Die älteren und die jüngeren Geschwister

Am 17. Jänner begeht die katholische Kirche den "Tag des Judentums"

Der „Tag des Judentums“ am 17. Jänner jedes Jahres soll Anlass sein, die Beziehung zwischen den beiden Religionen zu betrachten. Diese waren Jahrhunderte konfliktbeladen. Heute betrachtet man sich als jüngere und ältere Geschwister. Ein Beitrag von Franjo Vidović

Kreuz und Davidstern: Mögen sie sich manchmal auf die Nerven gehen, „Brüder bleiben sie trotzdem“. (© Foto: Sonntag)
Kreuz und Davidstern: Mögen sie sich manchmal auf die Nerven gehen, „Brüder bleiben sie trotzdem“. (© Foto: Sonntag)

Ein Jude und ein Antisemit unterhalten sich, und der Jude versucht, dem Antisemiten klarzumachen, wie viele wesentliche Leistungen der abendländischen Kultur Juden verdanken sind. Er zählt bekannte Juden auf, bis der Antisemit sichtlich verärgert ausruft: „Oh Jesus!“ Sein Gesprächspartner bestätigt: „Auch einer von unseren Leuten.“
Jesus war Jude, geboren in eine jüdische Familie, seine Jünger waren Juden, seine Gegner waren Juden. Erst nach seinem Tod verlassen seine Ideen den geografischen und ideellen Raum des Judentums und werden im Austausch mit der griechisch-römischen Welt die Religion, die wir heute als Christentum kennen. Es lohnt sich also gerade auch für Christinnen und Christen, einen näheren Blick auf Jesus, den Juden, zu werfen, um Jesus, den Christus, besser zu verstehen.

Jüdische Tradition

Schon die Geburtserzählung, die wir jedes Jahr zu Weihnachten hören, macht Jesu Einbettung in die jüdische Tradition deutlich: Sein „Stammbaum“ wird auf David, den berühmten König der Israeliten, dessen Leben und Taten im Zweiten Buch Samuel und im Ersten Buch der Könige beschrieben sind, zurückgeführt (Mt 1). Durch diesen „Stammbaum“ wird deutlich, dass Jesus in die Tradition gestellt wird, auch was seine Lehren betrifft: Er ist nicht jemand von außen, der etwas Neues bringt, sondern jemand, der wie David Heil und Rettung für sein vielfältig bedrohtes Volk verkörpert. Jesus wird beschnitten, er darf mit zwölf Jahren feierlich im Tempel aus der Torah vorlesen (Lk 2, 41-52), er hat die Kindheit und Jugend, die jüdische Jungen im 1. Jahrhundert nach Christus in Galiläa haben.
Was aber ist mit den vielen Auseinandersetzungen mit den Pharisäern, von denen uns die Evangelien berichten? Streitet hier nicht Jesus mit „den Juden“, wie in der Geschichte des Christentums oft genug interpretiert wurde? Die Pharisäer sind, ebenso wie die Sadduzäer und die Zeloten, religiöse Gruppen innerhalb des Judentums, die ihre Religion angesichts der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse sehr unterschiedlich auslegen. „Das Judentum“ besteht zur Zeit Jesu, ebenso wie „das Christentum“ heute, aus verschiedenen Gruppen, und mit ihnen setzt sich Jesus oft auch polemisch auseinander.

Auseinandersetzungen

Die Auseinandersetzungen sind aber wiederum nur vor dem Hintergrund der jüdischen religiösen Vorstellungen und Vorschriften verständlich. So etwa die Heilung des Gelähmten am Sabbat (Joh 5), die Erzählung von der blutflüssigen Frau (Mk 5, 25 ff) oder auch das im Christentum berühmt gewordene Diktum von den „Eunuchen für das Himmelreich“ (Mt 19, 12). Jesus bricht mit den strengen Sabbatregeln, wenn er den Gelähmten am Sabbat heilt, die Berührung der blutflüssigen Frau macht ihn nach den Reinheitsvorschriften des Alten Testamentes (und damit seiner Umwelt) unrein, und wenn er meint, manche wären um des Himmelreiches willen unverheiratet, dann ist der Kontext die Auseinandersetzung mit den Pharisäern über die Ehe- und Scheidungsgesetze.

Judentum erneuern

Jesus will das Judentum erneuern. Er kritisiert durch seine pointierten Worte und seine Taten die überkommene Auslegung der Torah, hinter der die direkte Beziehung zum Gott der Väter für manche Menschen kaum mehr sichtbar ist. Dass ihm das von, wie wir heute sagen würden, konservativen Vertretern der Religion übelgenommen wurde, braucht uns mit Blick auf die Auseinandersetzungen im Christentum heute nicht zu verwundern.
Der Gott, den Jesus verkündet, ist kein „neuer“ Gott, sondern der „Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs“ (Mt 22, 32). Jesus stellt sich in eine lange Reihe von Propheten, die ihn verkündet und dabei auch oft genug massive Kritik an den offiziellen Vertretern der Religion geübt haben. Jesus wird in den Evangelien aber als mehr als ein Prophet bezeichnet.

Jesus als Sohn Gottes

Bei der Taufe durch Johannes den Täufer, selbst ein radikaler Reformer im Judentum seiner Zeit, im Jordan ertönt eine Stimme aus dem Himmel: „Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen“(Mk 1,11). Für einen gläubigen Juden ist die Vorstellung, Jahwe könnte einen Sohn haben, der auf Erden als Mensch herumspaziert, undenkbar, ja Blasphemie. Jesus als großer Prophet, Jesus als Reformer – ja. Jesus als Sohn Gottes – nein.
Was für das Christentum zum Zentrum des Glaubens wird, die Gottessohnschaft Jesu, wird zugleich zum Anstoß der Trennung von seinen jüdischen Wurzeln. Diese Trennung ist, wenn wir die frühe Geschichte des Christentums betrachten, nicht gerade harmonisch verlaufen: Es gibt gegenseitige Beschuldigungen und Verurteilungen – sogar zum Tode. Es gibt Konvertiten wie Paulus und eine theologische Entwicklung im Christentum, welche die Göttlichkeit Jesu noch deutlicher definiert, als es die Evangelien tun. Dieser zentrale Unterschied besteht bis heute.

Jüdische Wurzeln

Anders als in früheren Jahrhunderten aber leugnen christliche Theologen bis hin zum Papst heute die jüdischen Wurzeln des Christentums nicht mehr. Das Alte Testament ist nicht veraltet, sondern das erste, noch immer auch für das Christentum gültige Testament, auf welches das zweite Testament vielfach Bezug nimmt.
Die Juden sind die älteren Brüder der Christen, und von älteren Brüdern distanzieren sich die jüngeren nur zu gern, sie wollen eine eigene Identität haben und gehen damit den älteren oft auf die Nerven. Brüder bleiben sie trotzdem.