Klare Strukturen in Institutionen beugen Missbrauch vor

Melanie Bartoloth-Dauschan, Beauftragte für Prävention gegen Missbrauch und Gewalt in der Katholischen Kirche, im SONNTAG-Gespräch

Melanie Bartoloth-Dauschan (Foto: Haab)
Melanie Bartoloth-Dauschan (Foto: Haab)

Sie sind seit 1. Mai in der Diözese Gurk als Präventionsbeauftragte tätig. Wie kann Prävention geschehen?
Bartoloth: Lange hat man geglaubt, wenn man nur die Kinder sensibilisiert, genügt das. Aber genauso müssen Eltern informiert werden oder Verantwortliche wie etwa Lehrer, Leiter von Jugendgruppen etc. Mein Auftrag ist es, die diözesanen Mitarbeiter zu schulen.

Die Missbrauchsdebatte hat große Verunsicherungen ausgelöst – was man als Priester, Jungschar- oder Jugendleiter darf und was nicht. Wie sehen Sie diese Diskussionen?
Bartoloth: Natürlich gibt es ganz klare Grenzen. Ich denke, da helfen größtmögliche Offenheit und Transparenz. Aber mit den Regeln ist es so eine Sache. Zum Beispiel sollte ein Priester nie alleine mit einem Kind im Auto sitzen. Nun kommt es vor, dass der Pfarrer die Ministranten nach Hause fährt. Einer wohnt weiter weg. Soll der Pfarrer diesen nun gemeinsam mit den anderen Kindern aussteigen und zu Fuß gehen lassen? Ich hielte das für übertrieben. Es braucht jedoch ein Gespräch mit den Beteiligten, in dem diese Situation geklärt und angesprochen wird. Dann kann es keine Verunsicherungen geben. Das meine ich mit Transparenz.

In der Diskussion taucht auch immer wieder die Frage auf, ob der Zölibat eine der Ursachen für sexuellen Missbrauch in der Kirche sein kann. Wie sehen Sie das?
Bartoloth: Man soll sich nicht der Illusion hingeben, dass mit der Abschaffung des Zölibates alle Probleme gelöst wären. Aber eines ist klar: In der Ausbildung der Priester sollte das Thema noch stärker behandelt werden.
Sind es also – wie auch debattiert wird – die Strukturen?
Bartoloth: Die Machtstrukturen tragen sicher dazu bei. Sexueller Missbrauch ist in erster Linie eine Frage der Machtausübung. Der Täter ist immer überlegen – entweder geistig, körperlich oder hierarchisch. Ein Missbrauch geschieht immer auf mehreren Ebenen: ein Missbrauch der Macht, der Sexualität und ein Missbrauch des Vertrauens. Missbrauch geschieht ganz selten mit körperlicher Gewalt, also in Form einer Vergewaltigung. In den allermeisten Fällen wird das Vertrauen des Kindes gewonnen und in der Folge missbraucht.

Was kann oder soll die Kirche tun, um solche Taten möglichst zu verhindern?
Bartoloth: Missbrauchstäter planen ihre Tat weit voraus. Sie suchen Orte, wo sie leicht an Kinder herankommen. Das können Vereine sein, aber eben auch die Kirche. Ich sehe es also als Aufgabe der Kirche, Strukturen zu schaffen, die sie für potenzielle Täter möglichst unattraktiv macht. Das muss schon in den Priesterseminaren beginnen. So kann man Täter abschrecken. Es muss auch klar sein, dass jede und jeder, der mit Kindern arbeitet – egal ob haupt- oder ehrenamtlich – ein polizeiliches Führungszeugnis vorlegen muss. So kann man wenigstens verhindern, dass vorbestrafte Täter weiter mit Kindern zu tun haben. Grundsätzlich sind die Machtstrukturen der Kirche schon so, dass sie potenzielle Täter anziehen können.

Aber die Machtstrukturen finden sich nicht nur in der Kirche …
Bartoloth: Das stimmt schon. Nehmen Sie als Beispiel den ehemaligen Primar Wurst von der Kinderpsychiatrie in Klagenfurt. Auch hier hatten wir es mit einem massiven Machtgefälle zu tun. Aber das zeigt nur, dass diese Strukturen zu Missbrauch beitragen und daher geändert werden müssen.

Der Münchner Erzbischof Kardinal Marx hat bei der Präsentation der Studie betont, man müsse nun die Sicht der Opfer einnehmen. Was könnte das sein?
Bartoloth: Angelina Jolie hat 2014 gesagt: „Die Schande muss bei den Tätern liegen und nicht bei den Opfern.“ Ich halte das für sehr wichtig, weil viele Opfer die Verantwortung und die Schande der Tat auf sich nehmen. Wenn man auf der Seite der Opfer steht, muss man klar machen, dass die Verantwortung ausschließlich beim Täter liegt. Die Opfer müssen in jeder Beziehung entlastet werden. Denn sie waren Kinder und hatten keine Möglichkeit, dem Täter etwas entgegenzusetzen. Diese Klarheit braucht es.

Die Studie der deutschen Bischofskonferenz spricht davon, dass viel zu lange weggeschaut wurde. Wie erklären Sie sich das?
Bartoloth: Ich fürchte, da steckt viel Naivität dahinter. Der gute Glaube, dass man Täter mit einem ernsthaften Gespräch bekehren kann und sie dann die Kinder in Ruhe lassen. Dass man in Wahrheit das Problem nur verlagert, wird verdrängt. Vielleicht liegt es auch daran, dass man zu wenig über die enorm hohe Rückfallrate weiß. Denn wenn ein Mensch einmal einen Missbrauch vollzogen hat, reißt er damit so starke innere und äußere Grenzen nieder, dass die Hemmung, die Tat zu wiederholen, endgültig gefallen ist.

Wenn man einen Verdacht hat, dass so etwas geschehen ist: Was soll man tun?
Bartoloth: Eines ist ganz wichtig: Wenn ein Kind Andeutungen macht, dann muss man es unbedingt ernst nehmen und mit ihm weiter reden. Man darf es auf gar keinen Fall abwimmeln. Das ist auch ein wichtiger Punkt in der Präventionsschulung. Denn Kinder vertrauen sich im Durchschnitt acht Erwachsenen an, bis sie von einem ernst genommen werden. Da braucht es auch Verständnis, wie sich Kinder mitteilen, um die „Codes“, die sie verwenden, zu entschlüsseln.

Aber wenn man dem Kind zuhört und sich der Verdacht erhärtet, wohin soll man dann gehen? Gleich zur Polizei?
Bartoloth: So ein Fall bedeutet eine große Verantwortung, denn das Kind beweist damit enormes Vertrauen. Daher ist das Erste, dieses Vertrauen zu bestätigen und dem Kind die Botschaft zu übermitteln, dass es mit der Aussage das Richtige gemacht hat und dass diese Missbrauchssituation aufhören soll. Nicht gut ist es, gleich zur Polizei zu gehen. Das könnte beim Kind Ängste auslösen, und es könnte die Ausssage zurückziehen. Denn wie gesagt: Trotz all dem Schrecklichen, das passiert ist, besteht zum Täter immer noch ein gewisses Naheverhältnis.

Soll man den Täter zur Rede stellen und mit seiner Tat konfrontieren?
Bartoloth: Das wäre sicher noch schlechter. In der Praxis erleben wir immer wieder, dass die Täter alles abstreiten, das Kind unter Druck setzen und sich in Zukunft eine andere Strategie überlegen. Am besten ist es, in ein Beratungszentrum zu gehen, wo man professionell weitere Schritte einleiten kann.