Kirche in der medialen Champions League
Theologie aktuell - Rezensionen aktueller theologischer Fachartikel und Anstöße für das theologische Gespräch

Im Artikel "Neue Medien gerne nutzen. Ein Plädoyer für kulturelles Liga-Bewusstsein" (In: Lebendige Seelsorge 63. Jahrgang 1/2012, S. 17 - 22) fordert der Juniorprofessor für Pastoraltheologie an der Ruhruniversität Bochum, Matthias Sellmann, die Kirche auf, die neuen Medien weit stärker als bisher zu nutzen. Die Auftritte der Kirche Deutschlands im Netz sind - so Sellmann - weitgehend hausbacken und bieder. Aufgrund ihres Auftrages, ihrer Größe und Bedeutung gehört Kirche jedoch nicht in die mediale Regionalliga sondern in die Champions League.
Mag. Maximilian Fritz, Referent für Pfarrgemeinden, Leiter der Kontaktstelle für pfarrliche Öffentlichkeitsarbeit und Internetredakteur, hat den Artikel rezensiert. In einem Gespräch mit Michael Kapeller, gibt er Matthias Sellmann weitgehend Recht und konkretisiert dessen Forderungen auf dem Hintergrund seiner Erfahrungen als Internetredakteur.
Was bietet die Kirche "Usern" neuer Medien und was suchen sie?
Die Fülle kirchlicher „Contents“ (also neudeutsch für „Inhalte“) im weltweiten Netz ist unüberschaubar, schließlich lässt sich „Kirche“ im weltweiten Datenverkehr genauso wenig klar definieren wie außerhalb: wer ist Kirche? Sind es die einzelnen Diözesen mit ihren eigenen Homepages und den auf ihnen nachzulesenden Informationen und Impulsen, sind es die einzelnen Pfarren mit ihren Pfarrwebsites, sind es Ordensgemeinschaften und religiöse Gruppen, die neue Medien als Verkündigungs- und Informationsorgan nutzen oder sind es Einzelpersonen und kleine Gruppen, die ihre Glaubensbotschaften über Facebook, Internet und You-Tube künden.
Die Aufzählung der unterschiedlichen Partner (Konkurrenten?) unter dem Schlagwort „Kirche“ zeigt aber auch schon die Inhalte und zu einem gewissen Teil auch das „Kundenbedürfnis“. Kirche, wenn ich als Beispiel die diözesane Website der Diözese Gurk nehme, versucht den Usern Informationen und Impulse zu bieten. Neben dem klassischen Dogma lokaler Berichterstattung (Nähe, Nutzen, Neuigkeit) will die diözesane Homepage anhand von „Lebensdialogen“ Suchenden Antworten zu christlichen Inhalten ebenso bieten wie pastorale Impulse. Die „Kunden“ der Website suchen auch genau diesen Mix- sie wollen sich über das kirchliche Leben (in Kärnten) informieren, aber auch Antworten auf Fragen des Lebens bekommen.
Wo beginnt bei Ihnen "Seelsorge im Netz" und wo endet sie?
Das „Netz“ kann kein persönlicher Gesprächsersatz sein, rein kommunikationstechnisch nicht. Schließlich lebt Kommunikation auch von den Zwischentönen, den Betonungen, der Körpersprache beim Reden uvm. Das Netz kann nur schnelle Grundantworten für Fragen bieten, Antworten allerdings, die zu einer Vertiefung im direkten Miteinander führen sollten (und hoffentlich auch können). Soziale Medien können sozusagen als „Türöffner“ fungieren - keine Frage -, gut aufbereitete Glaubensinformationen können vor schnellen Vorurteilen schützen bzw. diese widerlegen helfen. Die Homepage der Katholischen Kirche Kärnten versteht sich durch ihre „Architektur“ anhand thematischer Felder als solch ein „Türöffner“ für „Lebensdialoge“. So gesehen macht eine (Prae-)Seelsorge im Netz durchaus Sinn - sie endet aber dort, wo wirkliche
Seelsorge eigentlich beginnt: im direkten Miteinander, im erfahrbaren und erlebbaren Miteinander des realen Lebens.
Wie reagieren Sie auf den Einwand, dass es beim Glauben um reale Beziehungen (zu Gott und dem Menschen) geht und nicht um ein virtuelles Spiel?
Glaube ist natürlich kein „Computerspiel“, natürlich nicht auf eine virtuelle Ebene reduzierbar. Tatsache ist aber, dass die katholische Kirche den Glauben auch im virtuellen Raum zum Thema machen muss, will sie das Feld nicht anderen „Anbietern“ überlassen. Es gilt also einen „Spagat“ zu schaffen zwischen Methode und Inhalt, zwischen zielgruppengerechten Angeboten und Einladungen, sich mit dem Glauben auseinander zu setzen und dem klaren Hinweis, dass „social medias“ keine Plattformen für Glaubensvollzug sind. Der muss schon im eigenen „Ich“ geschehen - und nicht durch einen virtuellen Avatar.