Psychische Krisen erkennen: „Das Wichtigste ist, hinzuschauen und nachzufragen“

Psychische Krisen sind für Außenstehende nicht immer leicht zu erkennen. Gleichzeitig bestehen rund um Suizid noch immer viele Unsicherheiten und falsche Vorstellungen. Wie können Angehörige reagieren, wenn sie sich Sorgen um einen Menschen machen? Welche Warnsignale sollte man ernst nehmen? Und wann braucht es professionelle Unterstützung?

Von 10. September bis 10. Oktober findet der Yellow September statt – eine bundesweite Aktion, um auf psychische Gesundheit aufmerksam zu machen. Das war der Anlass für ein Interview mit Mag. Heide Friessnig, Psychologin im Krankenhaus Waiern. Sie spricht darüber, warum Zuhören oft wichtiger ist als schnelle Lösungen – und warum es helfen kann, schwierige Themen offen anzusprechen.

Foto von Freepik / Magnific
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Welche Warnsignale können darauf hindeuten, dass es einem Menschen psychisch sehr schlecht geht?

Das ist immer sehr individuell – genauso wie wir Menschen unterschiedlich sind. Mögliche Anzeichen können zum Beispiel sozialer Rückzug, starke Niedergeschlagenheit, Unruhe oder auffällige Veränderungen im Verhalten sein. Manche Menschen reagieren auch gereizter oder aggressiver als sonst.

Besonders ernst nehmen sollte man es, wenn jemand wiederholt über den Tod oder über Suizid spricht oder entsprechende Andeutungen macht. Ein einzelnes Anzeichen bedeutet aber nicht automatisch, dass eine akute Suizidgefahr besteht. Entscheidend ist immer, die gesamte Situation der Person zu betrachten und bei Unsicherheit nachzufragen.

Welche Mythen rund um Suizid begegnen Ihnen in Ihrer Arbeit besonders häufig?

Ein verbreiteter Irrglaube lautet: „Wer darüber spricht, macht es ohnehin nicht.“ Das stimmt nicht. Viele Menschen sprechen vor einem Suizidversuch über ihre Gedanken oder senden Signale an ihr Umfeld. Deshalb sollten solche Aussagen immer ernst genommen werden.

Ein weiterer Mythos ist, dass man einem Menschen ohnehin nicht helfen könne, wenn dieser sich das Leben nehmen möchte. Auch das stimmt so nicht. Menschen in einer schweren Krise erleben häufig einen starken Tunnelblick und sehen in diesem Moment kaum noch andere Möglichkeiten. Gleichzeitig kann es durchaus einen Anteil geben, der weiterleben und Unterstützung bekommen möchte. Genau hier können Gespräche und professionelle Hilfe entscheidend sein.

Viele Menschen haben Angst, das Thema Suizid bei betroffenen Personen anzusprechen. Was raten Sie ihnen?

Suizid ist gesellschaftlich nach wie vor ein großes Tabuthema. Viele Menschen haben Angst, dass sie durch eine direkte Frage eine Krise verschlimmern oder jemanden überhaupt erst auf die Idee bringen könnten.

Diese Sorge sollte uns aber nicht davon abhalten, das Gespräch zu suchen. Für Betroffene kann es sogar erleichternd sein zu merken: Jemand sieht, dass es mir schlecht geht. Jemand nimmt mich ernst.

Manchen Menschen fällt ein Gespräch übrigens leichter, wenn man dabei nicht direkt gegenübersitzt – etwa bei einem gemeinsamen Spaziergang.

Was sollte man in einem solchen Gespräch beachten?

Wir neigen schnell dazu, Lösungen anzubieten. Dabei kann es zunächst viel hilfreicher sein, einfach zuzuhören.

Gefühle müssen nicht sofort verändert oder „repariert“ werden. Auch Hoffnungslosigkeit oder Verzweiflung sind in diesem Moment Gefühle, die für die betroffene Person real sind. Statt gleich Ratschläge zu geben, kann man nachfragen: „Was beschäftigt dich daran besonders?“ oder „Was macht die Situation gerade so schwierig für dich?“

Hilfreich kann es auch sein, das Gehörte mit eigenen Worten zusammenzufassen: „Habe ich dich richtig verstanden, dass …?“ So merkt die andere Person, dass wirklich zugehört wird, und Missverständnisse können geklärt werden.

Wann sollte professionelle Hilfe geholt werden?

Spätestens wenn eine psychische Belastung den Alltag deutlich beeinträchtigt – etwa in der Familie, im Beruf oder im sozialen Leben – sollte professionelle Unterstützung in Betracht gezogen werden.

Wenn jemand kaum noch aus belastenden Gedanken herauskommt oder eine Selbst- beziehungsweise Fremdgefährdung besteht, braucht es rasch professionelle Hilfe. Bei einer akuten Gefährdung sollte sofort medizinische beziehungsweise psychiatrische Notfallhilfe verständigt werden.

Was kann ich tun, wenn eine Person keine Hilfe annehmen möchte?

Das ist für Angehörige oft besonders schwierig. Solange keine akute Gefährdung besteht, muss die Entscheidung eines Menschen grundsätzlich respektiert werden.

Trotzdem kann man immer wieder Gesprächsbereitschaft zeigen und dazu ermutigen, Unterstützung anzunehmen. Man kann beispielsweise anbieten, gemeinsam nach einer geeigneten Anlaufstelle zu suchen, einen Termin auszumachen oder die Person zu einem Gespräch zu begleiten.

Was wünschen Sie sich von unserer Gesellschaft im Umgang mit psychischer Gesundheit?

Psychische Gesundheit sollte viel selbstverständlicher Teil unserer Gesundheitsvorsorge sein. So wie wir zu Vorsorgeuntersuchungen gehen, sollte es normal sein, auch auf die eigene seelische Gesundheit zu achten und sich frühzeitig Unterstützung zu holen. Dafür braucht es Aufklärung, Schulungen und ausreichend niederschwellige Anlaufstellen.

Was gibt Ihnen in Ihrer täglichen Arbeit Hoffnung?

Es gibt viele positive Geschichten. Oft sind es gar nicht die großen Veränderungen, sondern kleine Schritte.

Wenn ich merke, dass ein Mensch nach einem Gespräch wieder ein wenig zuversichtlicher durch die Tür geht als zuvor, dann ist das etwas sehr Schönes. Es sind diese menschlichen Begegnungen und kleinen Entwicklungen, die zeigen, dass sich etwas verändern kann – und genau das gibt mir Hoffnung.