Organisation

Kärntner Kirchenzeitung - „Sonntag”

Ein Meister des Dialogs über Grenzen hinweg

Für Josef Kopeinig, aber auch für das Bildungshaus in Tainach/Tinje ist der 1. Juli eine Zäsur: Nach 58 Jahren geht die Leitung des Hauses in jüngere Hände über. Was war, was ist und was trägt weiter?

Fotos: Sodalitas/Krivograd; Pressestelle/Eggenberger

Sie wurden 1968 mit 27 Jahren zum Rektor des wenige Jahre davor gegründeten Bildungs- und Exerzitienhauses der Sodalitas berufen. Wie ging es Ihnen damit?
Kopeinig: Meine „erste Liebe“ ist nach wie vor Mission. Mein Engagement dafür reicht zurück in meine Zeit in Tanzenberg. Es war ein Geschenk, 1968 gleichzeitig mit dem Bildungshaus auch das slowenische Seelsorgeamt mit der Missionskanzlei zu übernehmen.

Was macht die Missionskanzlei?
Kopeinig: Meine Vorgänger, die slowenischen Salesianer, haben das Studium von Missionstheologen unterstützt. Das haben wir fortgesetzt und seitdem ca. 4.000 Missionstheologen auf den verschiedenen Kontinenten als „Paten“ finanziell unterstützt. Sie sind als Priester in ihren Ländern wiederum Multiplikatoren der Missionsarbeit.

Welchen Einfluss hatte die Mission auf Ihre Arbeit in Tainach?
Kopeinig: In der kommunistischen Zeit konnte die Missionskanzlei in Ljubljana nicht mehr arbeiten. Deshalb ist vieles über unsere Kanzlei hier gelaufen, bis der Leiter nach Argentinien emigriert ist und seine Arbeit von dort aus weitergeführt hat. Wir haben weiterhin zusammengearbeitet. Eines der gemeinsamen Projekte ist das Kärntendorf auf Madagaskar, wo durch die Arbeit von Pedro Opeka bisher etwa 600 Familienhäusers für die dortigen Müllmenschen errichtet werden konnten.

Sie haben auch die Herausgeberschaft der „Nedelja“ und der slowenischen Missionszeitschrift übernommen.
Kopeinig: Dazu bin ich gekommen wie Pontius Pilatus ins Credo. Weil der Vorgänger plötzlich verstorben ist und ich das Seelsorgeamt geleitet habe, musste ich die Redaktion übernehmen. Ich bin journalistisch nicht ausgebildet. Aber Hanzi Tomažič, der in Tainach Zivildiener war, hat damals großes Talent gezeigt, und er war bereit, bei der Nedelja mitzuarbeiten. Was die Nedelja heute ist, ist sein Verdienst. Ich bin sehr dankbar für diese Erfolgsgeschichte.

Man sagt, dass früher viele Kärntner:innen nicht aus ihrem Tal hinausgekommen sind. Sie haben sich schon als Gymnasiast mit Mission beschäftigt und in anderen Dimensionen denken gelernt.
Kopeinig: Ich habe keine Scheu vor Menschen, die anders denken. Mission ist eine gute Gelegenheit, den Horizont zu weiten und andere Menschen mit ihren Problemen wahrzunehmen. Dasselbe war im Bildungshaus, wo es um Persönlichkeiten aus dem In- und Ausland geht, Referent:innen, Bischöfe, Kardinäle, Politiker:innen, Wissen-
schaftler:innen usw. Ich pflege gerne Kontakte und treue Freundschaften.

Die Barmherzigkeit Gottes ist kein Freibrief für Dummheiten, aber ein Aufruf zur Umkehr.

Das hat offensichtlich dazu beitragen, die Menschen hier zusammenzuführen. Tainach gilt als Haus des Dialogs.
Kopeinig: Tainach war ursprünglich, nach dem Ersten Weltkrieg, ein Exerzitienhaus für die slowenischsprachige Bevölkerung. Natürlich war uns bald bewusst, dass es Zweisprachigkeit braucht, Deutsch ist ja unsere zweite Muttersprache. Also haben wir das religiöse und das Bildungsprogramm erweitert. Heute hat unser Programm zwölf Schwerpunkte, die wir immer wieder neu mit Themen füllen, und sechshundert Veranstaltungen in beiden Landessprachen, oft gleichzeitig – wir sind eben ein Haus des Dialogs.
In der Kirche in Südkärnten wurde jahrhundertelang slowenisch gebetet und gesungen, in der Hitlerzeit hat man das unterdrückt, das war ein Kulturbruch sondergleichen. Zu diesen Themen hatten wir sehr viele Veranstaltungen, auch mit den Verantwortlichen des Abwehrkämpferbundes und des Heimatdienstes. Danach haben wir oft bis tief in die Morgenstunden diskutiert ... Nur im Gespräch lernt man einander besser verstehen und kommt einander näher.

Stimmt es, dass Tainach früher auch Zufluchtsort für Slowenen war, die im kommunistischen System keinen Platz hatten?
Kopeinig: Slowenen aus Australien, Brasilien, Amerika, Kanada oder Argentinien, die nicht nach Jugolawien kommen durften oder wollten, haben sich hier mit ihren Verwandten und Bekannten getroffen. Das war eine Zeit, in der wir auch sehr viele Spione im Haus hatten. Manche sind uns gleich aufgefallen, da gab es lustige Geschichten. Oft waren die Spitzel früher hier als der angesagte Besuch. Und ich habe oft gespürt, dass jemand mir mit dem Auto nach Slowenien nachgefahren ist. Das Bildungshaus hat viele geistliche Bücher herausgegeben – durch Martin Pandel auch historische und politische, insgesamt waren es an die 50.

Tainach ist auch ein geistliches Zentrum. Was macht das Haus dazu?
Kopeinig: Symbol dafür ist sicher unsere Kapelle, sie ist der wichtigste Raum im Bildungshaus. Ich bin nur Mitarbeiter, der Chef des Hauses ist in der Kapelle. Es heißt ja im Psalm: „Wenn der Herr nicht das Haus baut, so arbeiten umsonst, die daran bauen.“ Am meisten freut es mich, wenn Kursteilnehmer:innen untertags die Kapelle aufsuchen oder dort Gottesdienst feiern. Religiöse Bildung und theologische Reflexion gehört zu den Grundaufgaben dieses Bildungshauses. Bewusster leben, missionarisch Christ sein, den Glauben nicht verstecken. Wie der hl. Franz von Assisi gesagt hat: „Verkünde Christus mit deinem Leben, und wenn notwendig, auch mit Worten.“

Ist das nicht die schönste Definition von Mission?
Kopeinig: Schon in Tanzenberg habe ich mir meinen Primizspruch zurechtgelegt: Gottes Wege sind Gnade und Barmherzigkeit, sein Ruf ist Liebe. Gnade heißt Geschenk, und Barmherzigkeit, dass wir als schwache Menschen von Gott überhäuft werden mit seiner liebenden Aufmerksamkeit. Sein Ruf ist Liebe: Nicht wir berufen uns, sondern Gott überträgt uns diese Verantwortung bzw. lädt uns ein, in Beziehung mit Christus zu leben.

Was ist für Sie das Spezifische an der Priesterberufung?
Kopeinig: Das Spezifische ist die Einladung, mit dem Leben und mit dem Zeugnis des Wortes Christus zu verkünden, ihn ins Gespräch zu bringen. Ich vertraue sehr stark auf die Barmherzigkeit Gottes, wie sie sich in diesen drei Gleichnissen zeigt.
Im Gleichnis vom verlorenen Sohn kann dieser selbst einsichtig werden und zum Vater umkehren; der Vater wartet auf den Sohn. Das verlorene Schaf, das sich verirrt oder abstürzt, blökt vielleicht kurz und gibt dann kein Lebenszeichen mehr, aber der gute Hirte sucht es, bis er es findet. Die verlorene Drachme ist nochmals eine Steigerung dieser drei Gleichnisse: Sie kann sich nicht bemerkbar machen, aber die Frau im Gleichnis sucht sie, bis sie sie findet. Dieses „bis“ ist die Offenbarung der geduldigen, nachlaufenden Barmherzigkeit Gottes. Das ist kein Freibrief für Dummheiten, aber ein Aufruf zur Umkehr: Mensch, hör doch auf, vor dem zu fliehen, der dir mit Liebe folgt. Lass dich von Gott einfangen! Davon und daraus dürfen wir leben.

Interview: Georg Haab

Josef Kopeinig, geb. 1941, wurde 1965 zum Priester geweiht, war 1966-1968 Kaplan in Eberndorf/Dobrla vas und wurde 1968 zum Rektor des Bildungshauses Sodalitas in Tainach/Tinje ernannt. Gleichzeitig übernahm er die Leitung der slowenischen Abteilung des Seelsorgeamts, war Herausgeber der Nedelja (1968-1992) sowie 1968-2024 des Missionsreferats u.v.m. Mit 1. Juli 2026 wird er Aushilfspriester in Klagenfurt.

Die Anfänge des Bildungshauses Tainach reichen in die 1920er-Jahre zurück, als in der Propstei Exerzitienkurse begannen. 1954 wurde die Propstei zu einem bäuerlichen Bildungszentrum und 1961 schließlich durch die Initiative von Prälat Rudolf Blüml zum Exerzitien- und Bildungshaus der slowenischen Priestergemeinschaft Sodalitas. 1981 und 1994 erfolgten Erweiterungen des Gebäudes. Heuer wurden Haus und Leitung der Diözese Gurk übertragen.