Gott braucht Menschen, um in der Welt handeln zu können

Der deutsche Theologe über den Auftrag, den Christen in der Welt haben, das Miteinander von Leitung und Gläubigen im Volk Gottes und was "Hören" bedeutet

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Worüber haben Sie bei den Priestertagen referiert?
Buckenmaier: Ich war eingeladen, über das Sakrament der Taufe zu sprechen. Da war mir klar, dass wir dazu den Boden bereiten müssen, indem wir überhaupt über die Kirche als Sakrament sprechen: die Kirche als Sakrament des Heiles. Diese Redeweise hat das Zweite Vatikanische Konzil eingeführt, und ich habe versucht darzustellen, was das heißt: Sakrament. Das Wort Sakrament und religiöse Worte überhaupt sind heute für viele unverständlich. Wir könnten es z. B. übersetzen mit „Kirche oder Volk Gottes als Werkzeug Gottes in der Welt“, wie Gott in der Welt handeln will.

Volk Gottes und Kirche – wie hängen beide zusammen?
Buckenmaier: Volk Gottes ist ein Wort für die Kirche, es gibt noch andere: Leib Christi, Braut Christi, Stadt Gottes usw. Der biblische Begriff meint das Volk Israel im Alten Testament. Oder, noch genauer, das Eigentumsvolk, das Volk, das Gott zu eigen gehört, mit dem Gott in der Welt handeln kann. Wenn wir heute auf dem Boden des Konzils „Volk Gottes“ sagen, schließen wir mit ein: Volk Gottes sind Kirche und Israel, also Synagoge und Ecclesia, Judentum und Christentum.
Gleichzeitig stellt sich für uns die Frage: Sind wir überhaupt ein Volk? Sind die Pfarren, die Menschen in der Kirche, wie sie heute organisiert ist, sind wir überhaupt ein Volk? Für Israel und vom Alten Testament her gesehen heißt Volk sein: Einen gemeinsamen Weg gehen und auch eine Verbindlichkeit und Solidarität des einen mit dem anderen – deswegen die Zehn Gebote, der Schutz der Schwachen und alles, was da ganz konkret im Alten Testament ausgeführt ist.
Von daher die Frage, ob wir ein Religionsverein sind oder eine Einrichtung zur individuellen Befriedigung unserer seelischen Bedürfnisse und vielleicht auch unserer Hoffnungen über den Tod hinaus. Oder ob wir wirklich ein Volk sind, in dem ein Stück die Welt, wie Gott sie will, auch in einer gesellschaftlichen Dimension ganz konkret erfahrbar wird.

Das Volk, durch das Gott handelt: Ist das nicht ein ungeheurer Anspruch nicht nur an die Bischöfe, sondern an alle Christen?
Buckenmaier: Schauen wir auf die Tradition Israels, um unseren eigenen Glauben besser zu verstehen. Dort sehen wir: Israel stand in einem kulturellen Kontext von Monarchie, Herrschaft, Untertanen. Die Könige und Pharaonen waren wie Götter, normale Menschen wie ein Stück Vieh. In diesem Kontext hat Israel etwas Neues versucht in dem Horizont, dass nur einer der König ist; und zwar nicht David oder Salomo, sondern Gott, und alle anderen sind gleich. Das ist ja ein Phänomen, dass in Israel die Propheten die Könige kritisieren konnten. Das gab es in der ganzen Antike nicht, und auch heute ist das in manchen Ländern nicht möglich.
Ein Element des Demokratischen sind auch die Versammlungen des Volkes, die im Alten Testament geschildert werden, z. B. am Berg Sinai, die Versammlung der Rückkehrer nach der Rückkehr aus dem Babylonischen Exil im Buch Nehemia: Es versammeln sich die Männer, die Frauen und alle, die es verstehen konnten. Das war für die antike Welt und ist bis in die Neuzeit etwas ganz Außergewöhnliches. Nur ist es nicht unter der Rubrik „Wir wollen mitbestimmen“, sondern es ist ein gemeinsamer Auftrag: „Wir wollen gemeinsam hören, was Gott will.“ Alle sind gerufen, gemeinsam hinzuhören – auch die Leitung.

Im Grunde spürt jeder, dass er der Hilfe bedarf, und das Christliche besteht darin, dies anzuerkennen.

Wie Rahner gesagt hat: Der Christ von morgen ist ein mystischer Christ, oder er ist nicht mehr?
Buckenmaier: Man kann das Rahner-Wort missverstehen und den Mystiker sehen als einen, der unablässig in sich hineinmeditiert. Er hat das aber viel nüchterner verstanden: Mystiker ist jemand, der auch auf den anderen hört; nur dann kann man auch auf Gott hören.

Wenn das Volk Gottes zum Werkzeug des Heils wird: Das bedeutet doch, dass jedes Glied des Volkes Gottes mit sich selbst ins Reine kommen muss und aus dem he-raus selbst zum Heil wird für andere und damit auch die Welt ein Stückchen heiler macht?
Buckenmaier: Ja, und – damit es nicht missverständlich ist – ich würde stark betonen: im Miteinander. Das ist schwer und leicht. Im Grunde spürt jeder, dass er der Hilfe bedarf, und das Christliche besteht darin, dass ich dies anerkenne. Jeder Gottesdienst beginnt mit dem Kyrie, und das ist sowohl ein Gruß als auch eine Bitte um Hilfe. Damit bekennen wir: Ich bin da, aber ich kann es nicht alleine. Das ist der Schlüssel. Wir haben ja keinen Grund, als Christen anzunehmen, dass wir bessere Menschen sind als andere. Aber wir haben die Möglichkeit, dass wir uns ergänzen: Darin besteht das Geheimnis der Kirche, und das war auch das Bemühen Jesu: Zwölf verschiedene Menschen als Apostel, und die waren schon sehr verschieden …

Was Evangelisten und Apostelgeschichte ja auch teilweise sehr plastisch überliefern ...
Buckenmaier: Die Auswahl der Zwölf schildert die ganze Bandbreite dessen, wie man zur Zeit Jesu Jude sein konnte: vom Kollaborateur bis hin zum Widerständler, der gegen die Römer kämpft. Es war Jesu Anliegen, mit der Wahl der Zwölf zu zeigen: Das ist Israel, und mit ihrer Wahl zeige ich, dass es möglich ist, das Volk wieder zu sammeln. Menschlich gesehen hat er nicht einmal Erfolg gehabt. Aber wenn man auf die Geschichte nach seinem Tod schaut: Genau daraus ist die Kirche entstanden, es sind wieder die Zwölf. Das finde ich sehr ermutigend für uns.


Vom Ende zum Beginn her gesehen: Vor Ostern ist Weihnachten, und schon die Herbergssuche war sicher für Maria und Josef ein ein Prüfstein. Für mich: Worauf schaue ich, um in Heil und Unheil, die mir widerfahren, trotz aller Widernisse Gottes Heilsweg zu erkennen?
Buckenmaier: Das Romantisch-Sentimentale an Weihnachten ist ja nichts Schlechtes, es will unser Herz berühren. Das geht nicht nur über den Verstand. Aber: Womit berührt es mich? Ist es nur erbaulich für meine seelische Wellness? Oder berührt mich auch die Not der Welt, was Gott schon gehandelt hat und was noch an Not in der Welt ist? Das schließt sich ja nicht aus. Die Geburt und das ganze ärmliche Ambiente sind ja keine Schäfer-Idylle, sondern die Situation des Gottesvolkes, das wir in der Person der Hirten sehen. Und dann gibt es auch Personen von ganz weit her, die gar nicht zum Gottesvolk gehören, die drei Könige, die sich leiten lassen und erkennen, dass Gott handelt. Die Armut, die gezeichnet wird: Das Anliegen Gottes, ein Volk in der Welt zu haben, ist arm, weil wir uns um andere Sachen kümmern. Jeder kümmert sich um seinen Weg und seine Ideen und was wir alles erreichen wollen. Das Ärmste in der Weihnachtsgeschichte bleibt Gottes Anliegen. Wenn uns das berührt, dass Gott arm ist ... das ist auch Advent, Warten. Wer wartet eigentlich? Wir brauchen nicht zu warten auf den 25., der kommt eh. Letztlich wartet doch Gott darauf, dass er in der Welt handeln kann. Er wartet darauf, dass wir sein Werkzeug werden, mit dem er in der Welt Heil wirken kann.

Interview: Georg Haab

Zur Person: Achim Buckenmaier, geb. 1959 in Deutschland, war im November 2018 als Referent der Priestertage in Kärnten und sprach über das Thema Taufe. Er studierte in Freiburg und Paris, arbeitete als Religionslehrer und war mehrere Jahre im Auslandseinsatz in Tansania. Er ist Universitäts-Professor für Dogmatik und Inhaber des Lehrstuhls für die Theologie des Volkes Gottes an der Päpstlichen Lateranuniversität in Rom sowie Konsultor der Glaubenskongregation.