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Kärntner Kirchenzeitung - „Sonntag”

Was hat Europa noch zu sagen?

Macht und Ohnmacht des alten Kontinents

In zwei Foren wurde beim Pfingstdialog "Geist & Gegenwart" den Erzählungen Europas, seinen Traditionen und Werten nachgegangen sowie die Frage nach der wirtschaftlichen Macht der EU behandelt.

Peter Weibel: Die Geschichte Europas ist eine Geschichte der Migration. (© Foto: Kronawetter)
Peter Weibel: Die Geschichte Europas ist eine Geschichte der Migration. (© Foto: Kronawetter)

Die Schriftsteller György Dalos, Barbara Frischmuth und Navid Kermani, die Germanistin Ruth Klüger und der Künstler Peter Weibel diskutierten   über die „großen Erzählungen Europas“.
Peter Weibel wies darauf hin, dass am Anfang Europas die Migration stand. Vor allem die Aeneis als Gründungsmythos von Rom mache dies deutlich: „Europa hat heute ein Problem mit Migranten, weil es ein Problem mit sich selbst hat“, konstatierte der in Odessa geborene Weibel.
Das Bild des „guten Europäers“ zeichnete der Schriftsteller und Orientalist Navid Kermani. Er bezeichnete das „europäische Projekt als globale Aufgabe“. Ein Europa, das aus Krieg und Verfolgung gelernt habe und nun Offenheit praktiziere. Es sei „zutiefst erschütternd“, wie nachlässig man mit der EU umgehe. Für Kermani sind nur jene „echte“ Europäer, die europäische Werte leben. Diesem positiven, aber eingeschränkten Bild kann sich Barbara Frischmuth nicht anschließen: „Europa muss sich seinen positiven, aber auch seinen negativen Werten stellen“, meinte sie und wurde darin von Ruth Klüger noch ergänzt, die provokant feststellte: „Europa ist gemeingefährlich für die Welt.“ Bei so viel Europa-Skeptik hielt der Deutsch-Iraner Kermani entgegen: „Aus den Verbrechen Europas hat Europa selbst die Menschenrechtskonvention entwickelt. Diese Tradition muss weiter hochgehalten werden – gerade gegen die neu entstehenden Nationalismen.“
Einigkeit herrschte am Podium wieder, als Peter Weibel feststellte, dass Europa heute längst kein geographischer Begriff mehr sei. Der Ungar György Dalos etwa betonte, dass man selbst in Sibirien „europäische“ Literatur schrieb und schreibt und dass etwa der europäische Wertekanon keine kontinentale Grenze kenne. In diesem Sinne stellte Kermani fest, dass die europäischen Grundlagen ja aus dem Nahen Osten stammten – etwa die Bibel.

„Die Krise Europas ist die ungeheure Schere zwischen Reich und Arm. Millionen Menschen haben keine Zukunft.“ Franz Küberl, Caritas-Präsident, weiß, wovon er spricht. Ihm geht es nicht um den Wirtschaftsfaktor, sondern um die Menschen, die unter genau diesem Faktor zu leiden haben.
Drastisch unterstrichen wurde diese Analyse beim Forum „Wirtschaft“ in Seggauberg vom deutschen Wirtschaftsforscher Meinhard Miegel. „Europa wird insgesamt vom hohen Ross steigen müssen“, attestierte er und bezeichnete die Krisen rund um Griechenland, Irland oder Portugal als harmlos im Vergleich zu dem, was auf Europa zukomme. Widerspruch erntete er dafür von Infineon-Chefin Monika Kircher-Kohl. Der technologische Fortschritt etwa bei nachhaltiger Energie werde Europa wirtschaftlich auf die Überholspur bringen, ist sie überzeugt. Das unterstrich auch der mächtige Ex-Manager von Böhler-Uddeholm, Claus Raidl. Er sieht allerdings massive Schwächen in der mangelnden Einheit Europas und forderte mehr Macht für Brüssel: „Keine Währungsunion kann überleben, wenn die Wirtschafts- und Finanzpolitik nicht zentralisiert werden.“ Brüssel müsse künftig die Mitgliedsstaaten besser überwachen können, ist Raidl überzeugt.