Der neue Franziskusbote Juli/August 2026 ist da!
Die Disziplin des Herzens
Christine Walder
Die Disziplin des Herzens
Liebe Geschwister, liebe Freunde des hl. Franziskus!
Wir gehen in den Sommer hinein, der für uns OFS-Geschwister nicht einfach eine Pause bedeutet. Wir bleiben Ordensgeschwister zu jeder Jahreszeit. Unser Leben in der Welt wird durch unsere Ordensregel bestimmt, ob es nun mehr oder weniger Termine in der Gemeinschaft gibt.
Deshalb ist das Programm, das wir im OFS Tigring auch im Sommer haben, Balsam für unsere Seele. Ob es die Anbetungstermine am Freudenberg sind, die alljährliche Fußwallfahrt oder die Ordenskapitel im Juli und August, wir dürfen unser Leben im Orden auch im Sommer danach ausrichten und nicht einfach in eine geistliche Lethargie verfallen. Wichtig ist es auch, unser Herz regelmäßig zu einer gewissen Disziplin zu „erziehen“. Worum geht es dabei? Was ist das für ein Herz, das nicht einfach wie ein Schiff im Sturm auf dem Meer herumgeworfen wird?
Die unerschütterliche Seele
Die meisten Menschen werden nicht durch Leid zerstört. Sie werden zerstört, indem sie jedem Gefühl nachgeben, das das Leid in ihnen weckt.
Der heilige Franziskus entdeckte in seinem Leben und Leiden eine tiefe Weisheit. Er erkannte, dass Heiligkeit nicht darin besteht, Frieden, Freude oder Inspiration zu empfinden. Sie besteht darin, im Glauben und in der Liebe treu zu bleiben, auch wenn keines dieser Gefühle verspürt wird.
Unsere Gefühle sind wie Wellen. Manche heben uns empor. Andere drohen, uns unter Wasser zu ziehen. Doch ein Schiff erreicht sein Ziel nicht, indem es sich von Wellen treiben lässt. Es erreicht sein Ziel, indem es seinem Kurs treu bleibt.
So ist es auch mit der Seele.
Knechtschaft des Herzens
Unsere größte Knechtschaft besteht nicht gegenüber einem anderen Menschen. Sie besteht gegenüber einem Herzen, das nicht anders kann, als jeder flüchtigen Gefühlsregung zu gehorchen.
Wenn ich immer meinem Zorn nachgeben muss, bin ich sein Sklave.
Wenn ich immer meiner Angst folgen muss, bin ich ihr Sklave.
Wenn ich immer meinen Begierden nachgehen muss, beherrschen sie mich längst.
Christus kam nicht nur, um uns unsere Sünden zu vergeben, sondern um uns zu heilen. Deshalb sind regelmäßiges Gebet, Schweigen, Fasten und Gehorsam so wichtig. Sie lehren unser unruhiges Herz nach und nach, dass es nicht länger seinen Stimmungen, sondern Christus gehört.
Praktische Hinweise:
Triff keine wichtigen Entscheidungen, wenn dich starke Gefühle überwältigen. Starke Gefühle verengen unseren Blick. Wut bewirkt oft, dass wir andere bestrafen wollen. Angst löst in uns Fluchtgedanken aus. Traurigkeit macht uns glauben, dass sich nie etwas zum Guten ändern wird.
Warte, auch wenn es dir schwerfällt, bis dein Herz friedvoll genug ist, um klar zu sehen. Eine Entscheidung, die in friedvollem Gebet getroffen wird, ist weiser als eine, die in emotionalem Aufruhr gefällt wird.
Versuche unangenehme Gefühle in Ruhe anzunehmen, anstatt sofort auf sie zu reagieren. Nicht jedes Gefühl verlangt eine Reaktion. Manchmal ist das geistlich Klügste, was du tun kannst, einfach still zu sein.
Bringe deinen Schmerz, deine Enttäuschung oder Wut vor Gott, ohne zu versuchen, sie zu lösen oder zu betäuben. Emotionen verlieren viel von ihrer Macht, wenn sie angeschaut, durchbetet und Gott übergeben werden, anstatt ihnen nachzugeben.
Kehre zum Gebet zurück, bevor du Gespräche fortsetzt. In Konflikten ist es oft unser erster Impuls, uns zu verteidigen oder das letzte Wort zu haben. Zieh dich zurück. Bete zuerst. Lass Christus dein Herz beruhigen, bevor du wieder sprichst. Ein Gespräch, das von innerem Frieden getragen ist, hat viel mehr Kraft als eines, das von verletzten Gefühlen bestimmt wird.
Die wichtigste Frage
Frage dich jeden Tag: „Lass ich mich von meinen Gefühlen oder vom Heiligen Geist leiten?“ Diese Frage wird dein Herz nach und nach umformen. Der Heilige Geist schenkt Liebe, Frieden, Geduld, Güte und Selbstbeherrschung.
Gefühle mögen laut sein, aber der Heilige Geist spricht mit stiller Klarheit. Lerne, den Unterschied zu erkennen. Je öfter du dich für den Geist und gegen deine Impulse entscheidest, desto freier und unerschütterlicher wird dein Herz.
Lass deine Gefühle – so menschlich und wichtig sie sind - nicht den Thron deines Lebens einnehmen. Lass Christus dort regieren. So wie es auch unser Ordensvater Franziskus getan hat, unser aller geistliches Vorbild.
Diese aktuellen Überlegungen, die wir den Geschwistern des OFS Australien und deren geistlichen Assistenten verdanken, führen uns letztendlich wieder zur Bedeutung des Gebets zurück. Das Hintragen unserer Gefühle und Belastungen zu Gott und das Durchbeten wird zur formenden Kraft unseres Herzens, das dadurch an Stärke und Disziplin gewinnt.
Gedanken zum Durchbeten
„Es gibt viele, die mit Gott reden; aber wenige, die recht beten“ so sagt uns der hl. Augustinus. Es ist die rechte innere Gebetshaltung, die uns den Himmel aufschließt. Unser oft zitiertes „Hausbuch für Mitglieder des Dritten Ordens des Hl. Vaters Franziskus“ (1887) meint dazu in großer Klarheit: „Wie müssen wir beten? Die Antwort ist: Andächtig, demütig, vertrauensvoll, im Namen Jesu, beharrlich und mit Ergebung in den göttlichen Willen. So ist die erste Bedingung zu einem guten Gebete die Aufmerksamkeit und Sammlung des Geistes und die Andacht des Herzens.“
Gerade wenn wir von Gefühlsstürmen hin- und hergerissen werden, ist diese Haltung oft schwer zu erlangen und wir müssen uns die nötige Zeit geben.
Gerade deshalb sagt uns Jesus auch: „Wenn du betest, gehe in dein Kämmerlein, verschließe die Türe und bete zu deinem Vater im Verborgenen“ (Matth. 6,6).
Dieses Kämmerlein muss nicht immer räumlich gemeint sein, es kann und soll auch die Herzenskammer sein, in die wir uns zum Beten zurückziehen. Gerade wir Geschwister im OFS, deren Kloster die Welt ist, können unserer Herzenskammer für das Gebet nicht genug Bedeutung beimessen. Sie ist ein besonderer spiritueller Ort, in dem wir mit Gott allein sein können und wo wir alles vor ihn hintragen dürfen, was uns schmerzt, quält und beunruhigt. Tun wir es voll Vertrauen und wir werden erleben dürfen, wie sich unsere Seelenkräfte immer mehr festigen und tragfähiger werden mit Gottes Hilfe.
Euch allen einen schönen, gesegneten Sommer mit geschwisterlichen Grüßen
Eure Sr. Klara / Christine Walder
Pace e bene!