücke, die in Jerusalem mit den Kar- und Ostertagen verbunden sind.

Kl. Sr. Monika Miriam Wedenig (@privat)
Kl. Sr. Monika Miriam Wedenig (@privat)

Sie haben eine ganze Zeit in Jerusalem gelebt. Erzählen Sie ein wenig davon?
Kl. Sr. Monika: Unsere kleine Gemeinschaft wohnt in der Via Dolorosa, bei der sechsten Kreuzwegstation, wo Veronika nach der Überlieferung Jesus das Schweißtuch gereicht hat. Es ist ein altes Haus, in dem auch eine Krypta aus dem sechsten Jahrhundert ist – ein Zeugnis von ganz langer christlicher Präsenz. So habe ich auch das Christentum in Jerusalem erlebt: als etwas Ursprüngliches, das von Anfang an da war. Mit einem großen Vertrauen in diesen Gott, der heute so wirkt wie damals. Das Haus liegt im muslimischen Viertel und gehört der melkitischen, also der griechisch-katholischen Kirche, und seit 60 Jahren wird es von den Kleinen Schwestern betreut.

Was hat Sie am meisten berührt?
Kl. Sr. Monika: Vielleicht, wie man auf engem Raum zusammenlebt. Unsere Nachbarn waren Muslime, daneben liegen das christliche und das jüdische Viertel. Die Via Dolorosa geht durch das muslimische ins christliche Viertel. Gleichzeitig diese Spannung durch die permanente Militärpräsenz: Es schockiert mich, wenn jüdische Kinder aus Angst nur mit Bewachung durch die Altstadt gehen, oder wenn ich wahrnehme, dass es Tendenzen gibt, die Araber aus dem Stadtteil zu drängen, in dem sie seit Jahrhunderten leben. Und trotzdem ist Jerusalem ein Ort der Vision des Friedens. Hier sind die drei großen Religionen, auch die verschiedenen christlichen Konfessionen – wenn hier einmal Frieden ist, wird überall Frieden sein.

Wie ist es, in Jerusalem Palmsonntag zu feiern?
Kl. Sr. Monika: Es ist Tradition, dass sich alle Christen am Nachmittag am Ölberg treffen, von wo Jesus losgezogen ist. Auch viele christliche Palästinenser aus dem Westjordanland und aus Galiläa kommen, sofern sie dürfen. Die Pfadfinder sind da in ihren schönen Uniformen, mit Dudelsäcken, Pauken und Trompeten – es ist ein großes Fest. Mit Palm- und Olivenzweigen zieht man dann in die Stadt ein.

Wohin geht dieser Zug?
Kl. Sr. Monika: Vom Ölberg hinunter nach Getsemani und dann hinauf durch das Löwentor zur Kirche St. Anna. Auf dem Platz davor spricht der Patriarch als Oberhaupt der katholischen Kirche im Heiligen Land eine Ermutigung an alle. Dann geht es wieder durch das Löwentor hinaus, mit Musik und Feiern entlang der Stadtmauer zum Neuen Tor. Auch meine muslimischen Arbeitskollegen habe ich dort getroffen, sie haben gesagt: Wenn sie das verpassen, fehlt ihnen etwas.

Palmsonntag in Jerusalem (KNA)
Palmsonntag in Jerusalem (KNA)

Dann folgen stillere Tage?
Kl. Sr. Monika: Still ist es überhaupt nicht. An unserem Haus zogen schon ab halb fünf in der Früh Pilger vorbei, die in allen Sprachen laut den Kreuzweg beteten und sangen. Um Brot-zu kaufen, muss man dann schon fünf Minuten mehr einrechnen, um durch die Menge durchzukommen.

Was sind die nächsten Höhepunkte der Karwoche?
Kl. Sr. Monika: Ich habe die Heiligen Drei Tage im griechisch-katholischen Ritus in arabischer Sprache erlebt, weil wir in der melkitischen Pfarre beheimatet sind. Sehr berührend war für mich, als ich am Gründonnerstag gerade aus Betlehem durch das Jaffa-Tor in die Altstadt zurückgekommen bin, dass dort unsere jüdischen Brüder und Schwestern Matzen-Brote verteilten, weil sie an dem Tag Pessach feierten. Auch ich habe eines bekommen, das haben wir dann am Abend geteilt. Nach der Gründonnerstags-Liturgie sind wir nach Getsemani zu den Franziskanern gegangen, um mit vielen, vielen Menschen der Nacht am Ölberg zu gedenken, wenn sie durch den Ölgarten mit Fackeln in die Kirche zogen, des Nachts, und dann die Evangelientexte lasen. Und dann ging es zu Fuß durchs Kidrontal auf dem Weg Jesu, der gefangen den Weg ging, verachtet, gebunden, und über die zweitausend Jahre alten Stufen hinauf.

Und der Karfreitag?
Kl. Sr. Monika: Am Vormittag gibt es die großen Kreuzwege der verschiedenen Pilgergruppen durch die Stadt. In der melkitischen Kirche wird eine Ikone, die wie ein Korpus gestaltet ist, auf das Kreuz genagelt. Das ist sehr eindrücklich. Bei der Liturgie am Abend wird der Leichnam dann abgenommen und in eine Sänfte voller Blumen gelegt, die fast wie eine Bundeslade ausschaut, darauf das Evangelienbuch. Diese Sänfte wird dann durch die Kirche getragen, durch die Straßen und wieder zurück. Dort sind uns orthodoxe Gruppen entgegengekommen, die auch ihre Sänften getragen haben – ein starkes ökumenisches Erlebnis, zur gleichen Zeit das Gleiche zu feiern. Es werden alle vier Evangelien vom Leiden Jesu gelesen, man nimmt sich Zeit zum Feiern und zelebriert das wirklich.

Wie verläuft der Karsamstag?
Kl. Sr. Monika: Das Ereignis in der Altstadt war die Lichtfeier, die die Orthodoxen am Samstag von der Früh bis zum Nachmittag in der Grabeskirche feierten. Man muss wissen: Wegen der vielen Pilger ist die Stadt an diesem Tag vom Militär abgeriegelt; nur die Orthodoxen kommen in die Grabeskirche. Irgendwann geht der orthodoxe Patriarch ins Heilige Grab, und man wartet auf das Lichtwunder. Es heißt, das Licht entzündet sich neu im Heiligen Grab. Die Menschen glauben daran, dass dieses Lichtwunder passiert, in unseren Herzen auf jeden Fall. Er kommt dann irgendwann mit dem Licht heraus, und innerhalb kürzester Zeit entzünden sich alle Kerzenbündel, die die Menschen in Händen halten. Es ist auch ein großes Wunder, dass dabei noch nie etwas passiert ist: Jedes Bündel hat 33 Kerzen als Symbol für die Lebensjahre Jesu. Dieses Licht aus der Grabeskirche verteilt sich in der Stadt, über alle Barrieren hinweg. Die muslimischen Freunde, die Ladenbesitzer, alle stehen draußen und warten auf dieses Licht. Auch das ist für mich ein Osterwunder: Das Licht überwindet alle Barrieren.

Das ist fast schon eine Vorwegnahme der Auferstehung.
Kl. Sr. Monika: Am Sonntag in der Früh sind die Gläubigen vor der Kirche, die Tür verschlossen. Der Zelebrant klopft von außen an die Tür: „Hebt euch, ihr ur-alten Pforten, denn es kommt der König der Herrlichkeit.“ Dann wird die Tür aufgestoßen, und das eine Licht, Christus, ist da. Das Licht, das die Pforten des Todes und der Hölle überwindet.


Was haben Sie aus Ihrer Zeit im Heiligen Land mitgenommen?
Kl. Sr. Monika: Es ist für mich ein Land des Durchzuges – Pessach – hin zum Himmlischen Jerusalem. Heiliges Land ist aber auch mein eigenes Herz, in dem sich dieser Kampf und diese Versöhnung nachvollziehen und wo Jesus auch aufersteht. Die stärkste Erinnerung ist wohl das Heilige Grab. Des Nachts, wenn man sich einsperren lässt, um mit ganz wenigen Menschen in der Stille die Nacht zu verbringen, beginnen die Orte zu sprechen. Was gibt es zu sehen? Nichts, ein leeres Grab. Das eigentliche Wunder der Auferstehung kann man weder sehen noch festhalten. Nur die Stelle, wo er gelegen ist, kann man begreifen und in der Leere erahnen, welches Wunder sich vollzieht. Sein Vertrauen zum Vater, das Jesus durch Leid und Tod getragen hat, beginnt in mir zu greifen, und er ruft auch mich zum Leben. „Ich will, dass du lebst“: Das sagt Gott auch mir.