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Kärntner Kirchenzeitung - „Sonntag”

Bildung für alle Menschen

"Welthaus-Gäste" Xiomara Manzanares und Ivan Jarquín leisten Pionierarbeit in ihrer Heimat Nicaragua

Das “Welthaus“ der Diözese Gurk hat mit den beiden Referenten auch das ORG St. Hemma in Gurk besucht. (© Foto: Bergmann-Müller / Sonntag)
Das “Welthaus“ der Diözese Gurk hat mit den beiden Referenten auch das ORG St. Hemma in Gurk besucht. (© Foto: Bergmann-Müller / Sonntag)

Xiomara Manzanares (32) ist glücklich verheiratet, hat zwei Kinder und einen tollen Job.  Ihr Studium für Land- und Forstwirtschaft hat sie mit Erfolg absolviert. – Eine ziemlich außergewöhnliche Karriere für eine Frau in Nicaragua. Vor allem für eine, die aus einer der ärmsten Regionen des zentral-amerikanischen Staates stammt. Und einem Land, in dem Frauen- und Kinderrechte mit Füßen getreten werden.
Xiomara wuchs mit 14 Geschwistern in Las Minas, einem Küstenlandstrich in der Osthälfte des Landes, in der Atlantikregion auf. Ihren Eltern, selbst Analphabeten, war die Ausbildung der Kinder ein Herzensanliegen. Obwohl die Familie arm war, sieht sich Xiomara heute als privilegiert. Viele Entbehrungen und jede Menge finanzielle Unterstützung waren vonnöten, damit die junge Frau diesen Weg gehen konnte. Heute leitet sie die Stiftung für Autonomie und Entwicklung der Atlantikregion. Sie kämpft mit ihrem Team in der Organisation „Fadcanic“ in der Region Rosita gegen Kinderarbeit und innerfamiliäre Gewalt. Denn nur mit einer fundierten Ausbildung hat man in den armen Ländern dieser Welt eine Chance. „In Nicaragua ist die Schulpflicht für alle zwar gesetzlich verankert, jedoch fehlt es an jeglicher  Kontrolle“, weiß sie. Abgesehen davon, fehle es in den Dörfern an der nötigen Infrastruktur und gut ausgebildeten Pädagogen. „Kinder müssten oft einen Schulweg von vielen Stunden auf sich nehmen“, sagt sie. Da sei es den meisten Eltern schon lieber, die Kinder zur Arbeit zu schicken. – Eine fatale Entscheidung, zumeist aus der Not getroffen.
Gesetzlich verankert sind seit der sandinistischen Revolution in den 1980er Jahren auch die Rechte der Frauen gegen männliche Gewalt. Im Alltag bleiben diese Gesetze jedoch wirkungslos. Xiomara Manzanares: „Obwohl es viele Fälle von Gewalt, sexuellem Missbrauch und sogar Mord gibt, kommen die wenigsten Straftaten vor den Richter!“
„Nicaragua zwischen Poesie und Wirklichkeit“, so der Arbeitstitel der Projektpräsentation der „Welthaus“-Gäste in verschiedenen Schulen und Pfarren Kärntens. Nicaragua, das „Land der Dichter“ mit so  bekannten Schriftstellern wie Gioconda Belli und Ernesto Cardenal und einer Realität, die mit Poesie aber schon gar nichts mehr zu tun hat, sieht man von der landschaftlichen Schönheit  einmal ab. Die Literatur ist voll von Berichten über große soziale Probleme: Armut, häusliche Gewalt, ungerechte Bildungschancen und gefährliche Kinderarbeit.  „So wie die gro-ßen Schriftsteller erheben aber auch viele mutige Menschen an der Basis ihre Stimme gegen Armut und Ungerechtigkeit“, weiß Peter Mödritscher, Bildungsreferent im „Welthaus“ der Diözese Gurk. „Mit den Gastbesuchen wollen wir diesen Menschen ein Forum geben.“
Gemeinsam mit Xiomara Manzanares, der Aktivistin gegen Kinderarbeit, tourte der Universitätsdozent und gelernte Tierarzt Ivan Jarquín (38) durch unser Land. Seit 12 Jahren arbeitet er als Dozent an der Universität Uraccan. Erst 1993 wurde diese erste Hochschule in der gesamten Atlantikregion auf Initiative von engagierten Gleichgesinnten ge-gründet.

Hilfe zur Selbsthilfe
Zum ersten Mal in der Geschichte des Landes bekamen dadurch die in der Region beheimateten indigenen Bevölkerungsgruppen, vier an der Zahl, Zugang zu höherer Bildung. „Wir setzen auf die Ausbildung von Fachpersonal mit einem multikulturellen und mehrsprachigen Ansatz“, so Jarquin. Die erste Studentengeneration 1995 hatte ein Durchschnittsalter von 38 Jahren. Denn auch Schulabbrecher bekommen eine Chance: „Als Voraussetzung für das Studium werden Kurse für einen Sekundarschulabschluss durchgeführt.“ Jarquin:„Unser Hauptziel ist es, professionelle Arbeitskräfte in diesem vernachlässigten Gebiet Nicaraguas auszubilden. Lehrende und Studierende arbeiten eng mit der bäuerlichen Bevölkerung zusammen, um die Ernährungssituation zu verbessern, die Situation der Frauen zu thematisieren und die Umwelt zu schützen.“ Unterstützt werden beide Projekte in Nicaragua u. a. auch von der Dreikönigsaktion, der Katholischen Männerbewegung und der Katholischen Frauenbewegung.
A. Bergmann-Müller